Ich bin dann mal vegan...

Klimaerwärmung, Fleischskandale und Hänseleien: Fleischessende im 21.Jahrhundert leben gefährlich. Besser man verzichtet auf dieses Nahrungsmittel. Oder geht noch einen Schritt weiter und wird vegan. Flavia vom PFEFFER-Team machte die Probe aufs Exempel – ein Erfahrungsbericht zwischen Salat und Soja.

Wie fühlt es sich an, vegan zu leben? Flavia von Gunten vom PFEFFER-Team machte die Probe aufs Exempel und startete einen Selbstversuch.

Wie fühlt es sich an, vegan zu leben? Flavia von Gunten vom PFEFFER-Team machte die Probe aufs Exempel und startete einen Selbstversuch.

(Bild: Manuel Lopez)

Mein Vorhaben ist klar: 30 Tage vegan leben, einen Monat lang auf jegliche tierische Produkte verzichten. Fleisch, Milch, Eier und weitere Produkte sind also tabu. Inspiriert zu diesem Selbstversuch wurde ich durch das Buch «Vegan for Fit» vom deutschen Physiker Attila Hildmann. Der 32-Jährige stellte seine Ernährung vor zehn Jahren auf vegan um. Da damals die vegane Rezeptpalette eher dürftig ausfiel, entschied er sich, selbst Rezepte zu entwickeln. «Vegan for Fit» ist bereits sein fünftes Buch, im November 2013 erscheint das nächste.

Die Grundidee von «Vegan for Fit» besteht darin, dass nebst tierischen Produkten auch auf jegliche Zuckerarten, ausgenommen Fruchtzucker, verzichtet wird. Leider sind Sojajoghurt und Sojamilch nur in gezuckerter Form erhältlich, deshalb gönne ich mir bei diesen beiden Produkten die einzige Ausnahme.

Kritische Experten

Das Wichtigste bei der Vorbereitung auf die «Challenge», wie die 30 veganen Tage im Buch genannt werden, ist das Einkaufen von Grundnahrungsmitteln. Zuoberst auf dem Speiseplan stehen jegliche Arten von Getreide und Hülsenfrüchten: Quinoa, Amaranth, Couscous und Linsen. Laut Hildmann sollte die vegan lebende Person mit diesen Lebensmitteln alle lebenswichtigen Stoffe, die in Fleisch, Milch und Eiern vorkommen, abdecken können.

Karin Dubach, Ernährungsberaterin in Spiez, steht Hildmanns Aussage kritisch gegenüber: «Will man tierische Stoffe durch Getreide ersetzen, müssen die Nährstoffe haargenau abgezählt werden. Aber noch dann ist die Wahrscheinlichkeit gross, dass Mangelerscheinungen auftreten.» Sie schätzt mein Vorhaben als kritisch ein. Überhaupt sei die Ernährungsberatungsbranche misstrauisch veganer Ernährung gegenüber: «Ich kenne keine Berufskolleginnen oder Berufskollegen, die sich für eine tierfreie Nahrung aussprechen. Sogar die Wissenschaft empfiehlt den Veganismus nicht», fährt sie fort. Gleicher Meinung ist auch Simone Muster, ebenfalls Ernährungsberaterin. «Die vegane Ernährung empfehle ich niemandem. Am besten ist es, wenn man von allem isst, also auch Fleisch. Einfach alles im Mass», erklärt Muster.

Abwechslung bei Speiseplan

Allen Vorwarnungen und Zweifeln vonseiten der Ernährungsberaterinnen zum Trotz, starte ich in mein Projekt. Tag 1 startet gleich mit einer Delikatesse: Mangosojajoghurt mit ungezuckertem Müsli. Dieses «Gericht» entwickelt sich schliesslich zum Standardfrühstück. Auch die Mittagsverpflegung, Blumenkohl an Currymandelsauce, überzeugt mich. Wer mich eines trostlosen Speiseplans wegen bemitleidet, den muss ich enttäuschen. Die Rezepte im Buch bieten enorm viel Abwechslung, und mit etwas Fantasie und Improvisationsvermögen entstehen schnell Eigenkreationen. Nebst naheliegenden Rezepten wie Salaten aus Getreide und Gemüse entwickelte Hildmann revolutionäre Kreationen, die sogar Spitzenköche, wie er im Buch schreibt, überzeugen. Eines dieser Menüs sind Spaghetti an Tomatensauce.

Klingt banal, ist es aber nicht. Denn anstelle von alltäglichen Eierspaghetti verwendet er Zucchini. Mit einem Julienneschneider das Gemüse in feine Streifen schneiden, Tomatenmark und etwas Tofu dazugeben und ab in die Pfanne damit. Im Blindtest fällt es sehr schwer, den Unterschied zu «echten» Spaghetti herauszuschmecken. Ein weiterer Pluspunkt der Hildmann-Kreation: 100 Gramm Spaghetti enthalten rund 362 Kalorien, jene von Hildmann nur deren 19.

Auswärts essen?

Das Einsparen von Kalorien ist aber nicht der Grund, weshalb ich dieses Experiment durchführe. Ich will meinem Körper einfach kurz Ruhe vor all den Hormonen und Frischhaltestoffen, die in den tierischen Produkten enthalten sind, gönnen. Ausserdem erfahren wir in den Medien immer wieder von neuen Fleisch- oder Eierskandalen. Von diesen Aspekten berichte ich ebenfalls, wenn mich jemand auf die vegane Ernährung anspricht. Die Reaktionen sind grösstenteils positiv, wenn auch kritisch, manchmal gar mokierend oder bemitleidend. Und zwar dann, wenn ich in der grossen Pause an meinem Apfel nage und die Kollegin nebenan genüsslich in ihr Schokomuffin beisst.

Solche Szenen sind nur eine Frage der richtigen Einstellung. Während ich zu Beginn der «Challenge» kaum vor dem Süssigkeitenregal im Supermarkt stehen konnte, ohne nicht Gelüste zu entwickeln, stören mich solche Episoden gegen Ende der 30 Tage kein Stück mehr. Überhaupt bietet der Alltag keine Schwierigkeiten. Sobald man aber aus diesem Alltag «ausbricht», also zum Beispiel übers Wochenende wegfährt, rutscht man in ein Dilemma. Für den Ski-Weltcup-Final auf der Lenzerheide habe ich VIP-Tickets gewonnen. Soll ich nun die «Challenge» durchziehen und das opulente Buffet links liegen lassen oder zwei Tage Pause machen? Ich entscheide mich für die zweite Möglichkeit.

Auf Dauer Herausforderung

Diese beiden Tage zeigen mir auf, dass sich der vegane Lebensstil nur bedingt mit ausserplanmässigen Aktivitäten vereinbaren lässt. Daher entschliesse ich mich am Ende der 30 Tage, wieder zur «Allesesserin» zu werden. Wenn sich aber eine vegane Alternative für ein Lebensmittel anbietet, werde ich diese wählen. Fleischgerichte sollen die äusserste Ausnahme bilden. Was ich mit gutem Gewissen versichern kann: Nach einem Monat mit veganer Ernährung verspüre ich nicht die Spur einer Mangelerscheinung.

Flavia von Gunten (15) wohnt in Hünibach und besucht die 9.Klasse der Oberstufenschule. Ihre Hobbys sind Unihockey, Lesen, Langlauf und Konzertbesuche.

Berner Zeitung

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