Zum Hauptinhalt springen

Die vielen Leben des Carl LewisImmer Spektakel mit King Carl

Donald Trump nennt er einen Rassisten, Usain Bolt hält er für einen Doper. Nun sorgt der 9-fache Olympiasieger Carl Lewis wieder einmal für Schlagzeilen.

Carl Lewis schiesst gerne aus allen Rohren, wenn es die Situation verlangt. Hier gibt er das Startsignal zu einem Lauf in Paris.
Carl Lewis schiesst gerne aus allen Rohren, wenn es die Situation verlangt. Hier gibt er das Startsignal zu einem Lauf in Paris.
Stephane Allaman (Allpix Pres)

Es muss ein magisches Treffen von Carl Lewis mit der Weitsprung-Weltmeisterin Malaika Mihambo gewesen sein. Jedenfalls vermeldete die Deutsche kurz nach ihrem allerersten (Online-)Kontakt mit dem erfolgreichsten Leichtathleten der olympischen Geschichte nämlich, sie wechsle in dessen Trainingsgruppe nach Houston. In der Szene ging die Meldung rasch um die Welt und verschaffte einem Mann ein Comeback, der zuletzt kaum mehr breiter wahrgenommen wurde.

Dabei kann man Frederick Carlton Lewis, besser bekannt unter seinem Künstlernamen Carl, nun wahrlich nicht vorwerfen, dass er sich still verhalten hätte. Schon immer eloquent bis nervig, hat er sich in den vergangenen Jahren regelmässig öffentlich pointiert geäussert.

Wie Trump reagierte? Gar nicht

Am lautesten kritisierte er US-Präsident Donald Trump, den er schlicht «einen Rassisten» nennt. Jüngst doppelte er in einem Podcast nach und bezeichnete «die Regierung als Schande für Amerika» und forderte die Zuhörer auf, wählen zu gehen. Konkreter: «diese Leute abzuwählen», zum Wohl des Landes.

Trump, der Attacken von Prominenten normalerweise gerne dafür nutzt, sich auf Twitter einen verbalen Schlagabtausch zu liefern, blieb stumm. Es muss sich für Lewis wie eine Klatsche angefühlt haben, weil damit offensichtlich wurde: Lewis, in der Leichtathletik als King Carl geadelt, ist schlicht eine Nummer zu klein für den Präsidenten, als dass er den früheren Weltrekordhalter über 100 m mit einer Schimpftirade hätte adeln wollen.

Weitspringerin Malaika Mihambo wird künftig von Carl Lewis trainiert. Die 26-jährige Deutsche aus Heidelberg wurde 2019 Weltmeisterin.
Weitspringerin Malaika Mihambo wird künftig von Carl Lewis trainiert. Die 26-jährige Deutsche aus Heidelberg wurde 2019 Weltmeisterin.
Keystone

Dabei hat Lewis sein Timing für Pointen kein bisschen eingebüsst: Unmittelbar vor den Spielen 2012 hinterfragte er die Erfolge der Jamaikaner und damit Übersprinter Usain Bolt – worauf dieser sehr wohl reagierte und Lewis als «respektlos» bezeichnete. Er sei offenbar verzweifelt auf der Suche nach PR, replizierte Bolt weiter.

Nach diesem Rencontre knöpfte sich Lewis den britischen Weitsprung-Olympiasieger Greg Rutherford vor, bezeichnete dessen Leistungen sowie die seiner Konkurrenten im Vergleich mit seinen als fast schon peinlich. Rutherford konterte, indem er sich fragte, ob Lewis das eine oder andere charakterliche Defizit aufweise.

Lewis’ Lärm lenkt damit davon ab, dass er ein perlender Erzähler und Querdenker sein kann, wie er im erwähnten Podcast belegt. Langweilig wird es einem da – wenn man sich auch noch für Leichtathletik interessiert – in keiner Sekunde.

UNO-Botschafter und Grossvater

Zumal er in seinen reiferen Jahren von seiner Überzeugung, schlicht ein gnadenlos talentierter Mensch zu sein, etwas abgekommen ist. Das war nach seinem Karriereende 1996 noch anders. Er versuchte sich als Schauspieler, Modedesigner oder Politiker. Doch keine dieser scheinbaren Berufungen führten ins Glück und zu weiterer, anhaltender globaler Prominenz.

Im Gegenteil: Lewis wurde im zunehmend als Leichtfuss mit peinlichem Drang zur Selbstvermarktung abgetan. Dabei gingen die positiven Projekte fast vergessen, die er nach seiner Sportkarriere anschob oder angeschoben bekam: Er ist UNO-Botschafter, Philanthrop und seit ein paar Jahren auch Assistenztrainer an der Universität von Houston, seiner Alma Mater – und er ist Grossvater eines dreijährigen Mädchens.

15 kg abgenommen

Geführt wird die Leichtathletik-Sparte in Houston von Leroy Burrell, seinem Teamkollegen beim legendären Santa Monica Track Club. Wie Lewis war Burrell über die 100 Meter phasenweise der schnellste Mann der Welt. Lewis arbeitet ohne Salär, weil er gemäss eigener Aussage finanziell ausgesorgt habe.

Der legendäre Santa Monica Track Club mit Carl Lewis, Mike Marsh, Leroy Burrell und Dennis Mitchell (v.l.n.r.) bei Weltklasse Zürich im Letzigrund im Jahr 1991.
Der legendäre Santa Monica Track Club mit Carl Lewis, Mike Marsh, Leroy Burrell und Dennis Mitchell (v.l.n.r.) bei Weltklasse Zürich im Letzigrund im Jahr 1991.
Keystone

Zum Team gehören zahlreiche Youngster, die gut genug sind, an Olympischen Spielen den Final zu erreichen. Mit Malaika Mihambo, der 26-Jährigen aus Heidelberg, ist nun eine Grösse aus Europa hinzugekommen.

Der Zuzug ist folglich beste Werbung für Lewis, der die Corona-Zeit auch nutzte, sich wieder fit zu machen. 15 Kilos nahm er in den letzten Monaten ab und ist mit seinen 83 kg bei 1,88 m nun fast wieder auf seinem Gewicht goldener Tage, Sixpack inklusive. Zumindest in dieser Hinsicht hat der bald 60-Jährige kaum an Format eingebüsst.