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Sommerserie: Von Olginasio nach Bümpliz«Italien hat mich nie ganz losgelassen»

Olga Barboni reiste 1947 in die Schweiz ein und wollte ein paar Jahre hierbleiben und Geld verdienen. Geblieben ist sie für immer.

Olga Barboni kam von Italien nach Bern. Heute ist sie 95 Jahre alt und wohnt auf dem mediterranen Stockwerk des Altersheims Schwabgut.
Olga Barboni kam von Italien nach Bern. Heute ist sie 95 Jahre alt und wohnt auf dem mediterranen Stockwerk des Altersheims Schwabgut.
Foto: Nicole Philipp

Wissen Sie, als ich damals in die Schweiz kam – das war 1947 –, war der Zweite Weltkrieg noch in den Köpfen der Menschen. In meinem Heimatdorf Olginasio, das liegt in der Nähe von Varese in Norditalien, packte ich meinen Koffer. Mehr als ein paar Kleider nahm ich nicht mit. Mein Vater begleitete mich bis zum Bahnhof. In den Zug stieg ich ganz allein.

Damals war ich knapp über 20 Jahre alt. Mir fiel die Entscheidung, in die Schweiz auszureisen, nicht schwer. In Italien gab es nach dem Weltkrieg nicht viele Möglichkeiten. Eine Arbeit zu finden, sich ein gutes Leben aufzubauen, war alles andere als einfach. In ein anderes Land zu kommen, diese Grenze zu überschreiten, war für mich kein Hindernis – im Gegenteil: Ich wollte in die Schweiz kommen. Auch der Liebe wegen. Mein Verlobter war bereits einige Zeit vor mir nach Bern gereist. Einige Cousins von mir wohnten auch bereits dort.

Lange Zeit hatte Olga Barboni ihren eigenen Laden: Coiffeur Olga an der Marktgasse 4 in Bern.
Lange Zeit hatte Olga Barboni ihren eigenen Laden: Coiffeur Olga an der Marktgasse 4 in Bern.
Foto: Nicole Philipp

Die ersten Nächte habe ich in der Wohnung meiner Cousins verbracht. Nach ein paar Tagen fanden mein Verlobter und ich eine Mansarde in der Länggasse. Einen richtigen Vertrag für eine Wohnung konnten wir als Italiener damals vergessen. Wir mussten sogar unseren Pass bei der Fremdenpolizei abgeben. Bei solchen Themen bekamen wir zu spüren, dass eine Grenze zwischen uns und den Schweizern gezogen wurde.

Ich begann dann in einem Coiffeurladen zu arbeiten. Irgendwann hatte ich genug Geld gespart, um mein eigenes Geschäft an der Marktgasse 4 in Bern zu eröffnen. Mein Laden Coiffeur Olga lief gut. Die Kundschaft kam bei mir vorbei, weil ich französisch, spanisch und italienisch sprechen konnte. Deutsch zu reden, fällt mir bis heute schwer.

«Einen richtigen Vertrag für eine Wohnung konnten wir als Italiener damals vergessen.»

Olga Barboni

Das liegt auch daran, dass die Italienerinnen und Italiener damals unter sich blieben. Alles war in Bern anders als in Italien – nicht nur die Sprache. Die Schweizer lebten anders, unser Leben fand draussen statt. Deshalb trafen wir uns oft bei der Casa d’Italia in der Länggasse, die es heute noch gibt. Am Wochenende war das der Treffpunkt für alle Italiener, alle haben dort ihre Freizeit verbracht.

Noch heute bin ich von Italienerinnen und Italienern umgeben. Denn ich wohne auf der mediterranen Abteilung im Altersheim Schwabgut. Italien hat mich also nie ganz losgelassen.