Hesses Traum vom einfachen Leben

Am 9. August vor 50 Jahren starb der Schriftsteller Hermann Hesse. Auf der Halbinsel Höri im westlichen Bodensee verbrachte er 8 Jahre. Man kann dort auf seinen Spuren wandeln. Richtig viel hat sich seit Hesses Zeiten nicht geändert.

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Juliane Lutz@JulianeLutz

«...es war herrlich, und ich sah unendlich viel Schönes», so beschrieb Hermann Hesse 1903 einem Freund seinen ersten Eindruck von der Höri. Er und seine Basler Frau Mia wollten damals weg aus der grossen Stadt am Rhein und auf dem Land so einfach wie möglich leben. 8 bedeutsame Jahre sollte er auf der Höri verbringen, bevor er nach Ostermundigen weiterzog. Jahre, in denen seine Karriere an Fahrt aufnahm, während seine erste Ehe zerbrach.

109 Jahre später ist es noch immer schön auf der Landzunge, die zwischen Radolfzell und Stein am Rhein in den Untersee ragt. Ein Teil ihres Charmes liegt darin, dass sie im Gegensatz zu anderen Orten am Bodensee von Touristenmassen verschont blieb. Gaienhofen, wo Hesse lebte, ist noch immer ein verschlafener Ort. Die Aussicht auf stille mit Schilf bewachsene Ufer oder die Insel Reichenau sind nicht durch Bausünden verstellt. «Die Zeit zog und zieht noch immer an der Höri vorbei», meint Eva Eberwein. Zusammen mit ihrem Mann kaufte sie 2003 das Haus, in dem Hesse mit seiner Familie von 1907 bis 1912 lebte. Dem Verfall preisgegeben, sollte es abgerissen werden. Das wollte die Biologin nicht zulassen. Als Kind hatte sie die Sommerferien bei den Grosseltern in Gaienhofen verbracht, und in die Beiz, die der Grossvater führte, war Hesse manchmal eingekehrt.

Anziehungspunkt für Fans

Heute ist das Gebäude mit den mintgrünen Schindeln Anziehungspunkt für Fans aus aller Welt. Das Ehepaar restaurierte das stolze Schweizer Haus originalgetreu. An manchen Tagen kann man Hesses Studierzimmer besuchen und den Rundumblick auf den See geniessen, der ihn vor so langer Zeit verzückte. Der spätere Nobelpreisgewinner schrieb in der Belle Etage so wichtige Romane wie «Unterm Rad» und «Gertrud». Dort und anderswo im Haus sind die Räume so eingerichtet wie früher, und man erwartet fast, dass seine hagere Gestalt durch die Tür tritt.

Der Garten ist wieder so prächtig wie einst, als der Selbstversorger Hesse dort stundenlang jätete und schnitt – dank alter Gartenpläne, die Eva Eberwein in Archiven fand. «Er liebte alles, was duftet», beschreibt sie die Vorlieben des Literaturnobelpreisträgers, der sich 1931 vom Tessin aus erinnerte: «Ich habe vom Garten dieses Hauses heute noch die genaueste Vorstellung, und im Haus selbst sehe ich mein Studierzimmer und dessen geräumigen Balkon deutlich mit allen Einzelheiten»

Sein erstes einfaches Domizil ist ebenfalls noch erhalten. Ein altes Bauernhaus, das heute Teil des Hermann-Hesse-Museums in Gaienhofen ist. Vor dem Hauptgebäude steht eine Statue des Schriftstellers, dessen 50.Todestag am 9.August Anlass für zahlreiche Veranstaltungen auf der Höri ist. Ein Besuch des Museums lohnt sich. Fotos zeigen Hesse in vielen Lebenslagen, und zahlreiche Gegenstände aus seinem Besitz sind zu sehen. Etwa sein Pult, das lange in der Nationalbibliothek in Bern stand.

Im Museum hängen auch Bilder einiger Maler, die es auf die Höri zog. Anfangs waren es Freunde von Hesse, später kamen Künstler, die nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten mit Berufsverbot belegt wurden. Der Schönheit, aber auch des nahen Schweizer Ufers wegen, das man im Notfall schnell mit dem Ruderboot erreichen konnte. Noch heute kommen viele Künstler auf die 45 Quadratkilometer grosse Halbinsel. «Es ist sicherlich die Landschaft, die zum Arbeiten reizt, aber auch die Ruhe, da die Touristenströme ausbleiben», meint Museumsdirektorin Ute Hübner.

Man muss nicht unbedingt ein Hesse-Fan sein, um sich in die Höri zu verlieben. Wer Natur und Wasser mag, ist hier richtig. Fast der ganze Uferstreifen steht unter Naturschutz. Seltenen Vogel- und Pflanzenarten wird hier ein Refugium geboten, von dem der Mensch profitiert, wenn er vorbei spaziert, radelt oder paddelt.

Anti-Stress-Programm

Ein schönes Anti-Stress-Programm ist, mit dem Velo von Stein am Rhein über die Höri nach Radolfzell zu fahren. Die Stille unterbrechen dabei höchstens schnatternde Enten. Oder man kann zur Wallfahrtskirche auf den Schienerberg wandern und den Blick auf die Alpen geniessen. Und vom alten Friedhof in Horn hat man Eva Eberwein zufolge einen traumhaften Blick auf den Untersee. Die Zeit bleibt nie stehen, aber hier hat man zumindest für ein paar Stunden den Eindruck, dass es so ist.

Berner Zeitung

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