Im Tempel des Kolonialismus

Das Africa-Museum bei Brüssel will seine Sammlung auf modernere Art präsentieren und Objekte unkompliziert zurückgeben. Allerdings stellt es noch immer sehr viel Raubgut aus.

Wie eine Zeitkapsel aus der vorletzten Jahrhundertwende: Der Krokodilsaal im Africa-Museum in Tervuren. Foto: RMCA Tervuren / Jo Van de Vijver

Wie eine Zeitkapsel aus der vorletzten Jahrhundertwende: Der Krokodilsaal im Africa-Museum in Tervuren. Foto: RMCA Tervuren / Jo Van de Vijver

Christoph Heim@bazonline

Noch immer zeigen die Denkmäler in Belgiens Städten Leopold II. hoch zu Ross. Dabei führte der Monarch im Kongo einen apokalyptischen Vernichtungsfeldzug. Seine Herrschaft über das zentralafrikanische Land soll zehn Millionen Menschen das Leben gekostet haben. Über 20 Jahre, von 1885 bis 1908, beutete Leopold II. das Land aus, schaffte riesige Mengen an Kautschuk und Elfenbein ausser Landes und wurde dabei zu einem der reichsten Männer der Welt.

Der König beliess es nicht bei seinem blutigen Raubzug auf die Naturschätze des Landes, sondern liess seine Kolonialbeamten Kulturgüter zusammenraffen. Kult- und Alltagsgegenstände wurden den Kongolesen gestohlen, geraubt, erpresst oder – das gab es auch – preisgünstig erworben. Belgische Forscher, Abenteurer und Militärs brachten zuhauf besonders schöne oder seltene Exemplare nach Hause. Hinzu kamen seltene Mineralien, von denen die Geologen nicht genug bekommen konnten. In Tervuren, das sich zwölf Kilometer ausserhalb Brüssels befindet, fasste der Monarch seine Schätze zusammen und stellte sie in einem schlossartigen Museumskomplex aus.

Wir sitzen im Vortragssaal und hören dem französisch eingefärbten Englisch Guido Gryseels’ zu. «Wir haben weltweit die grösste Sammlung an Kulturgut, das aus Zentralafrika stammt», sagt er in seinem Begrüssungsvortrag. Seine Konservatoren haben zehn Millionen Objekte gezählt, die aus den Bereichen Anthropologie, Geschichte, Biologie, Botanik und Erdwissenschaften stammen. Gryseels ist seit 2001 Direktor des Königlichen Museums für Zentralafrika, das neu Africa-Museum heisst. Nach fünfjähriger Generalsanierung wurde der rund 100 Jahre alte Bau im letzten Dezember wiedereröffnet.

«Das Museum ist», sagt Gryseels, «ein Tribut an den Kolonialismus und zeigt viele Statuen, welche die Unterwerfung des Kongo verherrlichen. Wir haben aber neue Ausstellungen ins Gebäude gebracht, die einen viel stärkeren Bezug zum zeitgenössischen Afrika haben. Wir wollten die Afrikaner ins Zentrum der Ausstellungen stellen. Früher zeigte das Museum, wie die Belgier Afrika sehen. Heute zeigen wir, wie die Afrikaner Afrika und sich selbst sehen.»

Blutiges Zustandekommen

Vor dem Besuch des Museums haben wir Eric Vuillards erschütternde Abrechnung mit der belgischen Herrschaft im Kongo gelesen. Das Büchlein des französischen Schriftstellers über die Kongo-Konferenz in Berlin 1884/85 macht skeptisch gegenüber der Neuinszenierung des Kongo-Raubguts. Darf eine ­Täternation eine friedliche, weitgehend unpolitische Auslege­ordnung von Artefakten präsentieren? Ist das Konzept Völkerkundemuseum angesichts des blutigen Zustandekommens einer Sammlung nicht absurd?

Auch wenn Leopold II. im Kongo kein Ethnozid vorschwebte, so sprengt der Blutzoll, den seine Herrschaft gekostet hat, jegliches Vorstellungsvermögen. Vuillard berichtet von den Körben voller Hände, die den Afrikanern abgeschlagen wurden, weil die Kolonialbeamten für jede Kugel, die sie verbrauchten, Zeugnis ablegen mussten. Leopolds Häscher zwangen der Bevölkerung einen geradezu hündischen Gehorsam auf. Misshandlungen und Verstümmelungen waren an der Tagesordnung.

Didier Claes ist Galerist in Brüssel und auf afrikanische Kunst spezialisiert. Wir treffen den in Kinshasa geborenen Sohn eines belgischen Vaters und einer kongolesischen Mutter im Museum. Schon bei der Begrüssung lobt er das renovierte Africa-Museum. Dann stellt er seine Haltung in der Restitutionsdebatte klar, die Emmanuel Macron entfacht hat. «Selbst dann, wenn man konstatieren muss, dass Afrika von seinen Kulturgütern weitgehend geleert wurde, was weltweit ziemlich einzigartig ist, braucht es für jede Restitution ein geregeltes Verfahren.»

Sollten nichtangesichts der Morde im Kongo alle Wände des Museums rot angemalt werden?

Claes führt uns vorbei an grossen Farbfotografien aus Kinshasa, die einen Eindruck von der Hektik des urbanen Lebens vermitteln. Er zeigt stolz und auch ein wenig belustigt auf einen riesenhaften Roboter in der Mitte des Raums. Es ist ein elektronischer Verkehrspolizist, ein Exemplar einer futuristischen Spezies, die schon jetzt auf den grossen Boulevards in Kinshasa den Verkehr regelt. Im Museum steht er als Symbol für den Aufbruch im Land.

In anderen Galerien des Museums wird, als ob es sich um irgendein Völkerkundemuseum in Europa handelte, über die Sprachenvielfalt im Kongo, über seine Musik und sein Brauchtum informiert. Wir sehen didaktische Museumsinstallationen zum Thema Geburt, Erziehung und Tod, in denen die Masken und Statuen in einen ethnologischen Kontext gesetzt werden. Auf Monitoren erläutern dazu Afrikanerinnen und Afrikaner die Rituale, die zum Teil noch heute im Kongo praktiziert werden.

Gryseels strebte bei der Neuinstallation der Sammlung die Zusammenarbeit mit Afrikanern an. Sie sollte das Haus zu einem lebendigen Ort des Austausches machen. Die afrikanische Diaspora – rund fünf Prozent der elf Millionen Belgier haben afrikanische Wurzeln – soll sich in diesem Kolonialpalast zu Hause fühlen. Dass wir bei unserem Besuch nur einen einzigen Menschen dunkler Hautfarbe gesehen haben, nämlich Didier ­Claes, zeigt, wie anspruchsvoll dieses Ziel ist.

Die Art, wie das Museum die letzten 150 Jahre des Kongo rekapituliert, ist so papieren und zurückhaltend, dass es den Eindruck macht, man wolle das grausame Geschehen verdrängen. Das Museum entpuppt sich hier als ein Kompromiss zwischen einer weit fortgeschrittenen wissenschaftlichen Forschung, die sich der Geschichte stellt, und einer Gesellschaft, die sich aufgrund eines eklatanten Erinnerungsdefizits der drängenden Fragen nach einer historischen Moral nicht stellen muss – oder nicht stellen will.

Denn sollten nicht angesichts der massenhaften Morde im Kongo die Wände des renovierten Museums allesamt rot angemalt werden? Müssten nicht irgendwo die enormen Gewinne bilanziert werden, die der Raubbau in Zentralafrika in Belgien anhäufte, und zwar nicht nur in Zahlen, sondern in einer symbolischen Form, mit der die Riesengewinne für die Besucher erlebbar würden? Was ist mit der Verantwortung der belgischen Unternehmen und Familien, die durch den Raubbau im Kongo steinreich wurden und heute noch über grosse Sammlungen von Artefakten verfügen?

Mit Didier Claes stehen wir in der Schatzkammer des Museums, einer Wechselausstellung mit dem Titel «Unvergleichliche Kunst». Hier steht das kongolesische Weltkulturerbe; hier sind Hunderte von hinreissenden Masken und Skulpturen, meist aus Holz gefertigt, in Vitrinen ausgestellt. «Das sind die Meisterwerke», sagt Claes, dessen Augen vor Begeisterung leuchten. «Die Präsentation erinnert hier freilich noch stark an die Zeiten vor der Renovation. Aber dieser Saal ist sehr wichtig für die Sammler und Kunsthändler.»

Museale Amnesie

Trotz vieler Neuerungen findet im Africa-Museum keine radikale historische Neubewertung des belgischen Engagements im Kongo statt, wie man sie in Zeiten der Dekolonisierung erwartet. Immerhin versichert Gryseels, dass man die Provenienzforschung verstärkt habe. Auch will man künftig Mitarbeiter kongolesischer Herkunft einstellen – bis jetzt gibt es keine – und auf Restitutionsanfragen schnell und unkompliziert reagieren.

Im renovierten Gebäude fallen einem die idyllischen Landschaftspanoramen auf, die einen Eindruck von der Schönheit des Kongos vermitteln. An den Wänden sehen wir riesige, historische Karten des belgischen Kolonialreichs. Und plötzlich befinden wir uns in einem akribisch restaurierten Krokodilsaal aus der Zeit der vorletzten Jahrhundertwende, der wie eine Zeitkapsel wirkt. Schliesslich bleiben wir in der grossen Ruhmeshalle – staunend ob so viel Geschichtsvergessenheit – vor überlebensgrossen, weissen und schwarzen Statuen stehen, die im Stil der historistischen Plastik von der Überlegenheit einer vergeistigten weissen Rasse über die primitiven Schwarzen berichten.

Den Höhepunkt der musealen Amnesie bildet aber jene Aussenwand am Museum, wo mit einer riesigen Marmortafel der 1508 Belgier gedacht wird, die im Kongo zu Tode kamen. Was für eine verkehrte Welt! Statt an die Millionen Schwarzer zu erinnern, musste diese Tafel aus Gründen des Denkmalschutzes erhalten und renoviert werden. Gryseels suchte nach einem Kontrapunkt und bat den kongolesischen Künstler Freddy Tsimba um eine künstlerische Intervention. Dieser stellt, wie um den Wahnsinn noch spürbarer zu machen, sieben menschliche Bronzefiguren an die Wand vor die Gedenktafel, die an die Kongolesen erinnern sollen, die im Menschenzoo in Tervuren während der Brüsseler Weltausstellung 1898 verstarben.

«Die Geschichte, die Belgien und der Kongo teilen, ist eine Geschichte der Schmerzen», sagt Claes. «Belgien hat sich entschlossen, das Museum Tervuren zu renovieren, damit es Hüter der Erinnerungen werden kann. Ich finde das gut. Wenn man das Museum auslöscht, verliert man auch die Erinnerung. Freilich möchte ich anmerken: Im Grunde genommen müsste es nicht Africa-Museum heissen, sondern Kongo-Museum, denn 95 Prozent der Objekte stammen aus dem Kongo.»

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