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600’000 Migranten erhalten PapiereItaliens Pasionaria bestellt die Felder

Teresa Bellanova war als Kind Feldarbeiterin, nun ist sie Agrarministerin. Dank ihr bekommen «illegale Migranten» Aufenthaltsbewilligungen – damit die Ernten nicht verfaulen.

Rechte und Schutz für Migranten: Feldarbeiter aus Senegal im kalabrischen Rosarno.
Rechte und Schutz für Migranten: Feldarbeiter aus Senegal im kalabrischen Rosarno.
Foto: Alfonso Di Vincenzo (Getty Images)

Mit 14 Jahren arbeitete Teresa Bellanova schon auf den Gemüsefeldern im süditalienischen Apulien, ihrer Heimat. Sie sah Menschen sterben vor Müdigkeit, sie sah auch Menschen von überfüllten Bussen der Sklaventreiber fallen, der sogenannten Caporali. Die Schule musste sie schon auf halbem Weg abbrechen, ein Studium lag nicht drin. «Ich weiss, wo ich herkomme», sagt sie gerne. Und sie sagt es mit Stolz.

Selten deckte sich die frühe Biografie eines Politikers oder einer Politikerin so perfekt mit der Karriere als Erwachsene wie in ihrem Fall. Teresa Bellanova aus Ceglie Messapica, 61, Senatorin der sozialliberalen Kleinpartei Italia Viva, ist italienische Agrarministerin. Sie erlebt gerade die Erfüllung eines Lebenstraums, ein bisschen wenigstens.

In Ghettos ohne Strom und Wasser

Nach langem Kampf brachte Bellanova die Regierungskollegen von den Cinque Stelle dazu, einen Deal zu unterzeichnen: Hunderttausende Feldarbeiter, die zum grossen Teil keine gültigen Papiere haben, sollen eine Aufenthaltsbewilligung erhalten. Sie bekommen Rechte und Schutz, sie tauchen aus dem Schatten auf.

Viele von ihnen stammen aus Schwarzafrika, dem Staat gelten sie als «Clandestini», weil sie illegal zugewandert sind. Gearbeitet haben sie aber immer schon – behandelt wie Sklaven, zu Hungerlöhnen. Sie leben in Ghettos ohne Wasser und Strom in Kalabrien, Apulien, aber auch im nördlicheren Teil des Landes. Ein Skandal, schon lange.

Ein Vertrag und 560 Euro – dafür gibt es Strafamnestie

Die vereinbarten Aufenthaltsbewilligungen sollen zeitlich beschränkt sein und auch für Hilfsarbeiter und Pfleger in den italienischen Haushalten gelten, zusammen mit den Feldarbeitern etwa 600’000. Die Rede ist von vorerst sechs Monaten, der Dauer einer Saison. Allerdings müssen die Zuwanderer beweisen können, dass sie sich schon vor dem 8. März 2020 in Italien aufgehalten haben.

Ausserdem brauchen sie einen Vertrag des Arbeitgebers, der bei der Anmeldung des Angestellten, den er bis anhin schwarz beschäftigt hat, der staatlichen Pensionskasse auch gleich 400 Euro entrichtet – als Busse und Einstieg. Dazu kommen noch einmal 160 Euro für administrative Schriften.

Das Angebot dauert nur bis 15. Juli, dafür gibt es aber strafrechtliche Immunität für begangenes Unrecht. Ausgenommen von diesem Deal sind unter anderem Landwirte, die in den vergangenen fünf Jahren nicht nur ihre Arbeitskräfte vor dem Finanzamt versteckten, sondern diese auch noch wie Sklaven behandelt haben, oder weil sie wegen Begünstigung von Prostitution und illegaler Immigration verurteilt worden sind.

Etwas Licht in die grosse Schattenwirtschaft

Ausser dem rechten Flügel der Cinque Stelle, vertreten von deren Interimschef Vito Crimi, waren alle Parteien im Regierungsbündnis einverstanden mit Bellanovas Vorstoss. Von Crimi heisst es, er trauere den Zeiten nach, als die Cinque Stelle noch mit Matteo Salvinis rechtspopulistischer Lega regierten. Und dieser Salvini hat ein grundsätzliches Problem mit Migranten.

Crimi stellte sich lange quer, dann lenkte er ein. Inhaltlich passt die Massnahme ja gut zum traditionellen Credo der Cinque Stelle: Sie sehen sich als oberste Verfechter von Legalität und Rechtschaffenheit im Land. Die Aufdeckung eines Teils der Schattenwirtschaft gehört dazu. Dass es dafür wieder eine Amnestie braucht, wie das in der Vergangenheit schon oft der Fall war in Italien, gilt manchen Kommentatoren als weiterer Beleg für die chronische Unzulänglichkeit der politischen Führungsklasse, rechter wie linker.

«Rede, wie du isst!»

Teresa Bellanova, italienische Landwirtschaftsministerin

Bellanova war dieses Geschäft so wichtig, dass sie drohte, hinzuschmeissen und notfalls die ganze Regierung ins Chaos zu stürzen. Die «Legalisierung der Illegalen» ist nicht nur eine humanitäre Geste. Italien braucht diese Arbeiter ganz dringend, weil es in Zeiten von Corona keine Saisonniers aus Osteuropa und Nordafrika holen kann. Ohne die Afrikaner verfaulen alle Ernten in den Orangenhainen und auf den Tomatenfeldern. Halb Europa isst davon.

Bellanova ist eine Pasionaria, keine Phrasendrescherin. Jedes Votum soll sitzen, es geht immer um alles oder nichts. «Rede, wie du isst!», sagt sie zu Politikern, die sich hinter hölzernem Beamtenitalienisch verstecken.

Ein knallblaues Rüschenkleid in aller Munde

Als sie im vergangenen Spätsommer zur Vereidigung in den Quirinalspalast geladen worden war, zog sie ein knallblaues Rüschenkleid an, so wurde sie landesweit bekannt. Im Netz gab es böse, machohafte Kommentare: über ihr Kleid und über ihren etwas fülligen Körperbau. Doch so etwas stört sie nicht. «Ich war euphorisch, dieses elektrische Blau passte genau zu meinem Gemütszustand», sagt sie. «Und ihr habt mich noch nicht in Orange gesehen.» Die meisten Herzen waren bei ihr, die Garderobe wurde zum Markenzeichen.

«Ich weiss, wo ich herkomme»: Teresa Bellanova, Italiens Landwirtschaftsministerin.
«Ich weiss, wo ich herkomme»: Teresa Bellanova, Italiens Landwirtschaftsministerin.
Foto: Ciro de Luca

Die Hasser im Netz holten auch Bellanovas Lebenslauf hervor, aber sie steht nun mal zu ihrem Werdegang, vom Feld über die Barrikaden auf die ganz grosse Bühne. Schon in jungen Jahren wurde sie Gewerkschafterin, die Ausbeutung der Feldarbeiter war ihr grosses Thema. Sie brachte sich die Materie selbst bei, wurde zur Expertin, überall trat sie auf. Einmal auch in Casablanca, ein Ausflug des linken Gewerkschaftsbunds CGIL. Der marokkanische Dolmetscher, der damals ihre Reden übersetzte, wurde ihr Mann, die beiden haben einen 30-jährigen Sohn. Und natürlich nährt dieser familiäre Hintergrund den Rassismus der rechten Hasser, auch jetzt wieder.

2006 wurde Bellanova zum ersten Mal ins Abgeordnetenhaus gewählt, dann zweimal bestätigt, nun steht sie schon in ihrem vierten Parlamentsmandat. Als Matteo Renzi im vergangenen Herbst mit den Sozialdemokraten des Partito Democratico brach und Italia Viva gründete, schlug sich Bellanova auf seine Seite. Das hat viele überrascht, denn Renzi gilt den Linken als verkappter Bürgerlicher. «Ja, ich bin eine Linke, und ja, ich stehe zu Renzi», sagte sie. So deutlich ist Politik sonst nicht oft, so ganz ohne Rüschen.