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Soundcheck aus dem Bären BuchsiJüre und die verlorenen Geschwister

Freiheit, Chrüisimüsisalat und ein seliger Jüre Hofer: Die Bieler Band Hermanos Perdidos spielten in Münchenbuchsee.

Vielleicht sind die Gäste nicht alle wegen der Musik in den Bären Buchsi gekommen. Aber am Schluss wollten sie die Band fast nicht mehr gehen lassen.
Vielleicht sind die Gäste nicht alle wegen der Musik in den Bären Buchsi gekommen. Aber am Schluss wollten sie die Band fast nicht mehr gehen lassen.
Foto: Iris Andermatt

Am glücklichsten ist nicht der Mann im rosa karierten Hemd, der sich das ganze Konzert über mit der einen Hand am Bierglas festhält und mit der anderen die Rhythmen mitklopft. Auch nicht der ältere Mann in der adretten Kleidung, dessen ernste Miene sich nach und nach aufhellt. Auch nicht das Grüppchen aus jungen Menschen, das während der ganzen 90 Minuten ausgelassen und barfuss um die Stehtische tanzt. Und auch nicht die Golden Girls, die vier älteren Damen, die direkt vor den Musikern sitzen und unablässig wie wild klatschten.

Nein, am glücklichsten ist Jüre Hofer. Wie er etwas abseits auf seinem Stuhl sitzt, mit dem Rotweinglas in der Hand und einem seligen Lächeln das Publikum beobachtet - da geht einem das Herz auf. Niemand, so scheint es, hat es so herbeigesehnt, endlich wieder ein Konzert erleben zu dürfen, wie er.

Jüre Hofer ist seit eh und je für das Kulturprogramm im Bären Buchsi zuständig. Ende April sagte er dieser Zeitung noch: «Ohne Ausfallentschädigung wird es den Kulturbetrieb nicht mehr geben. Luft haben wir noch für zwei, vielleicht drei Monate.» Er sei jetzt 62 Jahre alt und seit 40 Jahren im Geschäft. «Vielleicht ist der Moment gekommen, aufzuhören.»

Der Moment ist glücklicherweise noch nicht gekommen. Im Bären Buchsi gibt es wieder Kulturprogramm, und Jüre Hofer macht sicher noch ein Jahr weiter, wie er am Freitagabend sagt. Statt Sommerpause finden ab sofort im Garten des Bären jeden Freitagabend ab 19 Uhr Konzerte statt - sofern das Wetter hält.

Apropos: Für den Auftakt hat Hofer gleich doppelt ein Näschen bewiesen. Mit dem Wetter und der Band. Regen inklusive Gewitter waren prognostiziert. Die Frage war nur, wann. Nun, es kam zehn Minuten nach dem Ende des Konzerts.

Auch was die Wahl der Band angeht, hätte er es nicht besser treffen können: Die Bieler Hermanos Perdidos frönen just jener leichtfüssigen, enthemmten und lebenslustigen Strassenmusik, welche die von Fernweh geplagte Seele gerade braucht: Gypsy, Chansons und vor allem südamerikanische Stilrichtungen wie etwa dem kolumbianischen Cumbia.

Der Name der Band ist Programm: Es ist weder klar, wer genau nun mit wem verwandt ist, noch, wer alles dazugehört. Die «verlorenen Geschwister» sind in der Grundformation ungefähr zu sechst - bleiben aber flexibel. Offenbar spielt, wer im Land ist und nicht gerade durch Südamerika reist - oder so. Klar ist, dass sich die Band den Partisanen- und Revolutionsliedern Lateinamerikas verschrieben hat. Gefühlt handelt jedes zweite Lied von erkämpfter oder wiedererlangter Freiheit. Durchaus passende Parolen für solch seltsame Zeiten.

Saxofon, Akkordeon, Gitarre, Trompete, Cajon und Djembés. Hermanos Perdidos zelebrieren die instrumentale Ausschweifung mit viel Rhythmus. Sie singen in Spanisch, in Italienisch, in Französisch, sogar in Mundart. Etwa in jenem Song, in dem es um Autos geht, also «gegen Autos», mit dem Refrain zum Mitsingen: «Keni Autos ir Stadt, keni keni Autos ir Stadt», als Seitenhieb auf den geplanten Autobahnbau durch Biel.

Nun, mitsingen will da noch niemand so richtig. Die meisten der rund 50 Gäste des Bären Buchsi haben um 20 Uhr noch ihre Schnitzel oder den berühmten Chrüsimüsisalat vor sich. Doch lange dauert es nicht, bis alle ihre Stühle zur Band hin ausrichten und mit den Füssen im Kies den Rhythmus mitstampfen.

Vielleicht sind nicht alle wegen der Band gekommen, aber alle wollen sie dann nicht mehr gehen lassen. Zu schön ist die musikalische Reise, das erwachte Gefühl von Freiheit. Drei, vier Zugaben dürfen die Hermanos spielen, während über Münchenbuchsee die Wolken immer dichter und dunkler werden. Kurz nach neun bricht das Gewitter los.