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Sommerserie GrenzenHier Waadt, da Freiburg – in Mur ist es kompliziert

Mur ist ein Dorf am Mont Vully und liegt in zwei Kantonen: Marcel Ibach und Claude Besse erzählen, was sie über die Grenze hinweg trotzdem verbindet.

Marcel Ibach (links) ist Freiburger, Claude Besse Waadtländer, und beide wohnen in Mur am Mont Vully. Die Route de la Sauge hinter ihnen markiert die Kantonsgrenze.
Marcel Ibach (links) ist Freiburger, Claude Besse Waadtländer, und beide wohnen in Mur am Mont Vully. Die Route de la Sauge hinter ihnen markiert die Kantonsgrenze.
Foto: Nicole Philipp

Wenn Marcel Ibach von daheim wegfahren will, muss er gleich sehr vorsichtig sein. Zu eng und zu unübersichtlich ist die Ausfahrt, die zur Hauptstrasse führt. Erst heisst es, das Auto zwischen den vorspringenden Mauern der beiden Nachbargebäude durchzusteuern, dann versperrt ihm die Hausecke zur Linken auch noch die Sicht auf die nahenden Autos – «zum Glück», sagt er und macht mit dem Kopf eine kleine Bewegung geradeaus, «gibt es diesen Spiegel vis-à-vis».

Der Spiegel jenseits der Dorfstrasse, die offiziell Route de la Sauge heisst, steht exemplarisch für das Thema, über das Marcel Ibach, 78-jährig und Landwirt im Ruhestand, an diesem Vormittag reden will. Er hat dafür ein paar Häuser weiter ein Treffen mit dem 8 Jahre älteren Claude Besse organisiert, auch er ein pensionierter Bauer. Die beiden kennen sich von Kindesbeinen an – denn beide sind hier, in Mur am Mont Vully, aufgewachsen und haben dem Dorf hoch über dem Murtensee bis heute die Treue gehalten.

Wenn Marcel Ibach von seinem Haus auf der Freiburger Seite wegfährt, ist er froh über den Spiegel, der ihm auf der Waadtländer Seite einen Blick auf den nahenden Verkehr erlaubt.
Wenn Marcel Ibach von seinem Haus auf der Freiburger Seite wegfährt, ist er froh über den Spiegel, der ihm auf der Waadtländer Seite einen Blick auf den nahenden Verkehr erlaubt.
Foto: Nicole Philipp

Trotzdem liegt zwischen den beiden eine Grenze, die so auf den ersten Blick nicht zu erkennen ist. Claude Besse ist links der Route de la Sauge zu Hause und damit Waadtländer, Marcel Ibach wohnt rechts der Route de la Sauge und damit auf Freiburger Boden. Und der Spiegel? «Er dient zwar mir und meinen Nachbarn auf der Freiburger Seite, steht aber bereits im Waadtland», erklärt nun Marcel Ibach am Steuer seines Autos. Ihn anzubringen, sei erst nach einem längeren Hin und Her über die Kantonsgrenze hinweg möglich gewesen.

Es ist kompliziert in Mur am Mont Vully hoch über dem Murtensee.

Seit Jahrhunderten getrennt

Und gleichzeitig auch Alltag, daran lassen die beiden Senioren keinen Zweifel. Sie sitzen jetzt in der Küche von Claude Besse und halten fest, dass die Grenze seit je mitten durch das Dorf verlaufe. Ein Blick ins Historische Lexikon der Schweiz bestätigt dies. «Die Aufteilung auf die Herrschaften Cudrefin und Lugnorre scheint auf das 14. Jahrhundert zurückzugehen», heisst es da ohne nähere Erläuterungen. Später ging mit Cudrefin der westliche, grössere Teil an Bern und schliesslich an die heutige Waadt. Lugnorre mit dem östlichen, kleineren Teil kam an Murten und so schliesslich zu Freiburg.

Einzig um 1800 herum verschwand die heutige Kantonsgrenze für kurze Zeit. Nach dem Einmarsch der Franzosen wurde der Waadtländer Zipfel um Mur für ein paar Jahre kurzerhand dem Kanton Freiburg zugeschlagen. Das Dorf selber blieb indes geteilt, wobei: In dieser Zeit sei tatsächlich mal zur Diskussion gestanden, das Waadtländer Mur mit dem Freiburger Mur zu vereinen, wirft Andrée Besse ein. Die Frau von Claude Besse hat sich der munteren Runde beigesellt und erklärt: Letztlich sei die Fusion am Streit zweier Familien dies- und jenseits der Grenze gescheitert.

Auf der Waadtländer Seite blieb Mur mit seinen rund 200 Einwohnern bis Ende 2010 eine eigenständige Gemeinde und schloss sich dann mit umliegenden Dörfern zur neuen Commune de Vully-les-Lacs zusammen. Mur im Kanton Freiburg war mit seinen rund 100 Einwohnern seit je Teil der Gemeinde Haut-Vully. Die wiederum vereinigte sich Ende 2015 mit Bas-Vully zur heutigen Commune de Mont-Vully.

Kein Laden und keine Pinte mehr

Dem Gefühl, trotz der Grenze im gleichen Dorf zu wohnen, tut das keinen Abbruch. Wenn schon, unterscheiden Marcel Ibach und Claude Besse zwischen den alteingesessenen, meist bäuerlich geprägten Familien, die immer weniger werden, und den immer zahlreicheren Neuzuzügern. Gerade werden im Freiburger Teil drei Mehrfamilienhäuser mit rund 50 Wohnungen gebaut: Man kenne viele Leute gar nicht mehr, stellen die beiden fest.

Das Schulhaus Mur mit dem charakteristischen Türmchen steht zwar im Kanton Waadt, eine Zeit lang stand es aber auch den Kindern aus dem Freiburger Teil offen. Heute werden die Kinder aus beiden Dorfteilen auswärts unterrichtet.
Das Schulhaus Mur mit dem charakteristischen Türmchen steht zwar im Kanton Waadt, eine Zeit lang stand es aber auch den Kindern aus dem Freiburger Teil offen. Heute werden die Kinder aus beiden Dorfteilen auswärts unterrichtet.
Foto: Nicole Philipp

Dabei gibt es vieles, was die beiden Teile früher verbunden hat, längst nicht mehr. Die Dorfpinte ist ebenso verschwunden wie der kleine Laden, eingekauft wird heute entweder in den Zentren unten im Tal oder allenfalls beim Bäcker oder Käser in Lugnorre.

Die Milchannahmestelle, an der sich die Bauern von beiden Seiten regelmässig trafen, ist Geschichte, und auch die Zeiten, in denen die Kinder von der Freiburger Seite gegen ein kleines Entgelt auf der Waadtländer Seite zur Schule gehen durften, sind längst vorbei. Schon er sei seinerzeit in Lugnorre und damit im eigenen Kanton unterrichtet worden, erzählt Marcel Ibach.

Weil das kleine Schulhaus im Dorf mittlerweile geschlossen ist, besuchen heute auch jene aus dem Waadtländer Teil von Mur den Unterricht auswärts. Sie tun dies allerdings in Salavaux und bleiben damit innerhalb ihres Kantons – Erziehung ist und bleibt halt Kantonssache in der Schweiz.

Hier mehr, da weniger Steuern

Jetzt ergreift Claude Besse das Wort. Er sagt, dass früher auch vom Waadtländer Teil her der Bezug zur Freiburger Seite stärker gewesen sei. «Wir stiegen jeweils am Bahnhof Sugiez und damit im Kanton Freiburg in den Zug», nennt er ein Beispiel. Mit der Fusion zur neuen Commune de Vully-les-Lacs habe sich der Fokus ein Stück weit auf das Waadtländer Umland verschoben.

Hier ist Waadtland: So empfängt Mur die Reisenden auf der Dorfzufahrt vom Murtensee her.
Hier ist Waadtland: So empfängt Mur die Reisenden auf der Dorfzufahrt vom Murtensee her.
Foto: Nicole Philipp

Dass die Pendler in dieser Beziehung indes ein Stück weit anders ticken, weiss Claude Besse sehr wohl. «Sie arbeiten in Neuenburg, Freiburg oder Bern, Lausanne liegt weit weg für sie.» Das Waadtländer Polit- und Wirtschaftszentrum sei nur der Ort, an dem man die Steuern abliefere – wobei diese, und da bleibt ihm nur ein neidvoller Blick über die Grenze, merklich höher seien als im Freiburger Teil des Dorfes.

Hier ist Freiburg: Ab hier zahlen die Einwohner von Mur weniger Steuern.
Hier ist Freiburg: Ab hier zahlen die Einwohner von Mur weniger Steuern.
Foto: Nicole Philipp

Wenigstens in Glaubensfragen macht die Grenze das Leben nicht komplizierter, als es ohnehin schon ist. Genau wie ihre Waadtländer Nachbarn blicken auch die Freiburger von Mur auf eine lange reformierte Tradition zurück, was in ihrem mehrheitlich sehr katholischen Kanton keine Selbstverständlichkeit ist. Den Gottesdienst besuchen beide Seiten allerdings bis heute an verschiedenen Orten. Die Kirche der Freiburger steht unten am See in Môtier, jene der Waadtländer hinter dem Vully in Montet.

Wasser und Strom

Jetzt spazieren Marcel Ibach und Claude Besse noch ein Stück auf der Route de la Sauge, entlang der Grenze eben. Was es sonst noch Verbindendes zwischen den beiden Dorfteilen gebe? Ach ja, den alljährlichen Weihnachtsmarkt, der Leute aus der ganzen Region anziehe. Und natürlich die traditionsreiche Société de la Couture, den Frauenverein also, der früher für den guten Zweck gestrickt und genäht habe und noch heute zweimal im Jahr selbst gebackenen Vully-Kuchen zum Verkauf anbiete.

Claude Besse zeigt hinüber zu einer bewaldeten Kuppe, sagt, dass das Dorf seit einiger Zeit das Wasser von dort beziehe. «Das ganze Dorf» präzisiert er; weil das Wasser auf der Freiburger Seite knapp geworden sei, werde heute auch dieser Teil aus dem Waadtländer Reservoir versorgt. Genau umgekehrt sei es mit dem Strom. Das ganze Dorf beziehe ihn vom Freiburger Energieversorger Groupe E.

Auf dem zentralen Platz machen gleich zwei Buslinien halt: Der TPF-Bus kommt aus dem Kanton Freiburg, das Postauto aus dem Kanton Waadt.
Auf dem zentralen Platz machen gleich zwei Buslinien halt: Der TPF-Bus kommt aus dem Kanton Freiburg, das Postauto aus dem Kanton Waadt.
Foto: Nicole Philipp

Die beiden sind jetzt auf dem kleinen Platz im Zentrum angekommen. Hier machen sowohl das Postauto aus dem Waadtland als auch der TPF-Bus aus dem Kanton Freiburg regelmässig halt. Das kleine Mur ist also bestens ans Netz des öffentlichen Verkehrs angebunden – manchmal ist es auch ein Vorteil, wenn die Kantonsgrenze mitten durchs Dorf verläuft.