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Leserbegegnung«Homeschooling ist durch Corona im Aufschwung»

Bei Familie Schneider aus Mühleturnen ist es normal, dass die Kinder zu Hause lernen. Doch auch bei ihnen als Homeschoolern ändert sich während der Corona-Krise viel.

 Thirza Schneider und ihr Sohn im Lernzimmer im Haus der Familie.
Thirza Schneider und ihr Sohn im Lernzimmer im Haus der Familie.

Thirza Schneider ist beides – Mami und Lehrerin. Ihre beiden Kinder gehen nicht in die Schule, seit sechs Jahren schon unterrichtet Thirza Schneider sie zu Hause. Was für viele Eltern in der Corona-Krise eine grosse Herausforderung bedeutet, ist für die Homeschooling-Familie aus Mühlethurnen Alltag – könnte man meinen. Doch Thirza Schneider widerspricht: «Zwischen Homeschooling und dem jetzigen Fernunterricht gibt es grosse Unterschiede.»

Schon die Rahmenbedingungen seien ganz anders. Homeschooling ist nicht in allen Kantonen erlaubt, Waadt und Bern sind mit je über 500 Kindern die wichtigsten Homeschooling-Kantone. Berner Eltern können ihre Kinder aus der Schule nehmen, müssen sich beim Unterricht zu Hause aber an den Lehrplan 21 halten und werden von Schulinspektoren kontrolliert.

«Im Einzelunterricht zu Hause lernen die Kinder schneller als in der Schule.»

Thirza Schneider

Die Tochter von Thirza Schneider ist Siebt-, ihr Sohn Sechstklässler. Einen fixen Stundenplan gibt es bei Schneiders nicht. «Bei uns ist jede Woche anders», erklärt Thirza Schneider. Vormittags von 9 bis 12 Uhr beschäftigen sich die Kinder mit dem Schulstoff eines der Hauptfächer – mit welchem sie jeweils anfangen, ist ihnen überlassen. «Unser 11-jähriger Sohn hat sehr gerne Mathe. Er ist oft schon am Dienstag mit dem Stoff für die ganze Woche fertig.» Gegen Ende Woche müsse er dann noch den Pflichtstoff abarbeiten, zum Beispiel das Französisch.

Zum Unterricht gehören viele Exkursionen, etwa an die Tellspiele Interlaken, in eine Synagoge oder die Schülerlabore von Roche. Prüfungen gibt es nicht. Nachmittags haben die Kinder ein oder zwei Mal pro Woche Unterricht, daneben haben sie Musikschule und gehen ins Sporttraining – ein Programm, das auf den ersten Blick ziemlich locker erscheint. «Im Einzelunterricht zu Hause lernen die Kinder viel schneller als in der Schule», sagt Thirza Schneider, die über ihre Homeschooling-Erfahrungen bloggt. Es gebe weniger Ablenkung und keine Wartezeiten – ihrer Erfahrung nach könne, wer 30 Minuten voll konzentriert lerne, gleich viel aufnehmen wie in zwei Lektionen Schulunterricht.

Stress in der ersten Klasse

Zum Homeschooling gekommen ist die Familie aus einer Not heraus. «Unsere Tochter entwickelte leider schon in der ersten Klasse Stresssymptome», sagt Thirza Schneider, die Sozialpädagogik studiert hat. «Sie ist hochsensibel, sie hat keine Filter und nimmt alles auf, was auf sie zukommt, auch Emotionen.» In der Schule habe sie sich von jeder Kleinigkeit ablenken lassen – von einem Husten oder einer Frage während eines Tests.

Die Tochter löst Mathematik-Aufgaben – und auch der Hund der Familie scheint sich dafür zu interessieren.
Die Tochter löst Mathematik-Aufgaben – und auch der Hund der Familie scheint sich dafür zu interessieren.
zVg

Das Mädchen habe eine Prüfungsangst entwickelt, Mathematik gehasst, bald habe sie unter Kopf- und Bauchschmerzen gelitten. «Dann fing sie an, alle 30 Minuten auf die Toilette zu gehen», erzählt Thirza Schneider. «Der Kinderarzt erklärte uns, dass all diese Symptome durch Stress verursacht sein können. Als wir begannen, sie zu Hause zu unterrichten, waren alle Symptome schlagartig weg.»

Hätte sie sich nicht an das Schulumfeld gewöhnen können? «Ich glaube, viele Kinder passen sich an», sagt Thirza Schneider. «Es hätte aber auch sein können, dass sie ausbrennt.» Mit zunehmendem Alter habe ihre Tochter gelernt, mit Druck umzugehen. In den vergangenen Jahren schloss die mittlerweile 13-Jährige zwei Cambridge-Englisch-Prüfungen ohne Probleme ab.

Erst topmotiviert, jetzt kein Bock

«Ich bin überzeugt, dass Homeschooling durch Corona im Aufschwung ist», sagt Thirza Schneider, die auch Präsidentin des Vereins Bildung zu Hause Bern ist. «Ich erhalte im Moment viele Nachrichten von Eltern, die fragen, wie man einen Antrag auf Homeschooling stellen kann.» Es seien vor allem Eltern, die jetzt merkten, mit wie viel Leistungsdruck der Schulunterricht verbunden sei.

«Ich stehe nicht an der Wandtafel und referiere. Ich bin einfach Mami.»

Thriza Schneider

Wer mit Thirza Schneider spricht, merkt schnell: Ein grosser Fan vom Schulsystem ist sie nicht. Sie, die in verschiedensten Ländern gelebt und gearbeitet hat, sei immer von den hiesigen Schulen überzeugt gewesen. «Ich bin kritischer geworden», sagt sie heute, und dies nicht nur wegen der Erfahrungen ihrer Tochter.

Bei der Familie lebt ein Pflegesohn, ein unbegleiteter minderjähriger Geflüchteter. «Es ist krass, zu beobachten, wie er sich entwickelt hat», sagt Thirza Schneider. «In der siebten Klasse, als er erstmals in die Schule ging, hat er alles aufgesaugt und extrem schnell Schweizerdeutsch gelernt.» In der achten Klasse habe er sich von schulmüden Kollegen anstecken lassen und abgehängt, in der neunten hätten sich die Anrufe der Lehrperson gehäuft, und jetzt in der Zehnten stehe er am Rande zum Rauswurf. Ins Homeschooling wechseln möchte er nicht. «Ich sage zu ihm: Komm, wir nutzen die Zeit. Aber er hat keinen Bock mehr, zu lernen.»

Homeschooling-Kinder bei einem gemeinsamen Ausflug in Paul Scherrer Institut, Villigen.
Homeschooling-Kinder bei einem gemeinsamen Ausflug in Paul Scherrer Institut, Villigen.
zVg

Veränderungen in der Pubertät

Und wie wird es zu Hause, wenn die Kinder nun in die Pubertät kommen? Ihre Doppelrolle als Mutter und Lehrerin belaste das Familienklima nicht, sagt Thirza Schneider. «Ich stehe ja nicht an der Wandtafel und referiere.» Sie sehe sich als Lernbegleiterin, und das sei eine natürliche Rolle für jede Mutter: «Ich bin einfach Mami.»

Die Tochter sei bereits voll in der Pubertät. Man merke, dass sie häufiger selbstständig lerne und den Kontakt zu Freunden sucht. Sie plane darum jetzt mehr Exkursionen mit anderen Kindern im Oberstufenalter. «Im Juni ist eine fünftägige Exkursion nach Nyon mit französischsprachigen Homeschoolern geplant», erzählt Thirza Schneider. «Unsere Tochter spricht fast jeden Tag davon. Die Enttäuschung wäre gross, wenn wir sie wegen des Coronavirus absagen müssten.»

Wochen- statt Tagespläne

Apropos Coronavirus: Auch für den Schulalltag von Familie Schneider hat sich viel geändert. «Das praktische Lernen hat für uns Toppriorität. Leider mussten wir fünf Exkursionen streichen, und für die Kinder fallen auch die Sporttrainings weg.»

«Es wäre eine Entlastung, wenn Schulen Wochen- statt Tagespläne machen würden.»

Thirza Schneider

Dafür hat die Familie ihre Wohnung für Kinder aus Familien geöffnet, für die der Fernunterricht schwierig ist, zum Beispiel, weil die Eltern eine andere Muttersprache haben. Unter der Woche können maximal zwei Kinder vorbeikommen, damit die Vorgaben des BAG eingehalten werden. Fernunterricht mit fixen Tagesprogrammen bedeute für viele Familien eine Belastung und Konflikte, sagt Thirza Schneider.

«Es wäre eine grosse Entlastung, wenn Schulen Wochen- statt Tagespläne machen würden, damit die Kinder selber entscheiden können, wann sie was machen.» Ein Schritt Richtung «echten Homeschooling», wo man sich eher an Quartals- oder sogar Jahresplänen orientiere.