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Nach FCZ-YBImmer wieder Leader

YB hat sich zum fünften Mal in dieser Saison an die Tabellenspitze gekämpft. Was der 5:0-Sieg bei einem quarantäne-geschwächten FC Zürich nebst den drei Punkten wert ist, wird sich noch zeigen.

Beschwingt in den Endspurt: YB ist nach dem Kantersieg in Zürich wieder Erster, auch dank Jean-Pierre Nsames (Mitte) Toren.
Beschwingt in den Endspurt: YB ist nach dem Kantersieg in Zürich wieder Erster, auch dank Jean-Pierre Nsames (Mitte) Toren.
Bild: Ennio Leanza/Keystone

Kaum Jubel, kaum Wut. Zwei nachdenkliche Trainer, ein wenig betretene Stimmung an der Pressekonferenz. So war das, am Samstagabend nach Spielschluss im Letzigrund, und so ein zähes 0:0, das hätte gepasst zu dieser Gefühlswelt nach der Partie zwischen dem FCZ und YB. Aber 0:5? Oder 5:0? So fühlte sich das nicht an.

«Ich kann meiner Mannschaft ein Kompliment machen, wie seriös sie an diese Aufgabe herangegangen ist», sagte Gerardo Seoane. Es ist nicht das Statement eines Trainers, der mit seiner Mannschaft eben einen grossen Sieg errungen hat. Und es war nach diesem seltsamen Spiel an den Young Boys, Haltung zu zeigen – Zurückhaltung. Treffend bemerkte Seoane, wie wenig Unterschied es offensichtlich im Spitzenfussball hinsichtlich der physischen Frische vertrage.

«Der Auswärtssieg tut uns gut»

Der FCZ war am Samstag kein Gradmesser für YB, so viel gilt es festzuhalten. Den acht Akteuren, die mehr oder weniger direkt aus der zehntägigen Quarantäne in die Startaufstellung rutschten, fehlten Timing, Spritzigkeit und Fitness.

Wer will, kann aber auch festhalten, dass der FCZ in dieser Saison fast nie ein Gradmesser war für YB: 4:0, 4:0, zuletzt ein 3:2 und am Samstag das 5:0. Keinem anderen Verein in der Super League sind die Young Boys in dieser Saison so überlegen.

«Die Kräfte fehlten, das war nicht zu übersehen», sagte Michel Aebischer, der im YB-Mittelfeld hautnah mitverfolgen konnte, wie das Heimteam nach ein, zwei guten Ansätzen zu Spielbeginn zusammenfiel und gegen Ende den Betrieb fast einstellte. Die Ballstafette und das Tor von Marvin Spielmann zum 5:0 erinnerte an eine Szene aus dem Training – und gab die Stimmung nach dem Schlusspfiff vor: kein Ärger, kein Jubel. Nur die nackte Notiz: Es ist jetzt ein Kantersieg. «Aber drei Punkte auswärts, das tut uns schon gut», sagte Aebischer, fast ein wenig entschuldigend.

Sie tun YB vor allem gut, weil sie der erste Vollerfolg auf fremden Terrain überhaupt sind in diesem Jahr. Seit dem 4:3 gegen Sion im November warteten die Young Boys auf diesen Auswärtssieg. Gegen den FCZ haben sie ihn vielleicht ohne grosse Gegenwehr, aber dennoch verdient errungen.

Und es war ein Sieg, an dessen Ende mal wieder Jean-Pierre Nsame als prägende Figur stand. Am Sonntag vor exakt drei Jahren hat der Kameruner seinen ersten Vertrag bei YB unterschrieben, und es ist schwer vorstellbar, dass die Verlängerung im vergangenen Sommer (bis 2023) nicht seine letzte Unterschrift bei YB gewesen sein dürfte.

Die Finalissima schwebt über allem

Seine Leistung in dieser Saison wird ihm nicht nur zahlreiche Angebote bescheren, sie ist auch rekordreif – nach seinen Toren Nummer 26, 27 und 28 ist es sehr wahrscheinlich, dass er den Super-League-Rekord von Seydou Doumbia mit YB von 2010 (30 Tore) einstellen wird. Erst bereitete er den Führungstreffer von Miralem Sulejmani vor, dann liess er mit rechts, per Kopf und per Penalty seine drei Tore folgen. Den Matchball liess sich der Mann des Spiels anschliessend von seinen Teamkollegen unterschreiben.

Die Young Boys also schlugen den FCZ vernichtend hoch, waren aber womöglich am Samstagabend nicht ganz unfroh, hatten sie dieses Spiel hinter sich gebracht. Am Sonntagabend schliesslich kommt es noch besser für sie: Der St. Galler Lauf mit 14 Punkten aus den letzten sechs Spielen wird vom FC Thun gestoppt. YB liegt wieder zwei Punkte vor den Ostschweizern, hat sich schon zum fünften Mal in dieser Saison die Leaderposition erkämpft. Die Möglichkeit einer Finalissima – von der Liga originellerweise an einem Montagabend angesetzt – schwebt nach wie vor verheissungsvoll über den in ihrer Mehrheit noch immer zum Zuschauen am Bildschirm verdammten Fans.

«Wir beeinflussen das, was wir beeinflussen können.»

YB-Trainer Gerardo Seoane

Womöglich also könnte es dann genau dieses nicht ganz über alle wettbewerbsverzerrenden Zweifel erhabene Spiel in Zürich gewesen sein, das den Young Boys auf der Zielgerade zum Meistertitel Schub verliehen hat. «Es ist eine spezielle Meisterschaft», sagt auch YB-Trainer Seoane. «Ob sie fair ist oder nicht, das kann ich nicht bewerten. Wir beeinflussen das, was wir beeinflussen können.»

Noch drei volle Tage Ruhe geniessen die Berner jetzt, ehe sie am Donnerstag in Neuenburg gegen Xamax antreten, während St. Gallen schon am Mittwoch auf den FCB trifft. Die Basler wissen, dass sie nach dem 2:2 bei Servette kaum mehr ein Wort um den Titel mitzureden haben. Die St. Galler werden sich nach dem 1:2 in Thun über sich selber aufregen – der Fehltritt entzieht ihnen die Grundlage, sich über unfaire Rahmenbedingungen zu beschweren. Und die Berner schliesslich wissen, dass sie nach diesem Wochenende eigentlich nicht schlauer sind. Das 5:0 gegen den FCZ hat sie an die Tabellenspitze gebracht. Was es aber wirklich wert ist, wird sich am Donnerstag bei Xamax und am Wochenende gegen Luzern zeigen.