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Sommerserie: Von Istanbul nach Bern«Hin und wieder wird mir das Gefühl gegeben, nicht dazuzugehören»

Engin Şirin lebt seit 28 Jahren in der Schweiz. Er, der die sichtbaren Grenzen schon lange überwunden hat, erzählt, wie er nach wie vor «unsichtbare Grenzen» zu spüren bekommt.

Engin Sirin lebt seit fast 30 Jahren in der Schweiz und stösst noch immer ab und zu an unsichtbare Grenzen.
Engin Sirin lebt seit fast 30 Jahren in der Schweiz und stösst noch immer ab und zu an unsichtbare Grenzen.
Foto: Franziska Rothenbuehler

Ich bin seit über 20 Jahren Schweizer Bürger und wohne mit meiner Frau Barbara und unserem Sohn Tanay in der Stadt Bern. Ich bin ein privilegierter Migrant und hatte in der Schweiz die Chance, vieles zu verwirklichen. Seit langem bin ich als Programmassistent für die Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit (Deza) tätig. Ich lebe und arbeite gern hier, zahle gern Steuern und bin ein Bewunderer des hiesigen Systems. Ich liebe die gelebte Diversität und Vielsprachigkeit, die in vielerlei Hinsicht offene Gesellschaft und Freiheit. Die grosse Anzahl an Möglichkeiten, sich unabhängig und uneingeschränkt immer wieder neu entfalten zu können, habe ich erst hier kennen gelernt.

Thomas statt Engin

Mit Ende 20 kam ich als politischer Flüchtling in die Schweiz. Seither befasste ich mich intensiv mit dem Begriff «Grenzen». Die sichtbaren Grenzen hat man bald überwunden, aber es gibt «unsichtbare» Grenzen, die gelegentlich noch heute spürbar werden.

In den Asylunterkünften wurden uns viele Grenzen gesetzt. Wir erhielten zum Beispiel Flugblätter, auf denen stand, dass wir uns nicht in Gruppen bewegen sollten, da die Schweizer das nicht gern sehen. Unsere Lehrerin im Deutschkurs verlangte u.a., dass wir einen westlichen Namen annehmen, weil sie sich unsere «Kauderwelsch»-Namen nicht merken könne. Ich hiess von da an Thomas. Diese Grenzerfahrung hat mich dazu bewegt, diesen Unterricht nicht mehr zu besuchen.

«Einheimische dürfen alles kritisieren, doch ich wurde schon mehrfach zurechtgewiesen, wenn ich an der Schweiz Kritik übte.»

Engin Şirin

Dialekt macht Grenzen deutlich

In Istanbul war ich in der Modebranche tätig. In dieser Umgebung herrscht eine lebendige und angeregte Kommunikationskultur. Daher war und bin ich gewohnt, Komplimente zu machen, wenn jemand, egal ob Mann oder Frau, etwas Schönes trägt oder sich hübsch macht. Hier kann das falsch verstanden werden. Auch diese Missverständnisse sind eine Art Grenzüberschreitung. Da setze ich mir auch selbst Grenzen und passe mich (meist) an.

So weiss ich nie, wo und wann «unsichtbare» Grenzen auftreten. Plötzlich sind sie da. Ein Gegenüber kann eine kleine Hemmung haben, weil ich meist Hochdeutsch und nicht «Bärndütsch» antworte. Der Dialekt macht die «unsichtbaren» Grenzen gut deutlich. Ähnlich verhält es sich, wenn ich als eingebürgerter Schweizer etwas, was hier üblich ist, infrage stelle. Einheimische dürfen alles kritisieren, doch ich wurde schon mehrfach zurechtgewiesen, wenn ich an der Schweiz Kritik übte.

Seinen Platz gefunden

Vor ein paar Jahren störte ich mich zum Beispiel daran, dass man in der Schweiz Gerichtskosten vorschiessen muss, um eine Anklage zu machen. Dies kann Leute ausschliessen und davon abhalten, ihre Rechte einzufordern. Als Antwort erhielt ich, dass es dafür hier – im Gegensatz zu meiner Heimat – eine gut funktionierende Rechtsstaatlichkeit gebe.

So wird mir hin und wieder das Gefühl gegeben, auch nach 28 Jahren nicht wirklich dazuzugehören. Meinerseits weiss ich aber, dass ich meinen Platz hier gefunden habe und mich für eine offene Geisteshaltung einsetzen darf. Manchmal nutze ich ebendiese «unsichtbaren Grenzen» auch, um eine Diskussion hervorzurufen.

«Motivierende Grenzen»

Im Wort «Grenze» sehe ich auch Positives. Wenn dich Grenzen von etwas abhalten, können sich neue Horizonte eröffnen. Als ich neu in der Schweiz war, hatte ich Mühe, in einer Gesellschaft zu leben, in der so viele Sprachen gesprochen werden. Ich sprach damals nur meine Muttersprache. Das machte mich schüchtern und unsicher. Zudem waren meine Berufserfahrung und Bildung aus meinem Herkunftsland hier nicht anerkannt. Diese Grenzerfahrungen gaben mir die Motivation, möglichst schnell Deutsch, Englisch und sogar Japanisch zu lernen. Das nenne ich «motivierende Grenzen», die mir den Reichtum von Sprache, Kultur und Bildung vor Augen führten. Die Sprache eröffnete mir als Erwachsenem völlig neue Bildungs- und Berufsperspektiven, wofür ich sehr dankbar bin.

«Ich hatte Mühe, in einer Gesellschaft zu leben, in der so viele Sprachen gesprochen werden.»

Engin Şirin

Eine andere Grenze hat mein Leben verändert. Eigentlich wollte ich aus der Türkei direkt nach Kanada fliehen. Ich wollte möglichst weit weg und bezahlte Schlepper für die Reise. Mit ihnen reiste ich erst in die Schweiz, um die Weiterreise nach Kanada vorzubereiten. Doch plötzlich verlangten die Schlepper mehr Geld. Geld, das ich nicht hatte. So entstand für mich eine künstliche Grenze, die mich an der Weiterreise hinderte. Statt in Kanada landete ich völlig zufällig in Zürich, später in Bern. Heute bin ich sehr glücklich darüber.