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Serie FerienerlebnisKein Goldfieber im Chrümpugraben

Bei einem Goldpreis von 57’000 Franken pro Kilo sollte man beim Goldwaschen reich werden können. Die Realität ist jedoch eine andere. Es ist nicht allein das Edelmetall, das den Truber Christoph Kipfer fasziniert.

Christoph Kipfer ist im Chrümpugraben bei Trubschachen unterwegs auf der Suche nach einem geeigneten Platz zum Goldwaschen.
Christoph Kipfer ist im Chrümpugraben bei Trubschachen unterwegs auf der Suche nach einem geeigneten Platz zum Goldwaschen.
Foto: Beat Mathys

Ist es jemandem zu verdenken, dass er sich beim aktuellen Goldpreis von 57’000 Franken pro Kilogramm im Napfgebiet auf die Suche nach dem Edelmetall macht? Blöd ist, wer es nicht macht, könnte man meinen. Denn bei einem Reinheitsgehalt von 98 Prozent ist das Gold vom Napf so rein wie kaum ein anderes auf der Erde. Mit etwas Glück sollte es doch möglich sein, ein Nugget von zehn oder zwanzig Gramm zu finden. Bei einem Verkaufspreis von 570 bis 1140 Franken könnte sich der Stundenlohn sehen lassen.

Wer reich werden will, spielt mit Vorteil Lotto.»

Christoph Kipfer

Christoph Kipfer kann solchen Aussagen nur ein müdes Lächeln abgewinnen. Der Truber, der bis vor wenigen Jahren im Längengrund eine Sägerei geführt hat, weiss, wo man in der Region Napf Gold finden kann. Seit bald 40 Jahren ist er in den Gräben und Bächen rund um den 1408 Meter hohen Berggipfel unterwegs. Es gibt kaum eine Stelle, an der er nicht schon gegraben hat. Trotzdem dämpft der bald 63-Jährige zu hohe Erwartungen: «Wer reich werden will, spielt mit Vorteil Lotto.» Und dies, obwohl die Wahrscheinlichkeit, einen Sechser mit Zusatzzahl zu erraten, gerade mal eins zu 31'474'716 beträgt. Nur: Ab und an knackt jemand den Jackpot. Warum sollte das beim Goldsuchen anders sein? Dass dies möglich ist, bewies ein Bündner, der in der Surselva das sogenannte «Ara Fontanivas»-Nugget fand: ein Goldklümpchen mit einem Gewicht von 123,1 Gramm. Aktueller reiner Goldwert: 7000 Franken.

Die Schleuse muss im Bach so positioniert werden, dass die Strömung stark genug ist, um das Gold aus dem Kies herauszuwaschen.
Die Schleuse muss im Bach so positioniert werden, dass die Strömung stark genug ist, um das Gold aus dem Kies herauszuwaschen.
Foto: Beat Mathys

Zu Beginn der 80er-Jahre ist Christoph Kipfer in den US-Bundesstaat New York gereist. Er erlernte nicht nur die englische Sprache, sondern im etwas weiter westlich gelegenen Staat Kalifornien auch das Goldwaschen. Nach zögerlichen Anfängen entwickelte sich seine Suche nach dem seltenen Edelmetall zu einer Leidenschaft, die ihn bis heute nicht mehr losgelassen hat.

Kipfer ist Präsident der Schweizer Goldwaschvereinigung, die mehr als 400 Mitglieder zählt. Ab und an treffen sie sich in einem idyllisch gelegenen Häuschen im «Chrümpugraben» bei Trubschachen zum Fachsimpeln und Gedankenaustausch. Und immer wieder mal steigen sie gemeinsam in den nahegelegenen Bach hinunter – «zum Prospektieren», wie das Absuchen der Bäche nach Gold und schönen Mineralien im Fachjargon heisst. Und just entlang dieses Bachlaufs weiht Christoph Kipfer an einem Tag im Juli einen BZ-Journalisten in die Grundzüge des Goldwaschens ein. Er, der in der Hoffnung in den «Chrümpu» gekommen war, abends nach getaner Arbeit von der Natur reich beschenkt mit Gold in den Hosentaschen wieder heimzukehren.

Ein Pickel als Glücksbringer

Ausgerüstet mit Schaufel, Plastikeimer, Waschpfanne und der sogenannten Schleuse stapft Christoph Kipfer in wasserdichten Neoprenhosen durch den Bach. Mit dabei hat er einen alten Eispickel, den er dort einsteckt, wo er später mit Graben beginnt. «Das ist mein Glücksbringer», sagt der Goldsucher. Er weiss aus bald vier Jahrzehnten Erfahrung, wo die Wahrscheinlichkeit am grössten ist, auf Gold zu stossen. Beim mäandrierenden Bach ist es dort, wo das Wasser den direkten Weg macht – also auf der Innenseite und am Ende einer Biegung.

Schaufel um Schaufel gibt Christoph Kipfer der Schleuse Kies zu.
Schaufel um Schaufel gibt Christoph Kipfer der Schleuse Kies zu.
Foto: Beat Mathys

«Ah, da hat John schon gegraben», meint Kipfer im Vorbeigehen. Also sucht er sich eine andere Stelle im Bach. Zuerst platziert er die Schleuse – einen etwa 25 Zentimeter breiten, maximal einen Meter langen und mit Querrillen versehenen Kanal aus Blech – so, dass das Wasser mit normaler Geschwindigkeit hindurchfliesst. Dann beginnt der Goldwäscher mit Graben. Schaufel um Schaufel des aus dem Bach geholten Kieses leert er in den Einlauftrichter der Schleuse. Die Strömung schwemmt leichten Sand, die grösseren und mittleren Steine aus dem Blechkanal wieder in das Bachbett zurück, das schwerere Material bleibt in den Querrillen hängen. Schwermineralien und Goldflitter fallen auf eine schwammartige Kunststoffmatte, die unter einem Gitter liegt, herab. Ein Glück ist für die Goldwäscher, dass das Edelmetall sich rasch am Boden festsetzt, weil es 19 Mal schwerer als Wasser ist und deshalb nicht wieder in den Bach gespült wird.

Grosse Goldvorkommen in Sibirien

Tiefer und tiefer wird das von Christoph Kipfer geschaufelte Loch im Bachbett. Längst reicht ihm das kalte Wasser über den Schritt. Holt er sich da nicht auch mal eine Blasenentzündung? «Nein, darum trage ich ja die Neoprenhosen.» Das Wasser im Chrümpugraben mag kalt sein, aber die Temperatur steht in keinem Verhältnis zu jenen Regionen, in denen die reichsten Goldlagerstätten der Welt schlummern – zum Beispiel in Sibirien. Im Sommer kann es zwar 40 Grad heiss werden, im Winter fällt das Thermometer aber auf bis zu minus 60 Grad – «so kalt, dass der Atem zu Eiskristallen erstarrt». Allerdings wird das Gold entlang des Flusses Kolyma auf einer Fläche, die 13-mal grösser ist als die Schweiz, industriell gewonnen. Schätzungsweise liegen dort heute noch 50’000 Tonnen Gold. 1990 fand ein Baggerführer einen 12 Kilogramm schweren Goldklumpen.

Um mit Hilfe der Waschpfanne das Gold vom Sand zu trennen, braucht es geschickte Hände und Zeit.
Um mit Hilfe der Waschpfanne das Gold vom Sand zu trennen, braucht es geschickte Hände und Zeit.
Foto: Beat Mathys

Christoph Kipfer hat schon in fast allen Ländern mit grossem Goldvorkommen nach dem Edelmetall gesucht. Manch schöne Goldfunde hat er aus der weiten Welt heim ins Emmental gebracht. Wenn er von seinen Reisen erzählt, von Freundschaften mit Gleichgesinnten, die es rund um den Globus gibt, kommt selbst der sonst eher stille Goldwäscher ins Schwärmen. Er schildert es so, dass man sich die Abbaustätten sofort bildlich vorstellen kann. Sei es die Reise an die Lena in Russland oder der Abstieg in eine mehrere hundert Meter tiefe Goldgrube in Australien.

Das Gold im Röhrchen

Mit grosser Ausdauer «befüttert» Kipfer die Schleuse mit Kies. Dann nimmt er diese zur Hand und hält sie vertikal über den mit Wasser gefüllten Plastikeimer, so dass die Kleinpartikel, Schwermineralien und allenfalls Goldflitter hineinfallen. Den Inhalt des Eimers – quasi das Filetstück der bisherigen Suche – giesst Kipfer in die Waschpfanne. Diese ist aus Kunststoff, hat einen Durchmesser von etwa 30 Zentimetern und gleicht einem überdimensionierten Suppenteller.

Der Lohn für eine Stunde harte Arbeit.
Der Lohn für eine Stunde harte Arbeit.
Foto: Beat Mathys

«Entscheidend ist, dass man mit der Pfanne gleichmässige Bewegungen macht. Wenn man zu stark rüttelt, floaten die Goldflitter über den Rand der Pfanne und sind weg», erklärt der passionierte Goldwäscher, der diesen Vorgang mit stets frischem Bachwasser so lange wiederholt, bis ein paar wenige goldene Plättchen übrigbleiben. Mit dem Zeigfinger drückt Christoph Kipfer auf die Goldpartikel, die er dann in einem mit Wasser gefüllten Glasröhrchen sicher verwahrt.

Ich bin froh, hat es nicht mehr Gold im Chrümpu.»

Christoph Kipfer

Das dem Kies abgetrotzte Gold mag ein Gewicht unter einem Zehntel Gramm haben. Geschätzter Wert: weniger als 5 Franken. Gemessen am Aufwand – eine Stunde im kalten Wasser stehend Kies schaufeln – fällt der Lohn sehr bescheiden aus. Abends als reicher Mann nach Hause zu fahren, wird ein frommer Wunsch bleiben. «Ich bin froh, hat es nicht mehr Gold im Chrümpu», sinniert Kipfer. Denn gäbe es reiche Goldvorkommen, wäre es mit der Ruhe im Tal südlich von Trubschachen vorbei. An Heerscharen von Goldwäschern, wie sie im Napfgebiet bei grossen Goldfunden möglich wären, mag er nicht denken.

Der Lohn einer Woche Goldwaschen im Chrümpugraben bei Trubschachen.
Der Lohn einer Woche Goldwaschen im Chrümpugraben bei Trubschachen.
Foto: Beat Mathys

Der Wert des gefundenen Goldes kann es also nicht sein, was Christoph Kipfer immer wieder von Neuem antreibt, mit seinem Equipment in die Bäche zu steigen. Was ist es dann? «Es ist die Natur mit all ihren Facetten, die mich fasziniert und in ihren Bann zieht. Im Bach ‹choslen›, beobachten und stets Neues entdecken ist der wahre Schatz. Das Gold ist nicht das Wichtigste, es ist ein Supplement – aber ein wunderschönes.»

Ferien daheim stehen diesen Sommer hoch im Kurs. In einer Serie zeigen wir, was es in der Region zu erleben gibt.