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Folgen der Krise für die AHVKritisch wird es für die Sozialwerke ab 2021

Dieses Jahr kommen die Sozialversicherungen wohl noch glimpflich über die Runden. Nach Ansicht des Thinktank Avenir Suisse wird die Lage ab 2021 schwieriger, wenn für die meisten Firmen die Kurzarbeit ausläuft.

Die Rentenzahlungen der AHV sind trotz Corona-Krise vorerst gesichert.
Die Rentenzahlungen der AHV sind trotz Corona-Krise vorerst gesichert.
Foto: Urs Jaudas

Rund 170 Milliarden Franken jährlich gibt die Schweiz für die soziale Sicherheit aus. Etwas mehr als die Hälfte davon wird über Lohnbeiträge finanziert. Die Corona-Krise und die teilweise stillstehende Wirtschaft werden deshalb zum grossen Stresstest für die Sozialwerke, wie die wirtschaftsnahe Denkfabrik Avenir Suisse in einer Situationsanalyse schreibt. Die Studienautoren stützen sich dabei auf die Wirtschaftsprognose des Staatssekretariats für Wirtschaft, wonach die Wirtschaftsleistung 2020 um 6,7 Prozent abnimmt und die Lohnsumme um 23 Milliarden Franken zurückgeht.

Doch trotz dieses massiven Wirtschaftseinbruchs sagt Avenir-Suisse-Experte Jérôme Cosandey: «Dieses Jahr werden die Sozialwerke wohl mit einem blauen Auge davonkommen.» Als eigentlicher Stabilisator erweist sich das Instrument der Kurzarbeit, auf das Firmen maximal zwölf Monate zurückgreifen können. Denn obwohl die über die Arbeitslosenversicherung (ALV) finanzierte Entschädigung nur 80 Prozent des Lohns beträgt, müssen Arbeitgeber und Arbeitnehmer weiterhin die vollen Sozialversicherungsbeiträge leisten.

Die Einnahmeverluste für AHV, IV und Erwerbsersatz (EO) schätzt Avenir Suisse für dieses Jahr auf relativ bescheidene 111 Millionen Franken. «Dank der ALV werden die Sozialwerke künstlich beatmet», heisst es im Avenir-Suisse-Bericht. Die Rechnung für die Kurzarbeit zahlt die ALV, deren Ausgaben dieses Jahr auf mindestens 15 Milliarden Franken ansteigen und vorübergehend vor allem aus der Bundeskasse gedeckt werden.

Avenir Suisse fordert von der Politik bei der Altersvorsorge zügige Reformen. Zuerst müsse die Erhöhung des Frauenrentenalters auf 65 Jahre erfolgen.

Die Folgen der Krise werden die Sozialversicherungen erst in einem Jahr stärker zu spüren bekommen, wenn die Firmen nicht mehr auf Kurzarbeit setzen können, sondern allenfalls vermehrt Mitarbeitende entlassen. Weil das Arbeitslosengeld nur 70 oder 80 Prozent des Lohns beträgt, gehen die Lohnabgaben an AHV, IV und EO zurück. Einbussen erleiden die Betroffenen dann auch bei ihrer zweiten Säule. Solange sie Kurzarbeitsgeld beziehen, werden an die Pensionskasse die vollen Sparbeiträge entrichtet, bei Arbeitslosigkeit entfallen diese.

Für die Pensionskassen wird die Entwicklung in den kommenden Monaten entscheidend sein. Zum Glück hätten die Kassen vor der Krise ein komfortables Finanzpolster angelegt und Ende 2019 über einen Deckungsgrad von 119 Prozent verfügt, heisst es im Bericht. Zwar schrumpfte das Vermögen wegen der grossen Kursverluste an den Börsen bis Ende März um rund 10 Prozent, doch haben sich die Märkte teilweise wieder erholt.

Kaum einen Einfluss auf die Ausgaben der AHV habe die seit Mitte März verzeichnete überdurchschnittliche Zahl von Todesfällen bei den über 65-Jährigen. Selbst wenn die Pandemie noch länger andauern sollte, werde die pandemiebedingte Reduktion der Rentenausgaben nicht ins Gewicht fallen, so Avenir Suisse.

Der Thinktank fordert von der Politik vor allem bei der Altersvorsorge zügige Reformen. Zuerst müsse die Erhöhung des Frauenrentenalters auf 65 Jahre erfolgen, wie dies die beim Parlament liegende Vorlage AHV 21 vorsieht. Die Zusatzfinanzierung über die Mehrwertsteuer müsse aufs Notwendige begrenzt werden und dürfe keinesfalls die vom Bundesrat vorgeschlagenen 0,7 Prozentpunkte betragen. Dieser AHV-Reform folgen müsse eine weitere, die das Rentenalter für Männer und Frauen erhöhe. Auf soziale Ausbauwünsche sei zu verzichten, insbesondere auf die Überbrückungsrente für ausgesteuerte ältere Arbeitslose.