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«Tatort»-KolumneKlischees und schwarzer Humor

Der Start in die neue «Tatort»-Saison trieb es mit einer «Balkan-Connection» etwas gar auf die Spitze, schreibt Jürg Mosimann, ehemaliger Sprecher der Kantonspolizei Bern.

«Tatort»-Kolumnist Jürg Mosimann schreibt unregelmässig über die aktuellsten Folgen.
«Tatort»-Kolumnist Jürg Mosimann schreibt unregelmässig über die aktuellsten Folgen.
Foto: Susanne Keller

Regisseure und Drehbuchautoren von Krimis stehen oft vor derselben Frage: Wie sollen Verbrecher in Kriminalfilmen aussehen? Welche Charaktere sollen sie spielen, damit ihre Handlungen glaubwürdig erscheinen?

Sollen sie intelligent, kultiviert und clever wirken, oder ist Kaltherzigkeit und Hinterhältigkeit gefragt? Ist es von Vorteil, wenn Filmbösewichte wenig Grips haben, dafür aber ganz bedrohlich dreinschauen können?

In diesem Moment habe ich mich gefragt, weshalb eigentlich Mimen aus Osteuropa in den Folgen aus Wien auffallend oft kriminelle oder mittellose Figuren verkörpern müssen. Klischee oder wahre Züge?

Gestern jedenfalls hatten einmal mehr Typen mit dem Prädikat «brutal, fies und abhängig» ihren Auftritt. Als Hauptquartier diente den finsteren Kerlen ein Fitnessstudio, wo der Handel mit illegalen Substanzen florierte und wo sich Leute nebenbei mit betrügerischem Bezug von staatlichen Sozialleistungen eine goldene Nase verdienten.

Ganz im Gegensatz zum übereifrigen Chefinspektor Schimpf (Thomas Stipsits), der sich als selbsternannter Undercover-Agent in der Muckibude von den Muskelmännern mehr als eine blutige Nase einhandelte. Das sei ganz klar die Handschrift einer «Balkan-Connection», gab ein Ex-Polizist den Kommissaren Moritz Eisner (Harald Krassnitzer) und Bibi Fellner (Adele Neuhauser) zu verstehen.

In diesem Umfeld mussten die beiden den Tod eines Mannes untersuchen, der in der Kraftwerkstatt Dauergast gewesen war und nun von einem Zug überfahren wurde. Die Darstellung des in der Mitte geteilten Leichnams auf der blutbesudelten Unfallstelle hat mich nicht sonderlich schockiert.

Brüskiert haben mich vielmehr die Ermittler, die unbeeindruckt neben der zerstückelten Leiche standen, genüsslich Kaffee schlürften, Gipfeli assen und über Mord- oder Selbstmord philosophierten. Aber Klischees und schwarzer Humor gehören offensichtlich zu den «Tatort»-Folgen aus der multikulturellen Mozart-Stadt. Manchmal wird beides sogar ein wenig auf die Spitze getrieben – wie diesen Sonntag.