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Interview Belinda Bencic«Ich kann mir nicht vorstellen, dass sie das US Open wirklich durchziehen»

Die St. Galler Top-Ten-Spielerin erzählt, wie die Corona-Pause ihr Leben verändert hat. Und erklärt, wieso sie einer allfälligen Reise nach New York skeptisch gegenübersteht.

Nach vier Monaten zurück  in der Schweiz: Belinda Bencic spielt dieses Wochenende ein Schauturnier in Biel.
Nach vier Monaten zurück in der Schweiz: Belinda Bencic spielt dieses Wochenende ein Schauturnier in Biel.
Marco Zanoni/Lunax

Ohne die Coronavirus-Epidemie würden dieses Wochenende die Olympischen Spiele von Tokio losgehen. Denken Sie mit Wehmut daran?

Am traurigsten war ich im Moment der Absage. Ich war ja noch nie an den Spielen, deshalb ist es schon etwas bitter. Mittlerweile habe ich es aber akzeptiert und freue mich schon auf nächstes Jahr. Meine Karriere geht ja weiter.

Sie wären wohl auch mit Roger Federer im Mixed angetreten. Gibt es Signale, dass dies 2021 nachgeholt werden könnte?

Ich hoffe es natürlich, aus meiner Sicht schon. Und ich hoffe und bin sicher, dass er wieder fit wird, das Timing stimmte ja für ihn.

Haben Sie oft Kontakt mit ihm?

Schon. Wenn ich Fragen habe oder einen Rat brauche, schreiben wir uns immer. Sonst halten wir uns einfach auf dem Laufenden.

Sie waren nun eben vier Monate in der Slowakei. Wie erlebten Sie diese aussergewöhnliche Corona-Zeit?

Ich hatte nicht gedacht, dass die Pandemie so lange dauern würde. Das Schwierigste war die Ungewissheit. Ich wusste nicht, wann es losgeht, wann ich trainieren kann, wie ich trainieren soll. Wir konnten nichts planen. Aber ich bin jemand, der sich sehr schnell anpassen kann. Ich gewöhnte mich auch schnell daran, zu Hause zu sein, nicht zu reisen, nicht zu packen, keine Turniere zu spielen.

«Es ist alles wie eingefroren, wie im Winterschlaf»

Sie konnten in Bratislava mit Ihrem Freund schon einmal das Familienleben proben...

(lacht) … ja, und ich habe festgestellt, dass ich kein Problem hätte, wenn ich nur an einem Ort sein müsste. Das war richtig schön. Das Reisen habe ich nicht vermisst, das Tennis schon.

Haben Sie neue Hobbys gefunden?

Ja. Ich habe zwar schon etwas gekocht, aber das konnte und musste ich in der Quarantäne verbessern. Ich probierte diverse Rezepte aus. Fast noch lieber backe ich. Und ich habe begonnen, Bilder auszumalen. Ich weiss, dass das komisch tönt, aber es macht mir mega Spass. Von einer Tante habe ich ein riesiges Bild erhalten, das kann man nach Zahlen mit Acrylfarben ausmalen. Das ist ein neuer Trend für Erwachsene. So schaue ich weniger Fernsehen und bin weniger am Handy. Und ich lese auch mehr.

Ihr Freund, Martin Hromkovic, ist auch Ihr Fitnesstrainer. Das dürfte praktisch gewesen sein.

Das Fitnesstraining haben wir forciert, als wir nach der Rückkehr aus Indian Wells in Bratislava 14 Tage in Quarantäne bleiben mussten. Ich bin froh, dass er einen guten Plan machte: Am Anfang ging es darum, die Kondition zu erhalten, und vor den Einsätzen begannen wir, mehr tennisspezifische Übungen einzubauen.

Sie spielten in der Slowakei und in Prag im Interclub und an zwei Turnieren zwölf Partien und verloren davon nur eine.

Ja, es war schön, wieder ein Ziel zu haben und mich auf etwas vorzubereiten. Ich fühlte mich gut und hatte Spass. Ungewohnt war, dass ich nach den Partien nach Hause gehen konnte und nicht ins Hotel musste. In Prag spielte ich zuletzt wirklich super.

Trotz Coronapause gut in Form: Belinda Bencic in Biel auf dem Weg zu ihrem Sieg gegen Jil Teichmann.
Trotz Coronapause gut in Form: Belinda Bencic in Biel auf dem Weg zu ihrem Sieg gegen Jil Teichmann.
Keystone

Arbeiteten Sie an Dingen, die sonst zu kurz kommen?

Ich konnte nun wochenweise an Aspekten meines Spiels arbeiten, für die ich sonst nur tageweise Zeit habe. Und ich habe viel mehr als sonst auf Sand gespielt. Das ist ja meine schwächste Unterlage und die, die ich am wenigsten mag. Aber jetzt begann ich mich wirklich wohlzufühlen darauf. Die Bewegungsabläufe sind ganz anders, und daran haben wir intensiv gearbeitet. Als die Grenze wieder aufging, kam ja auch mein Vater nach Bratislava.

Haben Sie Snowy, Ihren Labrador, nicht vermisst?

Doch, sehr. Ich sah ihn fast drei Monate nicht. Zum Glück versteht er sich mega gut mit unserem neuen Hund. Martin und ich haben einen aus einem Tierheim adoptiert. Wir gingen eigentlich nur hin, um mit einigen Hunden zu spazieren. Das machen wir gelegentlich, um etwas Gutes zu tun. Dann sahen wir sie, verliebten uns und nahmen sie mit. Sie ist sieben Monate alt und heisst Paula. Wir kennen nicht einmal ihre Mischung.

Der Turnierkalender schrumpft weiter, nun wurden auch noch die letzten Turniere in China abgesagt. Wäre es nicht besser, gleich die ganze Saison zu annullieren und 2021 neu anzufangen?

Das dachte ich bisher auch und erwartete es sogar. Aber ATP und WTA sagten, dass es in diesem Fall für sie schwierig wäre, finanziell durchzukommen. Deshalb müssen sie um jeden Preis versuchen, noch einige Turniere zu spielen. Und sie wollen den Spielern, die das Preisgeld unbedingt brauchen, die Chance geben zu spielen. Auch wenn es unfair wäre, weil einige Spieler gar keine Möglichkeit hätten, an bestimmte Turniere zu reisen. Das Player Council und die Spieler diskutieren darüber intensiv.

Wie sehen Sie das?

Ich verstehe beide Ansichten. Auch die der Topspieler, die sagen: Das ist es mir nicht wert, ich verliere ja auch keine Punkte und brauche das Preisgeld nicht. Aber ich verstehe auch, dass die Tennistour irgendwann wieder beginnen muss, auch wegen der weniger gut klassierten Spieler. Und auch wegen der Angestellten des Tennis, der ATP und der WTA, für die wird es irgendwann auch schwierig.

Können Sie sich vorstellen, tatsächlich ab dem 31. August das US Open in New York zu spielen?

Jeden Morgen nach dem Aufwachen überlege ich, was ich machen soll. Zuerst muss das Turnier noch bestätigt werden. Bis Ende Monat sollten wir mehr wissen. Es gibt so viele offene Fragen, aber klar ist für mich, dass die Sicherheit oberste Priorität hat. Ich will mich nicht anstecken oder gar selbst jemanden anstecken. Und was passiert, wenn man sich doch ansteckt? Wird man aus dem Turnier genommen? Darf man das nächste Turnier spielen? Dann ist da auch noch der Flug, in dem ein höheres Ansteckungsrisiko besteht. Und wenn du in New York ankommst und positiv bist, kannst du gleich wieder nach Hause. Oder musst im Hotel in Quarantäne. Und auch was bei der Rückkehr nach Europa geschieht, ist unklar.

Täuscht der Eindruck, dass Sie nicht traurig wären, wenn das US Open abgesagt würde? So würde Ihnen die Entscheidung abgenommen.

Das ist eine schwierige Frage, eine fiese Frage … (lacht) Ich würde mich schon freuen, wieder ein Grand-Slam-Turnier zu spielen. Aber New York und die USA sind schon sehr speziell im Moment. Wir würden zwar in einer Blase leben, aber die Sicherheit kann dir doch niemand garantieren. Ich denke persönlich, es wäre etwas zu früh, dort zu spielen – obwohl ich vielleicht auch spielen würde. Ich kann mir aber nicht richtig vorstellen, dass sie das US Open wirklich durchziehen. Ich bin auch nicht heiss darauf, unter diesen Regeln und Bedingungen in den Flieger zu steigen. Da fahre ich lieber mit dem Auto irgendwohin.

Würden Sie es also begrüssen, wenn im Herbst die grossen Sandturniere in Madrid, Rom und Paris stattfinden könnten?

Ja. Denn ich ginge jetzt mit mehr Selbstvertrauen in diese Turniere, weil ich mich auf Sand wohler fühle. Darüber bin ich wirklich froh. Für die europäischen Turniere würde ich mich ohne weiteres anmelden. In Prag hatte ich keine Angst zu spielen, dort ist die Situation auch besser.

Ist die Corona-Pause für Sie umso härter, weil sie in eine Phase fällt, in der Sie als Nummer 8 auf dem Höhepunkt Ihrer Karriere stehen?

Man könnte das so sehen. Aber ich sehe auch, dass die Rankings eingefroren sind und ich deshalb keine Punkte verliere. Ich hatte schon etwas Angst, dass ich die Punkte des Halbfinals vom US Open 2019 verlieren und zurückfallen könnte, falls ich auf das Turnier verzichten würde. Aber ich bin in einem guten Alter, noch nicht wirklich alt, und denke, dass ich nächstes Jahr gute Chancen habe, noch etwas höher zu klettern und neue Höhepunkte zu erleben.

Sicherheit geht vor: Bencic und Teichmann blicken den kommenden Wochen mit gemischten Gefühlen entgegen.
Sicherheit geht vor: Bencic und Teichmann blicken den kommenden Wochen mit gemischten Gefühlen entgegen.
Freshfocus

Fühlen Sie sich von der WTA gut informiert?

Manchmal denke ich, man könnte uns etwas früher oder genauer informieren. Aber ich verstehe, dass auch vieles geheim bleiben muss. Es gibt so viele Faktoren. Sie sprechen mit den Regierungen, mit den Verbänden, mit den Visaabteilungen. Sie können nicht jedem einzelnen Spieler alles erzählen.

Sie spielten Ende 2019 und 2020 selbst Turniere in China. Blieben da bange Gefühle?

Im Nachhinein machte ich mir schon Gedanken. Aber ich bemerkte an mir selbst nichts Aussergewöhnliches. Ich kenne auch niemanden, der vom Virus betroffen war. In der Slowakei waren die Regeln zu Beginn mega streng. Die Leute mussten sogar fern von zu Hause in die Quarantäne, es galt überall Maskenpflicht, die Grenzen waren zu. Es gab auch nur wenige Fälle.

Wie lange spielten Sie gar kein Tennis?

Etwa drei Wochen. Danach am Anfang mit Mundschutz, dann nur mit einem Trainer und lange Zeit nur draussen.

Haben Sie viel Kontakt mit anderen Spielerinnen?

Schon. Ich habe viele Kolleginnen auf der Tour, mit denen ich mich regelmässig austausche, wie Strycova, Kuzmova, Schmiedlova, Görges. Und dann natürlich auch mit Schweizerinnen.

Was bringt Ihnen das Schauturnier von Biel dieses Wochenende?

Ich betrachte es als super Möglichkeit, Wettkampftennis zu spielen und etwas für das Schweizer Tennis zu machen. Wir wollen den Leuten zeigen, dass es das Tennis noch gibt und wir immer noch da sind.

Sie spielen ab Ende Juli auch im Interclub, für Chiasso.

Ja, nach langer Zeit wieder einmal. Ich hatte ja früher schon für Locarno/Chiasso gespielt. Ich freute mich, dass ich überhaupt wieder spielen kann. Denn ich dachte, es gebe keine WTA-Turniere mehr in diesem Jahr.

Für viele Spieler hat die Corona-Krise existenzielle Folgen. Spüren auch Topspielerinnen wie Sie die finanziellen Konsequenzen?

Klar würden wir viel verdienen, wenn wir gut spielen würden. Aber damit habe ich mich nicht beschäftigt. Ich denke vielmehr darüber nach, wie es für jene ist, die fast nicht durchkommen, weil sie nichts auf der Seite haben. Das ist immer noch ein grosses Problem im Tennis, für das das Players Council Lösungen sucht. Jetzt ist ein Hilfefonds für schlechter Klassierte gegründet worden. Ich finde es schade, dass es dazu diese Krise gebraucht hat. Das Preisgeld wurde bisher einfach nicht gerecht verteilt, das meiste ging an die Viertelfinalisten, Halbfinalisten, Finalisten. Für die ersten Runden blieb zu wenig übrig. Damit befasse ich mich mehr als mit mir. Es haben ja alle nichts verdient.

Auch nicht durch Sponsoren?

Die Verträge sind momentan angehalten worden, denn die Firmen müssen ja auch überleben, und sie pausieren. Es ist alles wie eingefroren, im Winterschlaf.