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Interview mit Jung-Kantonsrat«Immer mehr Aktivisten arbeiten
am Parlament vorbei»

Politischer Protest in Form von Streichen, Blockaden, Demonstrationen: Der junge Kantonsrat Nicola Siegrist kennt sie – und die Generation Z, die sie nutzt.

Junge Klima-Aktivisten werden am 20. Juni bei einer Zürcher Demo der Gruppe Extinction Rebellion von Polizisten weggetragen.
Junge Klima-Aktivisten werden am 20. Juni bei einer Zürcher Demo der Gruppe Extinction Rebellion von Polizisten weggetragen.
Foto: Gaëtan Bally (Keystone)

Eben hat die Generation Tiktok den mächtigsten Mann der Welt blossgestellt: Donald Trump hatte bei seiner Wahlveranstaltung in Tulsa mit einem Millionenpublikum gerechnet, aber die Anmeldungen waren fake, es kamen nur rund 6000. Auch in der Schweiz spielen junge Aktivisten Streiche. Feministinnen haben Brunnenwasser rot gefärbt, um gegen hohe Tamponsteuern zu demonstrieren, die Bewegung Critical Mass flashmobbt mit Velos durch die Stadt und bremst den Verkehr aus, und im März verlas der Zürcher Kantonsrat Nicola Siegrist ein Ultimatum des Klimastreiks. Wenn sich bis Ende August nicht mehr tue, greife man zu «drastischeren Methoden», etwa zu Rathaus-Blockaden. Wir haben mit Siegrist über die Generation Z und ihren neuen Aktivismus gesprochen; hier ein Porträt der Gen Z in Zahlen, Daten, Testimonials und da ein Blick auf ihre Sprache im Quiz.

Herr Siegrist, als Kantonsrat stehen Sie auf der angegriffenen Seite, als Vizepräsident Juso Schweiz und selbst Klimaaktivist sind Sie aber in engem Kontakt mit jungen, auch oppositionellen Aktivisten.

Genau diese Spagatposition setzt mir am meisten zu. Die Klimastreik-Erklärung habe ich unterstützt, auch wenn sie vielleicht in der Rhetorik etwas extrem war. Dass nichts gelaufen sei in Sachen Klimapolitik, wie da gesagt wurde, stimmt nicht ganz. Aber man muss den jungen Leuten zugutehalten, dass sie binnen Jahresfrist eine Menge gelernt haben und dies auch umzusetzen wissen.

Was denn?

Sichtbarkeit schaffen für ein Thema. Beim Klima wurden sie teilweise mehrheitsfähig. Denn Klimaschutz ist für alle gut, und die Absender waren seine glaubwürdigsten Vertreter: unschuldige Kinder. Direktbetroffene. Das bricht aus dem Politikbetrieb aus und reicht weit in den Alltag fast aller Menschen hinein.

Die unschuldigen Kinder: Das ist die Generation Z, die ersten echten Digital Natives. Haben sie ihren Vorsprung nutzen können?

Jein. Da gabs viel Trial and Error. Mit der Zielgruppe zu kommunizieren, den 15- bis 25-Jährigen, und sie kurzfristig über Whatsapp oder Instagram zu avisieren und für Aktionen aufzubieten: Das lief super. Aber nicht alle Aktionen hatten den gleichen Impact. Ein Knaller war, als wir, in Absprache mit dem Pfarrer, die Zeiger auf dem grössten Zifferblatt Europas – dem der Zürcher St.-Peter-Kirche – auf fünf vor zwölf schoben. Die Bilder davon trendeten auf den Online-Plattformen. Das aufs Zürcher Silo projizierte Flammenlicht ging dagegen clicktechnisch in die Hose, interessierte keinen. Grundsätzlich muss man abwägen, was in einer spezifischen Situation mehr bringt: sorgfältige Lobbyarbeit hinter den Kulissen oder auffällige, sichtbare Aktionen. Gerade für die Jungen ist das Klein-Klein des Politikalltags manchmal zu mühsam und zu langsam.

Das war der Knaller: Die grösste Kirchenuhr Europas der Zürcher Kirche St. Peter zeigt fünf vor zwölf – um zwanzig vor drei.
Das war der Knaller: Die grösste Kirchenuhr Europas der Zürcher Kirche St. Peter zeigt fünf vor zwölf – um zwanzig vor drei.
Foto: Keystone

Wie sehen Sie, 1996 geboren, die Gen Z?

Man lebt in der Schweiz in einer Diskrepanz: Viele haben keine materiellen Probleme und sind frei, zu tun und zu lassen, was sie wollen. Aber sie sind mit einem permanenten Krisengefühl aufgewachsen, von 9/11 über die Wirtschafts- und Eurokrise bis zur Klimakrise und Corona. Das Versprechen der Eltern, alles sei möglich, deckt sich nicht mit dem Normalzustand der Jungen von 2020. Bei vielen hat sich daher eine Apathie eingeschlichen. Sie sind unpolitisch, weil die Probleme zu gross und zu viele geworden sind: «Da kann man eh nichts machen», denken sie. Dann sind da die Enttäuschten und Empörten, denen die Politik zu träge agiert – und die darum radikale Positionen beziehen. Bei manchen Feministinnen und Klimastreikenden gibt es so viel Wut und Desillusionierung, dass sie keinerlei Vertrauen mehr in die Institutionen haben.

«Es hat sich im Lockdown gezeigt: Systemänderung geht.»

Nico Siegrist, Juso-Vizepräsident, Klimaaktivist, Kantonsrat

Sind heftige Proteste wie in den USA denkbar?

Das glaube ich nicht. In der Schweiz existieren deutlich weniger soziale Verwerfungen, weniger auch als in den Nachbarländern Italien, Frankreich und Deutschland. Aber anders als zum Beispiel in Deutschland fehlen hier klare Pläne wie ein Koalitionsvertrag, um konkrete Veränderungen zu erreichen. Das langsame System in der Schweiz brachte Stabilität, aber es bremst auch den Fortschritt aus. Zudem werfen Krisen wie die Klimakrise sowieso grundlegendere Fragen auf, auf welche die liberale Demokratie bisher keine Antwort liefern konnte. Darum arbeiten immer mehr Aktivisten und Aktivistinnen am Parlament vorbei.

Ist die Corona-Krise für die Jugend eine tiefgreifende Zäsur?

Die Jugendarbeitslosigkeit wurde durch Corona schlimmer, die Fragilität des Systems fühlbarer. Andererseits hat man endlich gesehen: Doch, der Staat kann handeln! Rasch und massiv, wenn es sein muss. Wieso jetzt also wieder in die alte Normalität zurückschlittern? Das vergünstigte GA für Studierende wird abgeschafft, aber die Flugindustrie wird gerettet. Das verärgert einen Teil der Gen Z. Wir können jetzt neu ernsthaft die Frage stellen: Was braucht es überhaupt, was kann weg? Es hat sich ja im Lockdown gezeigt: Systemänderung geht.

Hat eine Mehrheit der nachrückenden Generation diese Wende mitgemacht?

Ich bin natürlich voreingenommen: Mein Umfeld tickt genau so. Sie wollen sinnvolle Berufe, sie machen bei der Nachbarschaftshilfe mit, schielen nicht nur auf die Karriere. Aber ich weiss, dass viele andere sich ins Leistungsmärchen flüchten. Mehr arbeiten bedeutet für sie mehr Geld bedeutet mehr Sicherheit. Aber: Seit zehn Jahren haben wir einen steten Zulauf bei den Jusos. Und ich hoffe sehr, dass sich die verschiedenen Bewegungen – vom Antirassismus über #MeToo und LGBTQ-Rechte bis zum Klimastreik – noch mehr vernetzen. Dass sie das Momentum des Augenblicks gemeinsam nutzen und einen grundsätzlichen Wandel einfordern.