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Wohnen an der BaustelleIhr Motto heisst Gelassenheit

Jolanda Friederich erlebt hautnah mit, wie vor ihrem Fenster in Ostermundigen das grösste Wohnhaus des Kantons entsteht. Das Geschehen auf der Baustelle beschäftigt und fasziniert sie.

Mittlerweile ist die Baustelle keine Grube mehr: Das 100-Meter-Hochhaus beginnt, in die Höhe zu wachsen. Jolanda Friederich erlebt das hautnah mit, sie wohnt einen Steinwurf von der Baustelle entfernt.
Mittlerweile ist die Baustelle keine Grube mehr: Das 100-Meter-Hochhaus beginnt, in die Höhe zu wachsen. Jolanda Friederich erlebt das hautnah mit, sie wohnt einen Steinwurf von der Baustelle entfernt.
Foto: Nicole Philipp

Mittlerweile sieht jeder, der von Bern nach Ostermundigen reinfährt: Hier passiert etwas. Lange Zeit war die Baustelle des Bäre-Tower, der mit etwas über 100 Metern das höchste Wohngebäude des Kantons werden soll, eine riesige Grube. Passanten konnten kaum erkennen, was sich hinter den Abschrankungen tat. Nun aber beginnt das Hochhaus, in die Höhe zu steigen, langsam wird sichtbar, wie es am Ende aussehen könnte.

Jemand, der seit Tag eins der Bauarbeiten alles hautnah miterlebt hat, ist Jolanda Friederich. Die 75-jährige Ostermundigerin lebt einen Steinwurf von der Baustelle entfernt. Wenn sie ihre Fensterläden im Schlafzimmer öffnet, sieht sie direkt auf das Gewusel der Bauarbeiter, auf den Kran, der Unmengen an Materialien hin und her schiebt, auf den Turm, der stetig höher wird.

Vor über einem Jahr, beim ersten Besuch in ihrer Wohnung, erzählte sie, wie sie vorhabe, die Zeit der Bauarbeiten zu überstehen: «Gelassen.» Damals hatte gerade erst der Abbruch von bestehenden Gebäuden begonnen; was alles noch kommen würde, das wusste Jolanda Friederich nicht. Denn je weiter die Arbeiten fortschritten, desto mehr belasteten sie der Lärm und die Erschütterungen, als es darum ging, das Fundament fertigzustellen, das den Riesen einst tragen soll.

Als Erstes mussten die Gebäude auf dem Grundstück verschwinden. Im Januar 2019 begannen die Bauarbeiten direkt vor dem Fenster von Jolanda Friederich.
Als Erstes mussten die Gebäude auf dem Grundstück verschwinden. Im Januar 2019 begannen die Bauarbeiten direkt vor dem Fenster von Jolanda Friederich.
Foto: Nicole Philipp
Das Fundament für das Hochhaus war mit viel Lärm verbunden und belastete Jolanda Friederich mehr, als sie gedacht hatte.
Das Fundament für das Hochhaus war mit viel Lärm verbunden und belastete Jolanda Friederich mehr, als sie gedacht hatte.
Foto: Raphael Moser

Mittlerweile ist wieder ein halbes Jahr vergangen, vor dem Schlafzimmerfenster schraubt sich ein Gebäude in die Höhe. Wenn man Jolanda Friederich heute fragt, wie es ihr gehe, und nicht nur die Baustelle anspricht, sondern auch, dass sie wegen der Corona-Pandemie die letzten Monate mehr an ihre Wohnung gebunden war als sonst, lächelt sie. «Ach, ich habe eigentlich überhaupt keine Probleme, da habe ich Glück.» Und hier kommt es wieder, das Motto Gelassenheit, mit dem die Ostermundigerin den verschiedenen Situationen begegnet. «Me muess sech eifach nid verruckt la mache, de geit aues eifacher», so sagt sie es.

Ein immer neues Theaterstück

Denn obwohl sie mehr Zeit zu Hause verbringt als sonst, kann Friederich diesem Zustand Positives abgewinnen. «Vor meinem Fenster gibt es jeden Tag spannende Dinge zu entdecken.» Die 75-Jährige erzählt von den Männern, die emsig wie Ameisen über Gerüste klettern und von morgens bis abends eine Unmenge an Arbeiten erledigen. «Es ist schon wahnsinnig, was sie da leisten.» Sie erzählt, wie sie jeden Morgen beobachten kann, wie der Kranführer zum Kran emporsteigt – «und zwar immer so was von auf die Minute pünktlich» –, um zu seinem Arbeitsplatz in luftiger Höhe zu gelangen. Oder von der riesigen elektrischen Kerze, die in der Weihnachtszeit an der Baustelle angebracht wurde und die ganze Nachbarschaft erhellte.

Wenn Jolanda Friederich aus dem Fenster schaut, ist es, als würde vor ihr jeden Tag ein neues Theaterstück aufgeführt werden. Gerne würde die Ostermundigerin manchmal mehr über die komplexen Vorgänge wissen, die vor ihrer Nase passieren, mehr über die verschiedenen Maschinen erfahren, die auf dem Grundstück auffahren, mehr über die Fachbegriffe, die in den Mails der Baufirma stehen, welche die Anwohner erhalten.

Flucht auf den Friedhof

Es gibt sie aber auch, die Tage, an denen Friederich ihre Fensterläden am liebsten nicht aufmachen würde. «Ich kann zum Beispiel nur einen Tag in der Woche etwas länger schlafen, und das ist der Sonntag.» Denn sonst werde sie regelmässig vom Klopfen und Hämmern der Baustelle wach – und vor allem von den Rufen der Bauarbeiter. «Es ist mir auch klar, dass sie sich verständigen müssen, um zu wissen, wer was wann und wie machen soll.» Aber das Geschrei, findet sie, sei manchmal schwierig auszublenden. Wenn sie das Gefühl hat, jetzt gehe es nicht mehr, dreht sie eine Runde auf dem Friedhof und geniesst die Ruhe dort. Und sie sagt sich, schmunzelnd: «Alle, die dort schreien müssen, machen das auch gerade ein bisschen für mich, lassen für mich auch noch Dampf ab.»

An ihrem Entschluss hat sich seit dem Beginn der Bauarbeiten im Januar 2019 auf jeden Fall nichts geändert. «Umziehen wegen dem neuen ‹Bäre-Tower›, warum sollte ich das tun?» Und sie wagt sogar schon einen kurzen Blick in die Zukunft. «Wer weiss, vielleicht kann ich ja zu meinem 80. Geburtstag auf dem Dach des Hochhauses anstossen!»