«Die Begeisterung fürs Klee-Zentrum begann mit einem tiefen Erlebnis»

Hans Lauri gehörte zu den treibenden Kräften beim Projekt Zentrum Paul Klee (ZPK). Der frühere Finanzdirektor des Kantons erinnert an die Umstände der Entstehung und wehrt sich gegen den Vorwurf der Blauäugigkeit.

«Es war ein vertretbares Risiko»: Hans Lauri im ZPK. Er bestreitet, bei der Gründung das Problem der Betriebskosten unterschätzt zu haben.

«Es war ein vertretbares Risiko»: Hans Lauri im ZPK. Er bestreitet, bei der Gründung das Problem der Betriebskosten unterschätzt zu haben.

(Bild: Stefan Anderegg)

Oliver Meier@mei_oliver

Herr Lauri, wann waren Sie das letzte Mal im Klee-Zentrum?Hans Lauri: Gerade eben, als Vorbereitung für das Interview. (lacht)

Das gilt nicht. Sind Sie Stammgast?^ Nein, aber einmal pro Jahr gehe ich sicher hin, etwa auch im Rahmen von Tagungen.

Und? Ich bin immer noch begeistert.

Wovon? Von der Gesamtanlage. Hinten im Skulpturengarten die totale Ruhe. Vorne eine ganz andere Welt: die Autobahn. Dazwischen ein spektakuläres Gebäude mit grossartiger Kunst, das im Hügel verschwindet.

Ganz ehrlich: Hat Sie dieser Standort von Anfang an überzeugt? Ja. Meine Begeisterung begann mit einem tiefen Erlebnis. Jahre bevor das Zentrum gebaut wurde, ging ich ins Schöngrün-Areal, um mir einen Eindruck zu verschaffen. Und wen traf ich dort zufällig?

Den Geist von Paul Klee. Nein, Maurice E. Müller und den Architekten Renzo Piano. Das war ein unvergessliches Treffen. Piano sagte: Schauen Sie die Alpenkette dort und die sanften Moränenhügel hier. Diese weichen Formen haben mich zu meiner Gestaltungsidee mit den drei Gebäudehügeln geführt.

Die Kontroverse um den Standort war beträchtlich. Stimmt, der Standort wurde hart bekämpft. Von verschiedensten Kreisen, vor allem von Architekten und Städteplanern.

Für die Einwände hatten Sie nie Verständnis? Verständnis schon. Aber zustimmen konnte ich nicht. Ich finde es legitim, dass einer Einfluss nehmen will, wenn er 125 Millionen Franken auf den Tisch legt.

Schon damals sagte man: Ein Geschenk, das mit Auflagen verbunden ist, ist kein Geschenk. Maurice E. Müller war ja auch nicht eigentlich ein Mäzen. Er sagte zunächst: Ich helfe, indem ich euch Land zur Verfügung stelle. So hat alles begonnen.

Auf dem Boden wollte er erst ein Rehabilitationszentrum bauen. Mag sein. Spielt das eine Rolle? Er hat ein faires Angebot gemacht: Ich gebe euch Geld für einen «Leuchtturm». Aber es sind einige Bedingungen damit verbunden. Dass ich meinen Lieblingsarchitekten wählen kann und dass es ein Kunstzentrum wird und nicht «bloss» ein monografisches Museum. Müller ist mit Geld und mit einer Vision gekommen. Kennen Sie einen anderen Berner, der je auch nur annähernd tief in die Tasche gegriffen hat? Ich kenne keinen.

Tatsache ist: Durch das Müller-Angebot wurden übliche Verfahren ausgehebelt. Die Baufinanzierung durch die private «Maurice E. and Martha Müller Foundation» hat den Ablauf entscheidend vereinfacht. Hätte man hier die üblichen Verfahren durchspielen müssen, wäre womöglich das ganze Projekt Klee-Museum gescheitert.

Wieso? Ich erinnere daran, dass die Bilderschenkung von Livia Klee-Meyer mit der Auflage verbunden war, bis 2006 ein Museum zu realisieren. Sonst hätten wir die Schenkung verloren. Der Zeitdruck war gross. Vergessen wir bei dieser Gelegenheit auch nicht die wertvolle Dauerleihgabe von Alexander Klee, die ebenfalls im neuen Zentrum unterzubringen war.

Was haben Sie sich gedacht, als Sie erstmals von Müllers Angebot hörten? Ich muss betonen: Die grundsätzlichen Überlegungen der öffentlichen Hand sind nicht bei mir entstanden. Sondern bei meinem damaligen Regierungskollegen Peter Schmid, bei Stadtpräsident Klaus Baumgartner und Burgergemeindepräsident Kurt Hauri. Ich kam erst dazu, als sich das Müller-Angebot konkretisierte.

Aber dann gehörten Sie zu den treibenden Kräften auf politischer Ebene. Das ist korrekt.

Haben Sie alles richtig gemacht? Natürlich habe ich mich nachträglich gefragt, ob wir uns zu rasch vom Geschenk des Ehepaars Müller begeistern liessen.

Und? Die Antwort ist nein. Man muss sich die Situation von damals vergegenwärtigen. Die Finanzsituation des Kantons war überaus schlecht, die Sparnot massiv. Zugleich herrschte grosse Unsicherheit, ob ein geplantes, vollständig öffentlich finanziertes Klee-Museum in der verfügbaren Zeit überhaupt machbar sein würde. In dieser Situation kommt jemand und sagt: Ich offeriere euch das. Wenn man heute sagt, der Lauri war blauäugig, so geht das an der damaligen Wirklichkeit vorbei.

Dennoch: Was würden Sie anders machen? Es gibt einen Punkt, auf den ich heute ein grösseres Augenmerk legen würde: Bei einem solchen Investitionsgeschenk muss man sich natürlich immer auch mit den Betriebskosten auseinandersetzen. Also wie wird der Betrieb in den nächsten zehn, zwanzig Jahren finanziert?

Das hat man nicht gemacht? Doch. Wir haben die mutmasslichen Betriebsbeiträge gegenüber dem Grossen Rat und der Öffentlichkeit klar aufgezeigt, aber nicht gleichzeitig für mehrere Jahre bewilligen lassen, beispielsweise mit einem langjährigen Verpflichtungskredit.

Man hat darauf verzichtet. ...weil man vorwärtsmachen musste. Ich habe das Protokoll der Debatte im Grossen Rat noch einmal angeschaut. Ich habe im Auftrag des Regierungsrats klar darauf hingewiesen, dass über Betriebsbeiträge und baulichen Grossunterhalt später nochmals zu entscheiden sei. Und wissen Sie was? Das Geschäft wurde mit 132 gegen bloss 7 Stimmen bei 10 Enthaltungen angenommen!

Haben Sie das Problem der Betriebskosten unterschätzt? Nein, es war ein vertretbares Risiko, wie das auch die bisherige Entwicklung zeigt. Die Mittel sind sicher knapp. Aber inzwischen schreibt die Institution ja schwarze Zahlen. Allerdings steht etwas anderes in einer ferneren Zukunft noch bevor.

Sie meinen... ....den baulichen Grossunterhalt. Irgendeinmal wird er anfallen, wie wir das jetzt beispielsweise beim Stadttheater erleben. Es gehört zu den generell kritisierbaren Eigenheiten öffentlicher Finanzierungen, dass der spätere bauliche Grossunterhalt in den jährlichen Betriebsbeiträgen nirgends mitberücksichtigt wird. Nach den ursprünglichen Plänen wäre das Klee-Museum eine Art Filiale des Kunstmuseums gewesen. Heute stehen sich zwei Institutionen gegenüber, die nur mit Mühe zusammenfinden. Der Regierungsrat hat schon im Jahr 2000 gesagt, dass man eine Dachstiftung machen muss.

Diesen Sommer wird die neue Dachstiftung von Kunstmuseum und Klee-Zentrum ihre Arbeit aufnehmen. Hat man fünfzehn Jahre geschlafen? Nein. Aber die Widerstände waren bis vor kurzem zu gross. Vielleicht hätte man früher mit mehr Druck durchsetzen können, was jetzt im Konsens möglich wurde. Aber ich denke nicht, dass das gut gekommen wäre.

Nun gibt es zwar eine gemeinsame strategische Führung, aber keine einheitliche künstlerische Leitung. Wäre eine Fusion in diesem Sinne nicht doch klüger gewesen? Ich kann und will das nicht beurteilen. Was heute möglich ist, ist die Dachstiftung. Was morgen möglich sein wird, bleibt offen.

Berner Zeitung

Diese Inhalte sind für unsere Abonnenten. Sie haben noch keinen Zugang?

Erhalten Sie unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte:

  • Exklusive Hintergrundreportagen
  • Regionale News und Berichte
  • Tolle Angebote für Kultur- und Freizeitangebote

Abonnieren Sie jetzt