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Für die Liga-RettungIn Italien wollen sie ein Relikt auferstehen lassen

Der Totocalcio, das altehrwürdige Tippspiel auf Zetteln, soll dem nationalen Fussball aus der Krise helfen.

Ein Bild längst vergessener Tage: Eine Resultatwand des Totocalcio von 1952.
Ein Bild längst vergessener Tage: Eine Resultatwand des Totocalcio von 1952.
Foto: Alinari via Getty Images

In schweren Zeiten besinnt man sich auch auf Dinge, die schon einmal über schwere Zeiten hinweggeholfen haben. Das ist wie ein Reflex. In Italien reden sie nun davon, eine alte Liebe zu entstauben, die für ein halbes Jahrhundert so sehr zum Alltag gehörte, dass sie sich wie ein Ritual durch das Leben zog: der Totocalcio, das alte Tippspiel auf Zetteln mit dreizehn Partien. Man spielte es in der Bar und im «Tabaccaio», in den Läden mit einer Lottoannahmestelle, meistens hinten in einer Ecke. Die Kugelschreiber hingen an Schnüren, damit sie niemand klaute. 1 für den Heimsieg, x für ein Unentschieden, 2 für den Auswärtssieg.

Natürlich ist das ein Relikt aus analogen Zeiten. Doch wenn man die Gedankenspiele der Lega Calcio und des italienischen Fussballverbandes richtig deutet, dann sehen sie jetzt in einer Wiederbelebung des Totocalcio eine Chance, dem nationalen Fussball dereinst nach der Viruskrise finanziell wieder auf die Beine zu helfen. Man zählt wohl auf die Suggestivkraft des Namens, auf die nostalgische Note, die mitschwingt. Und auf das einende Gefühl, das darin atmet.

«Fare tredici», wörtlich: dreizehn machen, wurde zum Synonym für Glück. Es überlebte den Wandel der Zeit.

«Totocalcio 2.0», wie es probehalber genannt wird, müsste wahrscheinlich in eine digitale Form übersetzt werden. Wie genau, darüber diskutieren sie gerade. Und natürlich ist es alles andere als sicher, dass es dann gegen die modernen Sportwetten besteht, die den Totocalcio verdrängt haben: Heute wettet man ja auf Spiele aus aller Welt, gerade in Italien. Und man wettet auf viele Tore, also auf «over», oder auf wenige Tore, «under», auf gar keine Tore, auf ein einziges Tor, sogar auf die Anzahl Gelber Karten pro Mannschaft, und auf den genauen Zeitpunkt der ersten Ecke kann man auch wetten. Die Italiener sind verrückt danach. Etwa neun Milliarden Euro im Jahr geben sie insgesamt für Sportwetten aus, fast drei Viertel davon entfallen auf den Fussball. Sie wetten auch auf zweite Ligen: die französische Ligue 2, die 2. Bundesliga, die englische Championship. Man hört jetzt Bekannte auch mal von «Darmstadt novantotto» reden, Darmstadt ’98 also, von Charlton Athletic oder Luton Town. Etwas provinziell, aber das ist egal.

Der Klang längst vergessener Sonntage

Und jetzt also wieder zurück? Erfunden wurde der Totocalcio 1946 von einem Journalisten der «Gazzetta dello Sport», Massimo Della Pergola. Mit zwei Freunden gründete er die Firma Sisal, Sport Italia Società a Responsabilità Limitata, die es bis heute gibt. Nach zwei Jahren übernahm das nationale Olympische Komitee, das Coni, und nannte das Spiel der Freunde Totocalcio. Es sollte eine grosse Einnahmequelle werden. Mit einem Teil des Geldes wurden die Sportstätten wieder aufgebaut, die im Zweiten Weltkrieg verwüstet oder zerstört worden waren, die Hallen, die Stadien, die Plätze, die Leichtathletikbahnen.

Und es floss bald viel Geld. Alle spielten, alle sozialen Schichten, im Süden wie im Norden, auch Intellektuelle und Politiker. Der grosse Dichter und Regisseur Pierpaolo Pasolini tippte einmal zwölf Spiele richtig, dummerweise waren in jener Woche viele gut. «Ich hab nur 4000 Lire gewonnen», schrieb er seiner Mutter, das war tatsächlich nicht viel. «So viel zu unserem Glück.»

Ein «Tabaccaio» 1957: Hier wurde Totocalcio gespielt und zelebriert.
Ein «Tabaccaio» 1957: Hier wurde Totocalcio gespielt und zelebriert.
Foto: Carlo Bavagnoli/Getty Images

Auf der «schedina», dem Zettel mit den Tippspielen, standen lange nur Paarungen aus der Serie A und der Serie B. War mal die Nationalmannschaft im Einsatz, schaffte es auch die Serie C auf den Zettel. Da in Italien die Spiele lange alle am Sonntagnachmittag zur selben Zeit stattfanden, gab es am Abend immer die Durchsage am Radio: «uno, uno, x, due, uno, x». Das gehörte zum Sound des italienischen Sonntags.

«Fare tredici», wörtlich: dreizehn machen, wurde zum Synonym für Glück. Es überlebte den Wandel der Zeit. «Fare tredici» sagt man heute auch, wenn man Glück in der Liebe hat, Glück mit einem Job, Glück an der Börse. Glück eben. Und so klingt die Wiederbelebung des Totocalcio in diesen trüben Zeiten gerade wie ein Versprechen.