Zum Hauptinhalt springen

Biden und das Ende weisser VorstädteJetzt hilft Trump nur noch die Angst der Amerikaner

Um seinen Rückstand auf Joe Biden wettzumachen, verfolgt Donald Trump einen riskanten Weg: Die Demokraten sollen als Bedrohung der inneren Sicherheit gebrandmarkt werden.

«In Joe Bidens Amerika werden Sie nicht sicher sein»: Der demokratische Präsidentschaftskandidat wird von Donald Trump in die Anarchisten-Ecke gestossen.
«In Joe Bidens Amerika werden Sie nicht sicher sein»: Der demokratische Präsidentschaftskandidat wird von Donald Trump in die Anarchisten-Ecke gestossen.
Keystone

Drei Monate vor den US-Wahlen hat Donald Trump den Rückwärtsgang eingelegt: Machte sich der Präsident zuerst über das Tragen von Schutzmasken in der Corona-Pandemie lustig, so preist er das Maskentragen jetzt als «patriotisch». Wünschte er das Virus bislang einfach weg, so erkennt Trump nun die Gefahr und warnt, die Situation könnte schlimmer werden, bevor Besserung eintrete. Und wollte er den republikanischen Parteitag partout als Jubelveranstaltung mit zehntausenden Fans in Jacksonville im schwer vom Erreger gebeutelten Bundesstaat Florida abhalten, so sagte Trump die Veranstaltung jetzt kurzerhand ab. Der Zeitpunkt dafür sei «nicht richtig», lautete seine Begründung.

Das kann man wohl sagen: Im Virus hat Trump einen Gegner gefunden, dem er mit gewohnt brachialen Methoden nicht beikommen kann. Die Verharmlosung des Ausbruchs und seiner Folgen haben dem Präsidenten schwer zugesetzt, weit liegt er laut diversen Erhebungen derzeit hinter seinem demokratischen Herausforderer Joe Biden zurück. Nur Präsident Harry Truman gelang 1948, was Trump jetzt zuwege bringen muss: Nämlich innerhalb von drei Monaten ein Minus von acht bis zehn Prozentpunkten wettzumachen. Um das Blatt zu wenden, haben sich der Präsident und seine Berater für eine riskante Strategie entschieden: Die Corona-Pleite soll neutralisiert und Joe Biden als Bedrohung weisser Vorstädter gezeichnet werden. Bei den Kongresswahlen 2018 waren die Wähler in Suburbia dem Präsidenten und seiner Partei in Scharen davongelaufen, auch jetzt tendiert Suburbia gemäss Umfragen demokratisch.

Die Vorstadt entscheidet

Gelingt es Trump und den Republikanern nicht, sich abzeichnende Niederlagen in den Vorstädten rund um Metropolen wie Atlanta, Dallas, Philadelphia, Milwaukee, Charlotte und Detroit abzuwenden, muss die Partei nicht nur mit dem Verlust des Weissen Hauses rechnen: Die Senatsmehrheit könnte kippen, im Repräsentantenhaus die demokratische Mehrheit sogar zulegen. Trump präsentiert sich deshalb als Garant weisser Sicherheit, ein Fels in der Brandung, der sich den Aktivisten der Black-Lives-Matter-Bewegung, «linksradikalen Anarchisten» und kriminellen Elementen entgegenstemmt. Bezeichend dafür ist ein TV-Spot des Präsidenten, in dem eine ältere weisse Frau in ihrem Haus von einer schattenhaften Figur attackiert wird. «In Joe Bidens Amerika werden Sie nicht sicher sein», macht die Wahlwerbung Angst.

Doch Trump geht noch weiter: Ein Machtwechsel im Weissen Haus bedeute das Ende für die Vorstädte, weil die Demokraten dort mit staatlicher Unterstützung Minderheiten ansiedeln wollten. «Biden wird eure Viertel mitsamt dem ‘American Dream’ zerstören», twitterte der Präsident am Donnerstag und forderte «Vorstadt-Hausfrauen» auf, einen Meinungsbeitrag der Republikanerin Betsy McCaughey in der konservativen «New York Post» zu lesen, in dem die Autorin vor dem Ende weisser Vorstädte warnt. Einmal davon abgesehen, dass Amerikanerinnen in Suburbia die Bezeichnung «Vorstadt-Hausfrauen» als Beleidigung empfinden dürften, verrät Trumps Appell, dass der Präsident ohne Rücksicht auf Verluste eine gefährliche Politik der Polarisierung verfolgt, um sich eine zweite Amtszeit zu sichern.

Das Chaos als Chance?

Er schüre bewusst «rassistische Ressentiments inklusive der Angst, dass dunkelhäutige Menschen die Vorstädte ruinieren werden», reagierte Barack Obamas Wohnungsbauminister Julian Castro. Obendrein könnte Trump mit dem Einsatz von Sonderkräften des Heimatschutzministeriums versuchen, in demokratisch regierten Städten wie Portland, Chicago und St. Louis gewalttätige Auseinandersetzungen mit Demonstranten zu provozieren – und die daraus resultierende Anarchie Biden und den Demokraten anzuhängen. Verprellt der Präsident mit seiner Dämonisierung von Demonstranten und Minderheiten die ihm derzeit eher nicht gewogenen Wähler in den Vorstädten noch mehr, wird er weiter an Boden verlieren.

Falls US-Metropolen andererseits im Chaos versinken, könnten US-Wähler in Versuchung geraten, auf den Präsidenten als Bewahrer von Recht und Ordnung zu setzen. Richard Nixon machte es beim Präsidentschaftswahlkampf 1968 vor, doch sind die USA seitdem ein anderes Land geworden. Wie anders, wird die Welt am 3. November erfahren.