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Der dreimalige MVPBärenhunger nach dem Zeckenbiss

Nach schwierigen Saisons in den besten Ligen der Welt ist Lukas von Deschwanden zurück in Thun. Wackers langjähriger Schlüsselspieler hat grosse Pläne – auf und neben dem Feld.

Der Fast-Schlossherr: Lukas von Deschwanden thront in der Nähe seiner Wohnung über der Stadt, die er zweite Heimat nennt.
Der Fast-Schlossherr: Lukas von Deschwanden thront in der Nähe seiner Wohnung über der Stadt, die er zweite Heimat nennt.
Foto: Christian Pfander

Es fallen wenig Tore und viele Tränen. Das im Frühsommer 2018 zu Ehren der Abgänge vonstattengehende Plauschturnier gerät emotional. Als Teamkollegen den längst lieb gewonnenen Urner mit einer launigen Rede verabschieden, weinen sie; das Gros des Publikums tuts ihnen gleich. Der Speaker bedankt sich im Namen des Clubs beim damals 28-Jährigen und sagt, vielleicht kehre er ja irgendwann wieder.

Zu diesem Zeitpunkt hört sich das nach einem frommen Wunsch an, nach schönen Worten, die ein bisschen Hoffnung wecken, den Abschied ein wenig erträglicher machen sollten, mit der Realität aber nichts gemein haben.

Lukas von Deschwanden ist zu gut geworden für den hiesigen Spielbetrieb. Die Bundesliga ruft, die grosse Welt in dieser Sportart.

Rund zwei Jahre später ist der Aufbauer doch wieder in der Lachenhalle. Er kehrt zu Wacker zurück; einen Zweijahresvertrag unterschrieb er bei den Thunern. Die Euphorie ist bei Bekanntgabe des Wechsels gross, diese Zeitung entsendet eine Pushnachricht und titelt: «Der gewonnene Sohn kehrt zurück».

Der Königstransfer und sein Reich

An einem Hochsommernachmittag hat der Innerschweizer die ersten Trainingseinheiten der Saison hinter sich. In einem Café im Schlosshof spricht er über seine Zeit im Ausland, wenige Hundert Meter von der Bleibe entfernt, welche er mit seiner Partnerin bezogen hat.

Der Königstransfer als Fast-Schlossherr – das passt. In Thun geniesst er ein ausgesprochen hohes Standing, zu zwei Meistertiteln führte der dreimalige MVP den Verein, dreimal gewann dieser derweil den Cup. Längst spricht der Aufbauer in Zusammenhang mit der Stadt von seiner zweiten Heimat, langjährige Weggefährten wie Reto Friedli und Marc Winkler sind enge Freunde.

Bloss zwei Saisons absolvierte der studierte Sportlehrer im Ausland. Das ist wenig, und das hört sich irgendwie nach einer Niederlage an. Sind Sie enttäuscht, wie die Dinge gelaufen sind, Lukas von Deschwanden? Er verneint heftigst und spricht von einer grossartigen Erfahrung, die er auf keinen Fall missen wollte.

Gescheitert ist der vielseitige Aufbauer nicht. Aber offensichtlich auch nicht restlos glücklich geworden. Er spielte für Stuttgart und Chambéry und damit in den beiden mit Abstand besten Ligen der Welt. Im ersten Jahr litt er unter den Folgen eines Zeckenbisses, er verpasste deswegen einige Monate. In Frankreich zog er sich gleich zweimal einen Bänderriss zu, bevor die Saison wegen der Coronakrise abgebrochen wurde. War er einsatzbereit, lief er oft auf, gerade in der Bundesliga. Im Gastspiel beim damaligen Meister Flensburg war er mit fünf Treffern der stärkste Akteur seiner Mannschaft.

Als er sich in Chambéry zum zweiten Mal innert weniger Monate am Fuss verletzte, beschäftigte ihn das. Er fragte sich, ob das Zufall sei – oder ob «irgendwas nicht stimme», der Körper ein Signal aussenden wolle. Just in diesen Tagen mehrten sich die Kontaktaufnahmen aus dem Berner Oberland. Wacker sollte Phillip Holm und Nicolas Suter verlieren: wichtige Leute, welche überdies dieselben Positionen belegen.

Die Lust, zurückzukehren – sie war gross, die erneute Zusammenarbeit bald beschlossene Sache.

Der trickreiche Aufbauer vermag die Zuschauer in Ekstase zu versetzen.
Der trickreiche Aufbauer vermag die Zuschauer in Ekstase zu versetzen.
Foto: Christian Pfander

Die Erwartungen an den Rechtshänder sind freilich hoch. Von Deschwanden, das ist der Kerl, der mitunter Spiele entschied, in denen er kaum mehr gehen konnte; der bisweilen tat, wonach ihm gerade war, weil ihn die Gegner nicht zu stoppen vermochten.

Dass die Leute aus dem Wacker-Umfeld enttäuscht werden, ist unwahrscheinlich. Trainer Martin Rubin sagt, von Deschwanden sei noch professioneller geworden, gehe nun in jeder einzelnen Übungseinheit voran.

Die Rückkehr in die Schweiz hat auch private Gründe. Im September wird «Uri», wie sie ihn hier nennen, Vater; er und seine Partnerin können sich vorstellen, in Thun zu bleiben. Mindestens fünf Saisons will der 31-Jährige noch bestreiten, und er erwirbt sich gerade die nötigen Lizenzen, damit er später als Coach arbeiten könnte.

Die Liga hat ihren langjährigen Spitzenmann zurück. Und wird ihn wohl nicht so rasch wieder verlieren.