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Nach Spanien-DebakelJetzt wird die Diskussion um Löws Zukunft konkret

Der DFB will bis am 4. Dezember eine Analyse zur Lage des Nationalteams und seines Trainers. Deutsche Medien bringen bereits Nachfolger ins Spiel.

Wars das mit Jogi Löw als Bundestrainer? Offenbar hat er nicht mehr nur Fürsprecher.
Wars das mit Jogi Löw als Bundestrainer? Offenbar hat er nicht mehr nur Fürsprecher.
Foto: Robert Michael (DPA/Keystone)

Thomas Müller spricht, Deutschland rätselt. Einmal mehr. Weder er noch Jérôme Boateng oder Mats Hummels seien aus dem Nationalteam zurückgetreten, sagte der Bayern-Spieler am Wochenende. Einige Medien verstanden das als Spitze, andere wollten in dieser Aussage lesen, dass Müller noch immer hoffe, irgendwann wieder einmal zu dieser Mannschaft zu gehören, mit der er 2014 Weltmeister wurde.

Vielleicht hatte Müller ja gar keine Absichten gehegt mit dieser Aussage, vielleicht hatte er einfach drauflosgeredet, wie er das halt so tut. Vielleicht tat ihm die Mannschaft echt leid, als er aus der Distanz sah, wie sie von Spanien gedemütigt wurde. Vielleicht würde er ja einfach gern helfen und erinnert daran, dass er zur Verfügung stehen würde.

Es ist jetzt eine Woche her, dieses Spiel zwischen Deutschland und Spanien. 6:0 gewannen die Gastgeber in Sevilla, es ist die höchste Niederlage für Jogi Löw in seiner Amtszeit, und überhaupt verlor Deutschland letztmals im Mai 1931 ein Spiel mit sechs Toren Unterschied, Gegner war damals Österreich.

Klopp, Tuchel, Nagelsmann, Flick? Oder doch ein Unbekannter?

Das Länderspieljahr der Deutschen war schon vor dem Debakel in Spanien nicht berauschend gewesen. Zwei Unentschieden gegen die Schweiz, eines im Hinspiel gegen die Spanier, dazu ein 3:3 gegen die Türkei. Siege gab es nur gegen die Ukraine und Tschechien. Mit dem 0:6 wurde das Schwächeln zur Krise ausgerufen.

Am 4. Dezember soll Klarheit herrschen, zumindest beim Verband. Bis dahin hat Nationalmannschaftsdirektor Oliver Bierhoff offenbar Zeit, eine detaillierte Analyse zum Spiel und zum Bundestrainer vorzulegen. Gemäss einem Präsidiumsmitglied des Deutschen Fussballbundes hat Löw dabei keinen Freifahrtschein, so wird die Person von der «Bild» zitiert.

Dieser 4. Dezember ist jetzt noch einige Tage entfernt, und weil bis dahin wohl nicht viel passieren wird, fragen die deutschen Medien schon einmal bei Trainerkollegen von Löw nach, ob sie dessen Job denn gern übernehmen würden. Bei Jürgen Klopp natürlich, bei Hansi Flick ebenso, beide lehnten vorerst einmal ab.

Glücklich in Liverpool: Jürgen Klopp will derzeit nicht deutscher Nationaltrainer werden.
Glücklich in Liverpool: Jürgen Klopp will derzeit nicht deutscher Nationaltrainer werden.
Foto: Luca Bruno (AP/Keystone)

Da sind aber noch weitere Namen, Ralf Rangnick zum Beispiel, einer der Baumeister hinter dem Red-Bull-Erfolg im Fussball und zurzeit ohne Tätigkeit im Profibereich. Oder Thomas Tuchel, der bei Paris Saint-Germain dem allem übergeordneten Ziel Champions League nachrennt, bisher ohne Erfolg. Und Julian Nagelsmann, grosses Trainertalent bei Leipzig, keine Überraschung, dass auch er zum Thema wird. Es könnte aber auch weniger spektakulär U-21-Trainer Stefan Kuntz Löws Nachfolger werden.

Noch sind das wohl alles ziemlich willkürliche Spekulationen, zumindest offiziell. Flick, Tuchel, Klopp und Nagelsmann sind derzeit die wohl besten deutschen Trainer und alle noch angestellt. Und Bierhoffs Analyse steht ja noch aus. Ausserdem ist schwierig vorauszusagen, wie stark diese ins Gewicht fällt, wenn es um Löws Zukunft als Trainer der deutschen Nationalmannschaft geht.

Fall Müller holt Löw ein

Löw ist seit 16 Jahren dabei, erst als Assistent von Jürgen Klinsmann und seit 2006 als Chefcoach. Er hatte Erfolg, fast immer. Er wurde 2014 Weltmeister, war 2008 im EM-Final und 2012 im Halbfinal. Auch an der WM 2010 reichte es ihm unter die letzten vier. Nur die WM 2018 endete bitter, Deutschland enttäuschte auf der ganzen Linie und scheiterte in einer Gruppe mit Schweden, Mexiko und Südkorea.

Schon dort gab es Stimmen, die sagten, Löws Zeit sei vorbei. Zu festgefahren war die deutsche Nationalmannschaft. Und Löw hatte Leroy Sané kurz vor dem Turnier aussortiert, im Nachhinein wäre er wohl froh gewesen, hätte er in diesem Fall anders entschieden. Es war nicht sein einziger fragwürdiger personeller Entscheid. Löw verzichtet seit bald zwei Jahren auf die eingangs erwähnten Müller, Hummels und Boateng.

Da waren sie noch dabei: Boateng, Müller und Hummels jubeln im März 2018 gemeinsam mit Khedira (rechts).
Da waren sie noch dabei: Boateng, Müller und Hummels jubeln im März 2018 gemeinsam mit Khedira (rechts).
Foto: Federico Gambarini (DPA/Keystone)

Das könnte ihn nun einholen, er muss sich dafür immer mehr Kritik anhören, auch Manuel Neuer fand nach der Klatsche gegen Spanien, die drei grossen Abwesenden könnten Deutschland durchaus helfen. Müller ist in Topform, und auch Boateng gehört wieder zum Stamm des Meisters. Hummels wurde gerade eben zum Spieler des Monats in der Bundesliga gekürt.

Gleichzeitig schloss Löw die Tür für Mario Götze nicht ganz. Der ehemalige Dortmunder erlebt bei Eindhoven so etwas wie einen zweiten Frühling. Eine Nominierung käme noch nicht infrage, sagte Löw vor den Länderspielen, er wolle aber die nächsten Wochen und Monate abwarten. Das sorgte für Irritationen, scheint es doch für Müller, Hummels und Boateng kein Zurück mehr zu geben.

Löw hat noch einen Vertrag bis 2022, also nicht nur bis zur EM im nächsten Jahr, auch bei der WM in Katar soll er noch an der Seitenlinie stehen. Die «Süddeutsche Zeitung» titelt aber bereits gut zwei Jahre vor dem Start des Turniers: «Jetzt offiziell: eine Trainerdiskussion

7 Kommentare
    Hansruedi Balschbacher

    Wenn man sich vor Augen führt, aus welchem Spielermaterial Löw schöpfen kann oder könnte, sind die Resultate in der Tat kaum nachvollziehbar.