Zum Hauptinhalt springen

Interview mit Christian Drosten«Ich mache mir wirklich Sorgen, wenn ich gewisse Vertreter der Wirtschaft höre»

Der deutsche Virologe Christian Drosten gilt als die Instanz in Sachen Coronaviren. Manche Argumente aus der Wirtschaft kann er nicht nachvollziehen.

Christian Drosten, in einem der Labore im Institut für Virologie an der Charite Berlin.
Christian Drosten, in einem der Labore im Institut für Virologie an der Charite Berlin.
© Gene Glover/Agentur Focus

Herr Drosten, Sie haben die Öffentlichkeit schon in früheren Epidemien über virologische Zusammenhänge informiert. Was ist in der aktuellen Krise anders?

Ich habe bald gemerkt, dass in dieser Krise viel Information verloren geht. Ich hatte über den Januar und den Februar versucht, deutliche Warnungen auszusprechen – ohne Panik zu verbreiten. Aber aus den Interviews wurde viel herausgeschnitten. Mich hat das geärgert, ich habe da jeweils viel Zeit investiert. Auch meine Frau war genervt, weil ich beim Frühstück immer wieder nach nebenan gehen musste, für Interviews. Auch da wurde verkürzt, der Kontext verändert.

Manchmal machen Verkürzungen die Dinge auch klarer. Müssen Sie sich ein dickeres Fell zulegen?

(lacht) Ja, vielleicht ist es schon dicker geworden. Letzte Woche zum Beispiel gab es eine Pressekonferenz mit dem Präsidenten des Paul-Ehrlich-Instituts, Klaus Cichutek. Ich war vorher in einer Talkshow gefragt worden, wie es denn jetzt weitergehen wird in den kommenden Monaten, und da habe ich über Contact-Tracing per Mobilfunk gesprochen, weil ein Impfstoff in diesem Zeitraum also im Sommer Träumerei ist. Und dann wurde Cichutek auf der Pressekonferenz gefragt: Drosten sagt, Impfstoffe seien Träumereien. Was sagen Sie denn dazu? Natürlich hat er gesagt: «Das ist keine Träumerei, da wird dran gearbeitet, bald gehen die ersten Studien los.» Das heisst trotzdem nicht, dass wir im Sommer einen Impfstoff haben werden. Aber am nächsten Tag schreibt keine geringere Zeitung als die FAZ: «Cichutek widerspricht Drosten». Ich habe mich dieses Mal nicht beschwert.

Inzwischen kommunizieren Sie hauptsächlich über einen ungeschnittenen Podcast. Hat sich auch da etwas verändert?

Am Anfang konnte ich aus dem Nähkästchen plaudern, da habe ich Grundwissen von mir gegeben. Das ist inzwischen nicht mehr so. Ich lese manchmal vierzig, fünfzig vorveröffentlichte Studien zur Vorbereitung. Es wird ja jetzt viel mehr argumentiert mit wissenschaftlichen Befunden. Zuletzt, was die Häufigkeit von Antikörpern in der Bevölkerung betrifft, die Hintergrundprävalenz. Da sind jetzt viele kleine Studien herausgekommen, zum Beispiel aus Santa Clara in Kalifornien, zu denen es in etwa hiess: «Ah ja, wir sind doch mindestens auf dem Weg zur Bevölkerungsimmunität.» Da kann ich nicht sagen: Nee, das glaube ich nicht. Ich muss die Studien lesen und begründen, warum das nicht so ist.

Die erste dieser kleinen Studien war die sogenannte Heinsberg-Studie, die mit ihren Zwischenergebnissen einige Verwirrung ausgelöst hat auch bei Ihnen.

Es hatte vor Ostern diese Pressekonferenz gegeben, und plötzlich war die Botschaft draussen, dass 15 Prozent der Bevölkerung immun sind. Das wurde auch gleich generalisiert. Und es geschah in Anwesenheit von Armin Laschet, dem Ministerpräsidenten von Nordrhein-Westfalen, war also schon vollkommen politisch. Aber es gab kein Manuskript mit Daten. Und auf einem Pressebriefing am gleichen Tag habe ich dann gesagt: «Dazu kann man so gar nichts sagen, wir kennen den Hintergrund nicht.» Man hatte ja nur eine Zahl genannt bekommen und musste die dann einfach mal glauben.

Warum ist das Manuskript so wichtig?

Aus Santa Clara zum Beispiel haben wir die Daten. Diese können wir Wissenschaftler nehmen und uns darüber austauschen ob das so stimmt mit der Sensitivität von diesem Antikörpertest, ob das wirklich gut ist, dass Freiwillige getestet wurden. Darüber kann man dann diskutieren und zu einem Konsens kommen in der Community. Im Moment heisst dieser Konsens aus den Studien, zu denen wir Manuskripte haben: Mit zwei zugekniffenen Augen bewegen wir uns hinsichtlich der Immunität vielleicht im niedrig einstelligen Prozentbereich der Bevölkerung.

Mit zwei zugekniffenen Augen bewegen wir uns hinsichtlich der Immunität vielleicht im niedrig einstelligen Prozentbereich der Bevölkerung.

Christian Drosten

Die Heinsberg-Studie kommt zu einem anderen Ergebnis. Sie wurde zudem schon im Vorfeld als richtungsweisend für die Politik gehandelt, es war sogar eine Social-Media-Agentur des ehemaligen «Bild»-Chefredaktors Kai Diekmann involviert.

Ich finde das alles total unglücklich und ich finde es noch schlimmer, wenn ich dann den Bericht im Wirtschaftsmagazin «Capital» darüber lese, dass diese PR-Firma Geld bei Industriepartnern eingesammelt hat, um die öffentliche Meinung zu beeinflussen. Da geht es auch um ein internes Dokument, demzufolge Tweets und Aussagen des Studienleiters Hendrik Streeck in Talkshows schon wörtlich vorgefasst waren. Da weiss ich einfach nicht mehr, was ich noch denken soll. Das hat mit guter wissenschaftlicher Praxis nichts mehr zu tun. Und es zerstört viel von dem ursprünglichen Vertrauen der Bevölkerung in die Wissenschaft.

Ist die Studie damit denn hinfällig?

Die Wissenschaft an sich ist erst mal überhaupt nicht zu kritisieren auf der momentanen Basis. Es gibt ja immer noch keine. Deshalb kann man auch nicht über diese Zwischenergebnisse sprechen.

Hat Hendrik Streeck Ihnen inzwischen Details über die Studie zukommen lassen?

Wir haben telefoniert, und ich habe Auszüge der Daten bekommen und diese lassen erkennen, dass die Studie an sich seriös ist und gut werden könnte. Aber wenn einzelne Wissenschaftler im Hintergrund irgendwelche Daten gezeigt bekommen und dann sagen, okay, das geht vielleicht in die richtige Richtung, dann reicht das ja nicht dafür aus, politische Entscheidungen zu treffen.

Hier hat es aber von vornherein ein politisches Kalkül gegeben.

Hendrik Streeck sagt, er gehe da völlig ergebnisoffen ran. Aber wenn das stimmt mit dem internen Papier der PR-Agentur, dann war das überhaupt nicht ergebnisoffen. Sondern eine von vornherein geplante Botschaft, die man sich kaufen konnte.

Sie halten sich selbst meist eher zurück mit Einschätzungen zur Politik. Die Wissenschaftsjournalistin Mai Thi Nguyen-Kim hat Sie dafür kritisiert. Sie sagt, Wissenschaftler müssten auch politische Entscheidungen wissenschaftlich einordnen.

Ich gebe ihr recht. Aber ich frage mich dann, wo jetzt eigentlich die Wirtschaftswissenschaftler sind. Da spricht ein Arbeitgeberpräsident, aber die wissenschaftlichen Experten aus der Wirtschaft sind nicht sichtbar. Ich lese von denen nicht einmal die verkürzten Botschaften in der Zeitung, wie es sie von «den Virologen» ja gibt.

Nun wird nicht nur von der Wirtschaft viel über Lockerungen diskutiert. Man bekommt den Eindruck, dass deshalb viele die Massnahmen schon lockerer sehen.

Es gibt sogar die Behauptung, die Kontaktsperren seien gar nicht nötig gewesen. Da wird dann darauf verwiesen, dass der R-Wert, die Reproduktionsrate, schon vor Beginn der Massnahmen gesunken sei. Und daraus wird gefolgert, dass sich die Epidemie von selbst eingedämmt habe. Erstens glaube ich, dass der R-Wert durch die starke Änderung der Testzahlen im März verfälscht ist. Dann zeigen Mobilitätsdaten von Apple, dass die Informationen und Warnungen dazu geführt haben, dass die Menschen die Massnahmen praktisch vorweggenommen haben. Ich erinnere mich gut daran, Mitte März waren die Strassen in Berlin praktisch schon leer.

Das spricht doch dafür, dass die Bevölkerung gut mitmacht.

Dieser Erfolg wird jetzt aber missbraucht als Argument, dass man das alles doch hätte lassen können. Das wird dann noch zusammengerührt mit der angeblichen Abwesenheit einer Übersterblichkeit. So, als gäbe es das doch alles gar nicht. Das spielt gewissen politischen Kräften in die Hände, die sagen, man müsse der Wirtschaft eine Chance geben. Obwohl man der Wirtschaft vielleicht gerade die Chance nimmt, weil die Kontaktsperren womöglich umso härter wieder eingeführt werden müssen. Ich mache mir wirklich Sorgen, wenn ich Vertreter der Wirtschaft höre, die praktisch sagen, von dieser Lockerung weichen wir jetzt keinen Millimeter zurück. Als wäre das Verhandlungssache. Aber wenn überhaupt, dann verhandelt man da mit der Natur, nicht mit einem Virologen.