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Editorial zur MaskenpflichtJetzt bloss nicht wieder Corona-Panik!

Die Maskenpflicht ist vor allem auch Symbolpolitik. Hoffen wir, dass die Menschen das Zeichen richtig verstehen.

Böse Blicke, weil jemand keine Maske trägt? Ab Montag gilt im ÖV für alle Tragepflicht.
Böse Blicke, weil jemand keine Maske trägt? Ab Montag gilt im ÖV für alle Tragepflicht.
Foto: Keystone

Und was, wenn einer morgen nicht mitmachen will? Wird er dann von den anderen Passagieren als asozial beschimpft und bei der nächsten Haltestelle aufs Perron gezerrt?

Was die Maskenpflicht alles mit sich bringt, welche Szenen sich landauf, landab in den Zügen, Trams, den Seilbahnen oder Schiffen abspielen werden, kann nur erahnt werden. Immerhin ist der öffentliche Verkehr für die Schweizerinnen und Schweizer eine Art heilige Kuh. Und sich vor allen anderen das Gesicht verdecken zu müssenetwas Ähnliches haben wir hierzulande noch nie erlebt.

Doch die Malaise haben wir uns höchstselbst eingebrockt. Nachdem die Corona-Gefahr in den letzten Wochen fast aus den Köpfen verschwunden war, sollen wir uns mit der Maskenpflicht dem Ernst der Lage wieder bewusst werden.

Symbolpolitik hat jedoch ihre Tückenihre Wirkung hängt in hohem Masse vom Empfänger ab. Und die bisherige Pandemieerfahrung zeigt, dass zwischen Ernst und Panik nur ein schmaler Grat liegt. Nur ungern erinnern wir uns an die Aufgeregtheit und Gereiztheit der ersten Lockdown-Wochen, an das teils übertriebene, teils völlig deplatzierte Verhalten einiger Mitmenschen, die sich zu Polizisten oder Blockwarten aufspielten, oder an die gehässigen Vorwürfen zwischen den Generationen. Das ganze Land befand sich im mentalen Ausnahmezustand.

Weisheit kommt mit der Erfahrung. Hoffentlich zumindest.

Und ein Déjà-vu bahnt sich bereits an: Die Behörden agieren stellenweise, als ob es eine Pandemie nie gegeben hätte und die Gefahr einer grossflächigen Rückkehr des Virus nicht zum Vornherein absehbar gewesen ist. Der Ton wird wieder schärfer, die Nervosität spürbarer. Umso wichtiger, dass die Bevölkerung jetzt grösstmögliche Gelassenheit beweist.

Viele Beteiligte haben ihre Lektion gelernt: Epidemiologen verzichten darauf, in der Öffentlichkeit die schlimmstmöglichen Schreckensszenarien zu zeichnen. Auch die Medien agieren bei Newstickern, Schlagzeilen oder Bildern im Zweifel zurückhaltender und sind bei den Kommentaren regierungskritischer geworden. Das Bundesamt für Gesundheit lenkt nicht mehr mit falschen Behauptungen vom eigenen Unvermögen ab, wie es ausgerechnet bei der Maskenfrage der Fall war.

Gut möglich, dass es also auch ab morgen keine grösseren Probleme und Reibereien geben wird. Immerhin haben wir beide Extreme schon durchgespielt: vom teils unheimlichen Übermass an Staatsdienerei während des Lockdown bis zur leichtsinnigen Aufgabe fast sämtlicher Vorsichtsmassnahmen nach der Lockerung.

Weisheit kommt mit der Erfahrung. Hoffentlich zumindest. Denn irgendwie wird man das Gefühl nicht los, dass der grosse Test uns allen erst noch bevorsteht.