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SommerserieKnochenbrüche, Krebs und Hirnschlag

Seitenwagen-Weltmeister Adolf Hänni liebt Siege und Rekorde. Der 65-jährige Thuner führt ein Leben am Limit.

Der ehemalige Seitenwagen-Beifahrer Adolf Hänni hat viele Pokale und Titel gewonnen.
Der ehemalige Seitenwagen-Beifahrer Adolf Hänni hat viele Pokale und Titel gewonnen.
Foto: Andreas Blatter

Das Tempo gehört zu Adolf Hänni. Auf der Rennstrecke kann es dem dreimaligen Seitenwagen-Weltmeister nicht schnell genug gehen, in der Garage hätte er es gerne gemütlicher. «Heute muss immer alles sofort erledigt sein. Die Leute verstehen nicht, dass für eine Reparatur auch mal ein Ersatzteil bestellt werden muss und das Auto ein, zwei Tage hierbleiben muss», sagt er und nimmt das klingelnde Telefon ab, hört zu, runzelt die Stirn, antwortet: «Ich kann Ihnen keine Ferndiagnose machen, bringen Sie den Wagen vorbei, dann können wir ihn anschauen… Nein, ich kann Ihnen nicht sagen, wie lange das dauern wird.» Hänni verabschiedet sich, legt auf und meint: «Wieder so einer.»

Solche Szenen wiederholen sich an diesem Vormittag mehrmals. Hänni ist auf Zack. Dabei ist er seit einem Monat Rentner. Die Garage hat er nach 40 Jahren verkauft. Aber sein Nachfolger ist gerade Vater geworden, klar, dass der 65-Jährige Vollzeit einspringt. Er lässt sich dabei auch von seinem schmerzenden Knie nicht bremsen.

In Hauswand gekracht

Das ist eine der Spätfolgen aus seiner Rennfahrerkarriere. Diese hat der Seitenwagen-Beifahrer ein Jahr nach seinem dritten WM-Titel (2010, 2011, 2013) mit dem finnischen Piloten Pekka Päivärinta beendet.

Der Finne Pekka Päivärinta und Adolf Hänni (r.) wurden dreimal Seitenwagen-Weltmeister.
Der Finne Pekka Päivärinta und Adolf Hänni (r.) wurden dreimal Seitenwagen-Weltmeister.
Foto: zvg

Bereits in seinem zweiten Jahr krachte er 1984 auf dem damaligen Stadtkurs von Brünn (CZ) in eine Hauswand. Als er zurück auf die Strecke fiel, fuhr ihm ein Konkurrent über den Kopf, ein anderer in den Rücken. Erneut katapultierte es ihn mehrere Meter weit. «Rücken, Brustbein, Schulter, Knie, beide Fersen und ein paar Finger waren gebrochen. Ich war gelähmt.» Am Abend hörte sein Vater in der Sportsendung am TV, dass sein Sohn im Sterben liege. Flugs organisierte er mit der Rega den Rücktransport in die Schweiz.

«Das war mein schlimmster Unfall», blickt Hänni zurück. Aber nicht der einzige. 1996 krachte sein damaliger Fahrer Shane Soutar (AUS) mit dem Gefährt in Mugello in eine Mauer. Der «Plampi» hatte das Unheil kommen sehen und frühzeitig losgelassen. «Ich bin kein Wahrsager, aber ich spürte immer, wenn etwas passieren würde. Auch heute merke ich schon am Morgen, wenn der Tag durch etwas getrübt wird.»

Die Spitalinfektion

2012 in Le Mans verunfallte Hänni mit dem finnischen Piloten Pekka Päivärinta erneut schwer. Bei der anschliessenden Operation in der Schweiz erlitt er im Spital eine Infektion. 2013 schleppte er sich deswegen mit gravierenden gesundheitlichen Problemen zu seinem letzten WM-Titel. Im Oktober 2013 wurde versucht, die Infektion zu besiegen. Während der zehnstündigen Operation erlitt er einen Herzstillstand. Alle vier Tage wurde er danach operierterfolglos: «Diesen aggressiven Spitalinfekt habe ich noch heute in meinem Körper. Ein Medikament gibt es nicht. Erkranke ich an einer Lungenentzündung, sterbe ich.» Angst vor dem Coronavirus hat er nicht, verhält sich aber vorsichtig und verbringt mehr Zeit in seinem Haus am See. Ab und zu kommen ihm dann Gedanken, nun kürzerzutreten. Aber dann ist er doch wieder in der Garage oder beschäftigt sich mit neuen Projekten.

Die Rekordjagd

Das Rennfieber hat ihn auch nach dem Rücktritt 2014 nie losgelassen. Weder die Infektion noch die insgesamt 25 Knochenbrüche konnten den zähen Thuner bremsen. Weiterhin reist er als Berater an die Rennen. Auch die Jagd nach Rekorden ist ungebrochen. Vor zwei Jahren pulverisierte er auf dem berühmten Salzsee in Bonneville (USA) mit 390 km/h den Geschwindigkeitsweltrekord für Seitenwagen. Hänni war nur halbwegs zufrieden. «Ich hätte gerne 500 km/h erreicht.»

2018 bretterte Hänni im Streamliner mit 390 km/h über den Salzsee.
2018 bretterte Hänni im Streamliner mit 390 km/h über den Salzsee.
Foto: zvg

Die Grenzerfahrung

Er schliesst nicht aus, dass er es noch einmal probieren wird, obwohl jährlich Teilnehmer bei den Rekordversuchen in Utah sterben. «2019 war ich wieder dort. Sechs Personen verunfallten schwer. Einer ist gestorben, ein anderer ist klinisch tot.» Hänni berichtet, dass er vor einem Jahr selber in einem dieser futuristischen Autos gesessen sei und statt auf drei diesmal auf vier Rädern die Bestmarke jagen wollte. Als er die Unfälle beobachtete, stieg er kurz vor seinem Start aus. «Vielleicht war ich in diesem Moment ein Höseler. Aber da habe ich erkannt, dass es Grenzen gibt. Ich reiste vorzeitig heim.»

Bei seinen Erzählungen nennt Hänni immer wieder Ursachen für die Unfälle. Er kennt die Gefahren, trotzdem kann er nicht vom Vorhaben lassen, eine erneute Rekordjagd zu planen. Er sieht sich deswegen nicht als Spinner. «Jeder Rennfahrer kennt Angst, aber jeder hat das Gefühl, er habe alles unter Kontrolle. Alle meine Unfälle waren nicht Eigenfehler, sondern technische Mängel oder Fehler von anderen.» Er sagt, er habe die Grenze nie überschritten, «höchstens mit meinem Willen etwas verschoben». Und sowieso: Schlimmer als alle Unfälle findet er familiäre Schicksalsschläge.

Hänni ist sich durchaus bewusst, dass sein Tun nicht der Norm entspricht. «Aber was ist schon normal? Mit 5 Jahren wog ich 35 Kilo, wurde gehänselt und habe mir geschworen, es allen zu zeigen. Mit 27 hatte ich Halskrebs, mit 35 Jahren erlitt ich einen Hirnschlag30 Jahre später ist er Weltmeister, Rekordhalter und Rentner und weiterhin im Vollgas-Modus.

Wenn er die Bilder vom Salzsee sieht, denkt Hänni unweigerlich an einen nächsten Versuch, die Bestmarke zu pulverisieren.
Wenn er die Bilder vom Salzsee sieht, denkt Hänni unweigerlich an einen nächsten Versuch, die Bestmarke zu pulverisieren.
Foto: Christian Pfander