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Am Ende des LebensAlte Menschen denken über den Tod nach

Im neuen Buch «Ausleben» schildern ältere Menschen ihre Hoffnungen und Zweifel. Wir präsentieren als Auszug das Porträt des Berners Ralph Gentner (87).

Ralph Gentner erzählt bei sich daheim in Bern von seinem Leben.
Ralph Gentner erzählt bei sich daheim in Bern von seinem Leben.
Foto: Annette Boutellier

An den Wänden hängt Kunst, die Möbel sind Design-Klassiker, eine Altbauküche, Aschenbecher, das Magazin «The New Yorker» auf dem Fussboden – unter anderem: So stellt man sich die Wohnung eines 87-jährigen Mannes nicht vor. Diese hier hat etwas Altersloses. Genau wie Ralph Gentner. Während das ehemalige Mitglied des Berner Architekturbüros Atelier 5 erzählt, raucht er eine nach der anderen. Das macht er nicht, weil er nervös ist – Ralph Gentner ist die Ruhe selbst. Das macht er immer so.

«Das Rauchen hat mir meine Mutter beigebracht. Ich habe sie nicht mehr besucht, als es ihr schlecht ging, kurz vor ihrem Tod. Ich hatte damals das Gefühl, die Arbeit sei wichtiger. Das bereue ich.

Der Tod beschäftigt mich schon, also mein eigener Tod. Ich stelle mir vor, dass sterben ist wie einschlafen und nicht mehr aufwachen. Ich habe also keine Angst vor dem Sterben. Angst habe ich davor, das bewusste Leben zu verlieren, dement zu werden. Deshalb bin ich bei Exit.

Ich bin beigetreten, nachdem ein guter Freund von mir sich mit Exit das Leben genommen hat. Er hatte einen Hirntumor und Angst davor, gaga zu werden. Ich war beim Sterben nicht dabei – das wollte ich irgendwie
nicht. Aber am Tag davor war ich bei ihm, habe mich verabschiedet, mit einer kurzen Umarmung.

Ich war sieben, als der Krieg losging. Mein Vater war Deutscher, meine Mutter Schweizerin. Wir hatten das Glück, dass wir in Heidelberg lebten; dort gab es fast keine Bomben. Wenn die Bombengeschwader über die Stadt flogen, hatte ich trotzdem grosse Angst.

Wir hatten keinen Keller im Haus. Aber Nachbarn hatten sich in der Nähe einen Bunker bauen lassen, und dorthin bin ich bei Bombenalarm dann gegangen. Meine Eltern nicht, aber ich schon.

Weil es nicht genug zu essen gab, hatten wir Hunger. Ich weiss noch, dass ich mit meiner Mutter zum Ährenlesen ging. Also auf den Feldern aufgelesen habe, was liegen geblieben war.

Das Schweizerdeutsch habe ich dank ihr behalten. Ganz oben in unserem Haus wohnte ein Nazi-Pfarrer, also ein ganz schlimmer Nazi und Pfarrer. Um ihn zu ärgern, hat sie Schweizerdeutsch mit mir gesprochen. Weil er so nicht verstand, was wir redeten.

Als der Krieg dann vorbei war und die Amerikaner in Heidelberg einmarschierten, sind meine Eltern vor Freude an die Hauptstrasse gelaufen und haben den Soldaten zugewinkt. Bis ein amerikanischer Offizier angehalten und sie gefragt hat, ob sie eigentlich wahnsinnig seien. Die Soldaten waren nervös und
hätten sie erschiessen können.

In unserer Familie haben Ehrlichkeit und Freundschaft viel gegolten – und dass man die Dinge rational betrachtet. Vor allem für meinen Vater war das wichtig. Er war Kernphysiker und musste nicht in den Krieg, weil er einer sogenannten ‹kriegswichtigen› Arbeit nachging. Aber er hat nicht an der Atombombe
gearbeitet oder so. Er hat geforscht.

Ich bereue, dass ich meine Eltern nie gefragt habe, was sie eigentlich gewusst haben. Also über die Konzentrationslager. Ich selbst hatte keine Ahnung, ich war ja ein Kind. Aber vom Krieg geprägt war ich schon – von der Stimmung, die herrschte.

Wir Kinder waren irgendwie gewalttätig. Nicht untereinander, aber trotzdem. Einmal haben wir zum Beispiel einen sehr grossen Stein ins Rollen gebracht und damit ein Schrebergartenhäuschen weiter unten am Hang zerstört.

Fotos in Ralph Gentners Küche in  Bern erinnern ihn an verstorbene Freunde und Verwandte.
Fotos in Ralph Gentners Küche in Bern erinnern ihn an verstorbene Freunde und Verwandte.
Foto: Annette Boutellier

Ich fände es nicht schlecht, an einem Hirnschlag zu sterben. Zu wissen, dass ich bald sterben würde, wäre auch in Ordnung – wenn ich nicht leiden müsste. Ich kenne jemanden, bei dem es so war. Er hat noch Freunde eingeladen und sie haben Champagner getrunken.

Das würde ich vielleicht auch tun. Also nicht mit Champagner, den mag ich nicht. Aber mit Bier. Oder Rotwein. Das ist auch für die Freunde schön. Für sie ist es traurig, wenn ich sterbe. Für mich nicht – ich bin dann ja nicht mehr da.

Als mein Vater im Sterben lag, habe ich ihn noch besucht. Er hatte eine Nervenkrankheit. Man hat nie darüber gesprochen, aber ich habe immer gedacht, dass sie vielleicht mit dem früheren Umgang mit Radioaktivität zu tun hatte. Bei diesem Besuch hat er mit mir über die Zeit nach seinem Tod gesprochen. Dass ich meine Mutter besuchen solle und so. Es war ein ganz nüchternes Gespräch – ganz ohne Trauer. Das ist mir stark geblieben.

In meiner Küche habe ich einen Friedhof mit Fotos von allen meinen Verstorbenen. Manchmal kommen mir beim Betrachten Situationen in den Sinn, die wir zusammen erlebt haben.

Als der Krieg vorbei war, mit 14, haben mich meine Eltern in die Schweiz geschickt. In Heidelberg gab es keine Schulen mehr, und weil ich in Basel eine Tante hatte, kam ich zu ihr. Diese Familie war viel bürgerlicher als meine eigene. Man hatte vorgefasste Meinungen. Das war nicht ganz einfach.

Zum Phil.-I-Studium bin ich dann nach Freiburg gegangen. Aber das war mir zu viel unnützes Geschwätz, und ich begann Architektur in Karlsruhe zu studieren. Dort hatte ich eine gute Zeit: Wir hatten einen grossartigen Professor, Egon Eiermann, und ich gehörte zu einer Gruppe von Studenten, die in einer Siedlung aus den 30ern lebte und sich ‹Männer-Staat› nannte.

Gleich nach dem Studium habe ich mich beim Atelier 5 in Bern beworben. Ich hatte aus einer Literaturzeitschrift von diesem Architektenkollektiv erfahren. Das war die beste Entscheidung meines Lebens. Sie haben mich genommen, und 1958 bin ich nach Bern gezogen. Zuerst war ich Angestellter, später Partner. Ich blieb mein ganzes Arbeitsleben dort. Das Atelier 5 hat mein Leben ausgemacht.

Ralph Gentner studiert alte Zeitschriften.
Ralph Gentner studiert alte Zeitschriften.
Foto: Annette Boutellier

Früher habe ich gedacht, dass ich im Gemeinschaftsgrab auf dem Friedhof Bremgarten beerdigt werden möchte. Dort war ich schon an vielen Beerdigungen. Es gab da so einen grossen Stein mit einer Klappe an der Stirnseite. Diese wurde geöffnet und die Asche aus der Urne hineingekippt.

Es hat ja immer noch ein paar ‹Knöcheli› in der Asche und die hat man dann gehört. Das hat mich fasziniert. Aber jetzt ist dort alles anders, und ich habe mir gedacht, dass meine Asche entweder in die Aare oder ins Mittelmeer gestreut werden soll. Das Mittelmeer fände ich eigentlich schöner.

Ich habe keine Kinder – auf alle Fälle keine, von denen ich weiss. Es war auch nicht mein Plan, Kinder zu bekommen. Als Testamentsvollstrecker habe ich mein Patenkind und einen Freund eingesetzt. Ich denke, sie würden das mit der Asche für mich machen.

Mit dem Leben, das ich führe, bin ich zufrieden. Am Morgen mache ich mein Frühstück. Am Mittag kaufe ich mir ein Birchermüesli oder gehe ins Restaurant Commerce – aber erst um 13:30 Uhr, dann hat es Platz.

Nachher gehe ich einkaufen; ich koche jeden Abend für mich. Dann schaue ich ein wenig fern oder lese einen Krimi. Zurzeit arbeite ich ausserdem an einem Buch, zusammen mit einem Freund aus Barcelona. Es heisst ‹Die sanfte Moderne› und geht um Häuser aus den 20er- und 30er-Jahren, die in Bern stehen und vom Bauhaus inspiriert sind.

Ich habe viele Freunde, die jünger sind als ich – zwanzig, dreissig Jahre. Sie werden nach mir sterben. Das ist ein grosses Glück für mich und für meine Lebensqualität als Greis. Wir essen zusammen, fahren in die Ferien, so was. Im Alter muss man junge Freunde haben, sonst redet man immer nur über die alten Zeiten. Man muss über das reden, was jetzt ist.

Wenn ich Tram fahre, schaue ich die Jungen an und versuche mir vorzustellen, wie sie aussehen werden, wenn sie alt sind. Und ich schaue die Alten an und versuche, sie mir jung vorzustellen. Das mache ich gerne.

Wenn ich einsteige, steht manchmal das halbe Tram auf. Dann frage ich mich schon, wie die Leute mein Alter sehen. Obwohl: Sie stehen nicht immer auf. Ich bin mir nicht sicher, aber es könnte davon abhängen, ob ich den Hut trage oder nicht.»