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Sündenböcke für Corona-InfektionenIn den Vorstädten wird es eng wegen der Pandemie

Wer konnte, floh aus Paris vor der Ausgangssperre. Die Ärmeren sitzen in den Migrantenvorstädten in übervollen Appartements fest. Verstossen sie gegen die Massnahmen, ruft das Rassisten auf den Plan.

In den Vororten von Paris haben viele Migranten kaum Platz in ihren Wohnungen. Raus dürfen sie nur kurz und nur mit den nötigen Papieren.
In den Vororten von Paris haben viele Migranten kaum Platz in ihren Wohnungen. Raus dürfen sie nur kurz und nur mit den nötigen Papieren.
Foto: Philippe Lopez (AFP)

Nach zwei Wochen Ausgangssperre sind in ganz Paris die Strassen gleichmässig leer. Und die Wohnungen sehr ungleichmässig voll. Wie sehr die Massnahmen zur Eindämmung des Coronavirus den extremen Gegensatz zwischen Arm und Reich in Frankreichs Hauptstadt und ihren Vorstädten noch verstärkt haben, lässt sich gut an zwei Meldungen ablesen: Kurz bevor das Reiseverbot in Kraft trat, verliessen 1,2 Millionen Menschen den Grossraum Paris – 17 Prozent der Einwohner der Metropolregion. Die Daten über die Stadtflucht stammen vom Mobilfunkanbieter Orange, der zugleich ausgewertet hat, wo sich die Handynutzer nun ballen. Unter anderem auf der Île de Ré, einer teuren Ferieninsel, deren Bewohnerzahl in der Ausgangssperre laut Orange um 30 Prozent gewachsen ist.

Zugleich meldete die Polizei, dass in keiner Region Frankreichs so viele Verstösse gegen die Einschränkung der Bewegungsfreiheit festgestellt wurden wie in Seine-Saint-Denis, in der nordöstlichen Banlieue von Paris. Die wenigsten Franzosen haben Seine-Saint-Denis schon selbst besucht, die meisten kennen es als Chiffre für Armut, Arbeitslosigkeit, Kriminalität. Über Wochen eingesperrt in der Wohnung? Der Gedanke klang für die Menschen in den besseren Vierteln so schwer erträglich wie für die in den Wohntürmen von Seine-Saint-Denis. Während Erstere in ihre Zweitwohnsitze zogen, spielten Letztere Fussball. «Disziplinlos», titelte der «Parisien». Und jeder Fussballspieler zahlte 135 Euro Strafe.

105 Stunden gemeinnützige Arbeit als Strafe

Mimoun K. ist der erste Franzose, der nicht nur Strafe zahlen, sondern Sozialstunden leisten muss, weil er zu oft die Ausgangssperre brach. Am Dienstag wurde der 22-Jährige zu 105 Stunden gemeinnütziger Arbeit verurteilt, weil die Polizei ihn in den ersten zwei Wochen der Ausgangssperre fünfmal ohne gültigen Passierschein aufgriff. Seine Verteidigung? «Nach einer Woche zu siebt in einer Zweizimmerwohnung wollte ich mal Luft schnappen», sagte K. dem Richter. Er sei aus der Wohnung, die er sich mit Geschwistern und Eltern teilt, ins Auto umgezogen. K. lebt am nordöstlichen Rand von Paris, da, wo es in die verarmten Vororte übergeht.

Mimoun K.s Fall ist ein extremes Beispiel. Die grosse Mehrheit der Franzosen hält sich an die Ausgangssperre und unterstützt sie, 93 Prozent der Befragten haben in einer Umfrage angeben, dass sie die aktuelle Regelung für «notwendig» halten. Doch auch wenn Einigkeit über die Richtigkeit der Massnahmen herrscht, sind sie je nach ökonomischer Lage für den Einzelnen unterschiedlich leicht umzusetzen. Wo die Löhne am niedrigsten sind und die Wohnungen am engsten, ist auch die Zahl derer besonders hoch, die ihre Arbeit nicht einfach ins Homeoffice verlegen können.

52-jährige Kassierin gestorben

Am 26. März starb die 52-jährige Kassierin Aïcha Issadounène. Drei Jahrzehnte hatte sie in einem der grossen Supermärkte in Seine-Saint-Denis gearbeitet, in der Woche vor ihrem Tod wurde festgestellt, dass sie an Covid-19 erkrankt war. Der Markt, in dem Issadounène an der Kasse sass, war berühmt geworden, weil sich die Käufer dort am ersten Tag der Ausgangssperre so dicht drängten, dass spektakuläre Bilder im Fernsehen gezeigt wurden. Der Wochenmarkt, wo man in Seine-Saint-Denis das günstigste Obst und Gemüse bekam, ist geschlossen, bleiben nur die Supermärkte. Es ist unklar, wo Issadounène sich ansteckte, bei der Arbeit oder auf dem Weg. Sicher ist nur, dass ihre Kollegen, die weiterarbeiten, immer noch keine Atemmasken haben.

«Diese Menschen haben keine Wahl und fahren weiter zur Arbeit.»

Romain Dufau, Leiter der Notaufnahme im Spital von Bondy

Das Spital von Bondy, einem der sozialen Brennpunkte von Seine-Saint-Denis, war das erste der Metropolregion, das keine neuen Corona-Patienten mehr aufnehmen konnte. Die medizinische Versorgung in den Vororten passt zum Rest der spärlichen Infrastruktur: Es gibt weniger Ärzte, die Kliniken sind schlechter ausgestattet. Romain Dufau, Notaufnahme-Chef in Bondy, erklärte in «Le Monde», warum sich das Virus dort schneller ausbreitet, wo den Menschen besonders schlecht geholfen werden kann. «Es ist nicht selten, dass hier Familien zu sechst auf 45 Quadratmetern leben, aus dieser Lage wollen die Jüngeren ausbrechen und gehen raus.» Hinzu kämen viele illegal Beschäftigte, die keine finanzielle Absicherung haben, wenn sie wegen der Pandemie zu Hause bleiben. «Diese Menschen haben keine Wahl und fahren weiter zur Arbeit», so Dufau.

Das Interview war ein Hilferuf. Der konservative Politiker Aurélien Véron, der für die Liste der Republikanerin Rachida Dati im Pariser Wahlkampf in den exklusiven Innenstadtvierteln kandidiert hatte, teilte den «Le Monde»-Beitrag auf Twitter. Und schrieb dazu: «Die Jungen haben sich nicht an die Ausgangssperre gehalten, ihre älteren Familienmitglieder zahlen den Preis dafür.» Es schwang mit, was seit Tagen in sozialen Netzen gehetzt wurde – die Migrantenkinder in den Vororten verbreiten das Virus. Frankreichs Chefpolemiker, Éric Zemmour, hatte am zweiten Tag der Ausgangssperre zu bester Sendezeit auf CNews Einwandererviertel aufgezählt, in denen «vor allen Dingen Afrikaner die Ausgangssperre kaum respektieren». Ohne unterbrochen zu werden, führte Zemmour aus, dass besagte «Afrikaner» trotz des Virus «Grillfeste» veranstalten würden, weil «sie sagen, das ist eine Krankheit der Weissen, vor der uns Allah schützt». Zum medizinischen Notstand in den Vorstädten gesellt sich der rassistische Blick derer, die auf der Suche nach einem Sündenbock immer bei denen landen, die nicht Jean, Jules oder Claire heissen.