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Neuer Berner Rock«Im Herbst kommen die Gitarren»

Lange lebe der Rock. Die Band Willibald zeigt mit ihrem Debüt, dass Rockmusik noch lange nicht tot ist, sondern in jede noch so seltsame Zeit passt.

Die Drei Eidgenossen in der Berner Altstadt ist ihr Treffpunkt: Willibald  mit Charles Grögli, Deborah Spiller und Naemi Zurbrügg.
Die Drei Eidgenossen in der Berner Altstadt ist ihr Treffpunkt: Willibald mit Charles Grögli, Deborah Spiller und Naemi Zurbrügg.
Bild: Nicole Philipp

Le roi est mort. Der König ist tot. Und jetzt? Die Berner Band Willibald lässt den zweiten Teil der Heroldsformel «Vive le roi» absichtlich weg. Wie es weiter geht, soll offenbleiben.

Der Albumtitel zeigt zweierlei: Willibald legen die Wörter auf die Goldwaage und: Die Band hat keine Angst vor grossen Vorfahren. Der Titel ist ein Statement.

Deborah Spiller sitzt mit Naemi Zurbrügg und Charles Grögli in der Berner Altstadt-Kneipe Drei Eidgenossen. Hier kommen sie nach den Bandproben jeweils hin, um noch ein Bier zu trinken.

Und hier sind sie nun hergekommen, um zu erklären, was ihnen eigentlich einfällt, in Zeiten von rauchfreien Beizen und Ananas-Spinat-Ingwer-Smoothies ein raues und dunkles und poetisches Rockalbum zu veröffentlichen. Ist Rock nicht etwas für Nostalgiker? Ist Rock, mit Verlaub, nicht eigentlich tot?

Lang lebe die Königin

«Rock, der durch breitbeiniges, männliches Gehabe geprägt ist, der vielleicht schon», sagt Charles Grögli, Bassist und einziges männliches Bandmitglied.

«Rockmusik muss nicht vor stereotyper Maskulinität strotzen, sondern darf auch verletzlich und angreifbar sein», sagt Deborah Spiller, Sängerin, Texterin und Gitarristin. «Heute gehen 50 Prozent der Gitarrenverkäufe an Frauen. Und während des Lockdown sind extrem viele elektrische Gitarren verkauft worden.»

Dafür, dass die E-Gitarre vor zwei, drei Jahren für tot erklärt worden sei, sei das schon bemerkenswert. «Vielleicht ist ja einfach der alt gewordene männliche Gitarrengott passé.» Der König ist tot, lang lebe die Königin?

Gitarrenliebe

Deborah Spiller stammt aus Obwalden und kam vor zehn Jahren nach Bern. 2015 gab sie in ihrer Wohngemeinschaft ein Solokonzert, wo zufällig auch Charles Grögli anwesend war. Ihm gefiel ihre rohe, komplexe und düstere Musik, wie er sagt. Drei Wochen später spielten die beiden bereits ihr erstes gemeinsames Konzert in der Via Felsenau. Nur Bass und Gitarre und Gesang.

Irgendwann kamen die Schlagzeugerin Christine Wyder, noch etwas später Naemi Zurbrügg hinzu. Man kannte sich zwar über Freunde von Freunden. Doch erst die Musik brachte die vier zusammen. Die Lust am Rock, am Lärm, an der lauten Ausschweifung und vor allem die Liebe zur Gitarre.

Sie hätten erst kürzlich festgestellt, dass eigentlich alle in der Band durch die Gitarre zur Musik fanden. Sogar die Schlagzeugerin habe mit Gitarre angefangen, sagt Deborah Spiller. «Ein Gitarre hat etwas Organisches. Man kann sie direkt mit dem Körper beeinflussen. Eine Gitarre ist fast wie eine Stimme. Sie macht alles so unmittelbar.»

«Ich habe meine Platten nach Jahreszeiten geordnet», sagt Naemi Zurbrügg. «Fast alle elektronische Musik gehört für mich – vom Klang her – in den Winter. Rock aber verorte ich im Spätsommer und Herbst. Ja, im Herbst da kommen die Gitarren.»

Kein Stinkefinger

Nein, Rock ist nicht tot. In einer zu klinischen, zu grellen und zu aufgeräumten Welt ist Rockmusik, wie Willibald sie macht, ein wohltuender Kontrast. Eine angenehme Frechheit, sozusagen. Gerade weil sie nicht verstaubt und kraftstrotzend daherkommt, sondern auch zerbrechlich klingt.

In den körperlichen, dichten, komplexen Noise-Rock- und Post-Punk-Balladen blitzen hier und da grelle Trip-Hop-Elemente auf, was den Lieder einen seltsamen Schimmern verleiht. Der Gesang ist eindringlich, mal bedrückend, dann wieder lieblich und flehend. Willibald spielen Rockmusik, die kritisch, aber auch zärtlich und nie zynisch auf die Welt blickt.

Die Songtexte sind sehr lyrisch und erzählen von Einsamkeit, von Unsicherheit und Unschlüssigkeit, von dem Gefühl, ausgeschlossen zu sein, nicht ganz teilhaben zu können an der Welt. Es sind Lieder, die darüber zu sinnieren scheinen, wie es wohl hinter dem Vorhang aussehen mag. Deborah Spiller und Charles Grögli schreiben beide die Texte, suchen ihre Inspiration in der Literatur, etwa bei Ocean Vuong, Sylvia Plath und Haruki Murakami.

«Wir zeigen mit unserer Musik der Welt nicht den Stinkefinger, im Gegenteil», sagt Charles Grögli. «Sie ist eine Annäherung», ergänzt Deborah Spiller. «Manchmal aber auch voller Wut und Frust darüber, dass man sich eben nicht gut eingliedern kann.»

«Rockmusik muss nicht vor stereotyper Maskulinität strotzen, sondern darf auch verletzlich sein.»

Deborah Spiller, Sängerin und Texterin

Am meisten Zuhörerinnen und Zuhörer haben Willibald übrigens in Lateinamerika: Mexiko, Brasilien, Chile. So listet Spotify die Rangliste auf. Alles Orte, wo das Leben noch eingeschränkter ist als in Bern. «Ich habe eine Freundin in Chile, die hat ihr Haus buchstäblich drei Monate lang nicht verlassen können», sagt Deborah Spiller. «Offenbar hilft unsere Musik irgendwie, wenn man zu Hause eingesperrt ist.»

Plattentaufe: Willibald, «Le roi est mort», Donnerstag, 15.10., ab 20.30 Uhr, ISC, Bern