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Seltener Traumjob: Gemmologin«Ich habe mich in dieses Funkeln verliebt»

Schon mit sechs Jahren haben sie es ihr angetan: Die Edelsteine. Heute ist es Semi Mordasinis Job, Zehntausende von ihnen unter die Lupe zu nehmen.

Gemmologin Semi Mordasini untersucht einen Rubin.
Gemmologin Semi Mordasini untersucht einen Rubin.
Fotos: Christian Pfander 

Semi Mordasini war sechs Jahre alt, als sie mit ihrer Grossmutter durch die Berner Altstadt schlenderte und plötzlich vor einem Schaufenster Halt machte. Darin glänzten und funkelten gefühlt Hunderte von Edelsteinen in allen Farben. Ihre Augen wurden gross. «Weisst du was», sagte die Grossmutter, «du darfst dir einen aussuchen.» Mit Schmuck behangen wie ein Weihnachtsbaum, hatte die Grossmutter selbst etwas für Edelsteine übrig. Dort in diesem Geschäft, da habe es sie gepackt, sagt Semi Mordasini heute, fast 20 Jahre später. Es war der Moment, in dem die Steine sie in ihren Bann zogen. «Ich habe mich in dieses Funkeln verliebt.»

Wir stehen in der Werkstatt des Goldschmieds Schafroth in der Berner Altstadt, nicht weit von dem Ort entfernt, wo Semi Mordasinis Liebe für glitzernde Steine begonnen hat. Seit letztem Jahr arbeitet sie hier als Gemmologin. Das heisst als Fachfrau für Edel- und Schmucksteine. Sie prüft sie hinsichtlich ihrer Beschaffenheit und Herkunft und erstellt Expertisen.

«Es ist mein absoluter Traumjob», sagt die 25-Jährige, die auch in der Parteileitung der FDP Stadt Bern aktiv ist. Jeden Morgen begrüsse sie zuerst ihren Mitarbeiter und ihren Chef, bevor sie sich «ihren Steinen» widme, wie sie selbst sagt.

Aquamarine zeichnen sich durch ihre blaue Farbe aus. Hier in  behandelter und unbehandelter Form.
Aquamarine zeichnen sich durch ihre blaue Farbe aus. Hier in behandelter und unbehandelter Form.

Vor kurzem hat Thomas Schafroth, Semi Mordasinis Chef, Goldschmied und selbst Gemmologe, 10’000 Edelsteine aus einem Liquiditätsverkauf erworben. Eigentlich wäre es die derzeitige Hauptaufgabe der 25-Jährigen, all diese zu bewerten, um sie später zu verkaufen. Eigentlich – denn Semi Mordasini ist in Kurzarbeit, solange das Geschäft Corona-bedingt geschlossen bleiben muss. Dass sie jetzt für den Interviewtermin wieder ans Stereoskop sitzen darf, freut sie sichtlich.

Ordnung und Struktur

Als Gemmologin stellt sich die Bernerin vorwiegend die Frage: Um welchen Stein handelt es sich hier? Ist es ein natürlicher oder ein künstlich hergestellter, also ein synthetischer Stein, ist er behandelt oder nicht, aus welchem Material besteht er, wie alt und woher ist er? All diese Fragen kann sie nur mithilfe ihres Wissens, ihrer Augen und eines Stereoskops beantworten.

In Letzteres spannt sie den Stein ein und kann so dreidimensional in seine Tiefe sehen. Seine Härte, Spurenelemente und Herkunft, all das gibt der Stein nun für sie preis. Danach fotografiert Semi Mordasini die Steine und legt sie gemeinsam mit der Dokumentation über ihre Beschaffenheit ab. Auch Ordnung und Struktur sei ein wesentlicher Teil ihrer Arbeit.

Wie lange die Bewertung dauert, ist sehr unterschiedlich. «Wenn wir Zeit haben, können wir auch stundenlang über einen Stein und seine Beschaffenheit diskutieren», sagt Mordasini und lacht. Bisher hat sie etwa 1000 Edelsteine aus der Sammlung geprüft, sie hat also noch eine Weile damit zu tun.

Mithilfe des Stereoskops geht die 25-Jährige den Edelsteinen auf den Grund.
Mithilfe des Stereoskops geht die 25-Jährige den Edelsteinen auf den Grund.

Nicht nur mit der Praxis an sich, auch mit der Geschichte und der Entstehung der Gemmologie kennt sich Semi Mordasini bestens aus. Die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit Edelsteinen sei noch sehr jung, sagt sie. Lange war die Mineralogie, die Wissenschaft der Entstehung und der Eigenschaft von Mineralien, nämlich nur ein Hobby privilegierter Leute. Erst um 1800 entstanden die ersten Lehrstühle und Fakultäten.

Die Gemmologie, als Teilgebiet der Mineralogie, entwickelte sich im letzten Jahrhundert. Berufsfelder gibt es unterschiedliche, Gemmologinnen und Gemmologen können in Aktionshäusern, im Labor, im Handel oder auch im offenen Feld selbst nach Edelsteinen suchen.

Bei der Arbeit ist Präzision gefragt.
Bei der Arbeit ist Präzision gefragt.

«Wir arbeiten mit dem interessantesten Produkt von Mutter Natur», sagt Mordasini und zeigt einen ihrer Lieblingssteine im Geschäft. Es ist ein blauer Saphir, der unter verschiedenem Licht seine Farbe wechselt – eine Seltenheit.

Lange hat die Bernerin ihre Leidenschaft in ihrer Freizeit ausgelebt, hat als Strahlerin selbst nach Edelsteinen gesucht, viele Bücher gelesen, sich beim Googeln drei Stunden lang in Details verloren und selbst eine Edelsteinsammlung angelegt. Trotzdem hat sie beruflich zuerst einen anderen Weg eingeschlagen.

Nach der Schule studierte sie zwei Jahre lang Jura – der Familie zuliebe, die von ihrem Berufswunsch nicht so angetan war. Glücklich machte sie die Rechtswissenschaft nicht. «Ich wollte es einfach nicht», sagt Mordasini. Sie brach das Studium ab und ging nach Deutschland, um Gemmologin zu werden. In der Schweiz ist eine solche Diplomausbildung bisher nicht möglich.

Nur schätzungsweise 100 Menschen arbeiten in der Schweiz auf diesem Beruf.

Die Gemmologie ist eine sehr zusammenhängende Wissenschaft, deren Grundpfeiler in der Geologie, Chemie und Physik liegen. «Die Ausbildung hat mich gefordert, langweilig ist mir nie geworden», sagt Semi Mordasini.

Nur schätzungsweise 100 Menschen arbeiten in der Schweiz auf diesem Beruf. Das habe sie aber nie abgeschreckt. «Natürlich macht man sich Gedanken über die Zukunft, besonders in Pandemiezeiten», doch sie sei sich ihrer Sache sicher. «Es gibt nichts Erfüllenderes für mich».