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Buch über alte SittenKennen Sie diese Bräuche?

Die Tradition des Aprilscherzes ist uralt und hat sich bis heute gehalten. Andere Bräuche sind aber in Vergessenheit geraten. Fünf überraschende Beispiele.

Bauernhaus mit Haussegen «Auf die Erde bau ich, auf den Himmel vertrau ich» in Deisswil bei Münchenbuchsee.
Bauernhaus mit Haussegen «Auf die Erde bau ich, auf den Himmel vertrau ich» in Deisswil bei Münchenbuchsee.
Bild: Manu Friederich

Haussegen

Vor allem im 19. Jahrhundert waren sie sehr beliebt: Direkt ins Gebälk geschnitzte, aufgemalte, auf Tafeln gedruckte oder sogar gestickte Sprüche, die das Heim sowie dessen Bewohnerinnen und Bewohner beschützen sollten. Häufig ermahnten sie auch zur Gottesfurcht.

Wenn es in einem Heim oft Streit gab und Türen zugeschlagen wurden, konnte das Schild mit dem Haussegen ins Wanken kommen. Deshalb spricht man noch heute davon, dass der Haussegen schief hängt.

Im Lauf des 20. Jahrhunderts verloren die Haussegen an Popularität. Dem Bürgertum in den Städten erschienen sie zu wenig modern. Heute sieht man Haussegen vorwiegend noch an traditionellen Chalets oder alten Bauernhäusern.

Über die Türschwelle tragen

Okay, dieser Brauch ist vielleicht nicht vergessen. Doch wenn heutzutage der Bräutigam die Braut (oder umgekehrt) über die Schwelle des gemeinsamen Hauses (oder der Wohnung) trägt, dann ist das in der Regel ironisch gemeint. Man kichert darüber und nimmt es nicht besonders ernst.

Der Brauch hatte ursprünglich aber tatsächlich einen tieferen Sinn: «Die junge Ehefrau durfte die Türschwelle nicht berühren, weil sich sonst die dort lauernden bösen Hausgeister auf sie gestürzt hätten.» Das schreibt der deutsche Autor Norbert Golluch in seinem gerade erschienenen Werk «Das Buch der zu Unrecht vergessenen Bräuche».

Eine ähnliche Funktion hatten im Übrigen die Brautjungfern. Sie waren ähnlich gekleidet wie die Braut, um Geister mit schlechten Absichten zu verwirren.

Polterabend

Inzwischen spricht man eher von «Stag Night» (etwa: «Hirschnacht») bei Männern und von «Hen Night» («Hühnerabend») bei Frauen. Entstanden ist der Brauch des Junggesellinnen- und Junggesellenabschieds aber aus dem traditionellen Polterabend.

Dabei besuchten kurz vor der Hochzeit Nachbarn, Verwandte und Freunde die Braut und zerschlugen vor ihrer Haustür massenhaft Geschirr. Sie polterten. Scherben, so der Glaube, bringen Glück. Und der ganze Lärm vertreibt hoffentlich ebenfalls böse Geister.

Blaumachen

Wenn heute jemand sagt, er mache Blau, dann meint er damit, dass er die Schule oder die Arbeit schwänzt. Doch der Begriff geht auf einen alten Brauch zurück, der mit dem früher enorm wichtigen Farbstoff Indigo zusammenhängt. Der Pflanzenfarbstoff wurde in Wasser aufgelöst. Anschliessend legten die Färber die Textilien hinein. Doch diese wurden zunächst nicht blau, sondern gelblich.

«Erst wenn man den Stoff dem Sauerstoff der frischen Luft für eine Weile aussetzt, wird er blau», erklärt Norbert Golluch. Traditionellerweise liessen die Färber die Textilien am Montag zum Trocken liegen. Und weil sie in dieser Zeit nichts anderes tun konnten, als zu warten, «machten sie blau». Manche gönnten sich am freien Tag auch reichlich Alkohol, sie wurden also «blau».

Bleigiessen

Die meisten dürften von dem Brauch zumindest noch gehört haben. Am Silvesterabend schmolzen manche Familien und Freunde in einem alten Esslöffel etwas Blei über einer Flamme. Anschliessend warfen sie das flüssige Metall in eine Schüssel voller Wasser. Es kühlte ab, erstarrte und bildete dabei bizarre Formen. Aus diesen, so der Glaube, konnte man ablesen, was einen im kommenden Jahr erwartet. Ein herzförmiger Klumpen beispielsweise verhiess, dass es im neuen Jahr endlich mit der Liebe klappt.

Inzwischen wird dies aber kaum noch praktiziert. Der Grund ist simpel: Das Schwermetall Blei ist giftig. Deshalb hat die EU im Jahr 2018 Produkte mit einem Bleigehalt über 0,3 Prozent verboten. Das für den Silvesterabend verwendete Metall enthält jeweils rund 70 Prozent Blei. Die Schweiz ist vom Verbot zwar nicht betroffen, aber de facto werden auch hier kaum noch Bleigiess-Sets verkauft. So geht eine Tradition zu Ende.

Norbert Golluch: «Das Buch der zu Unrecht vergessenen Bräuche». Riva-Verlag, München 2020. 192 S., ca. 25 Fr.