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Corona-Pressekonferenz am MittwochSchwangere jetzt auf der Risiko-Liste

Die Experten des Bundesamtes für Gesundheit informierten über die aktuelle Corona-Lage in der Schweiz.

Die Pressekonferenz zum Nachschauen im Videostream.

Das Wichtigste in Kürze:

  • Das BAG vermeldet am Mittwoch 181 laborbestätigte Corona-Fälle.

  • Der Bund stuft das spanische Festland ab Samstag als Risikoregion ein. Ausgenommen sind die Balearen und die Kanaren.

  • Schwangere sind neu auf der Liste der durch das Virus besonders gefährdeten Risikopersonen.

  • Die Corona-Warn-App wurde bisher 2.15 Millionen Mal heruntergeladen, das entspricht rund 25 Prozent der Schweizer Bevölkerung.

Die Teilnehmer:

  • Patrick Mathys, Leiter Sektion Krisenbewältigung und internationale Zusammenarbeit, BAG/EDI

  • Sang-Il Kim, Leiter Abteilung Digitale Transformation, BAG

  • Michael Schöll, Vizedirektor Bundesamt für Justiz, EJPD

  • Virginie Masserey, Leiterin Sektion Infektionskontrolle, BAG

  • Mike Schüpbach, Stv. Sektionsleiter Rechtsbereich 2, BAG

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Zusammenfassung

Die Schweiz verzeichnet weiterhin rund 200 Corona-Neuinfektionen pro Tag – trotz intensiver Kontaktverfolgung, Quarantänepflicht für Rückkehrer aus Risikoländern sowie Maskenpflicht im öffentlichen Verkehr. Der Bund stellt sich auf weitere intensive Monate ein.

Am Mittwoch gaben Fachleute des Bundes vor den Medien erneut Auskunft darüber, wo die Schweiz bei der Eindämmung des Coronavirus steht. Die Situation habe sich im Vergleich zur Vorwoche zwar leicht entspannt, sagte Patrick Mathys vom Bundesamt für Gesundheit (BAG). Es gebe allerdings keinen Grund, sorglos zu werden. Derzeit befänden sich 45 Infizierte auf Intensivstationen, 32 davon würden beatmet.

Die Kantone müssten wachsam bleiben und das Contact Tracing konsequent durchziehen, sagte Mathys weiter. Es sei aber «eine Illusion, dass wir jemals alle Ansteckungsorte kennen». Viele Menschen wüssten nicht, wo sie sich infiziert hätten.

Bevölkerung fast im Alltagsmodus

Mathys wehrte sich gegen Vorwürfe, wonach sich das Krisenmanagement in der Sommerpause verschlechtert habe. Die Verantwortung liege nun bei den Kantonen, die teils unterschiedliche Massnahmen träfen, sagte er. «Vielleicht sieht man derzeit die Limiten des Förderalismus. Deshalb diesen infrage zu stellen, geht aber zu weit.»

Laut Mathys ist die Bereitschaft der Bevölkerung, sich im Alltag weiter einzuschränken, kleiner geworden. «Sobald nicht wieder eine unmittelbare Bedrohung spürbar ist, wird das wohl so bleiben." Tatsächlich nehmen die Mobilität und die Reiseaktivität der Schweizer Bevölkerung wieder zu. Das zeigt das Vollzugsmonitoring des Bundes.

Spanisches Festland neu Risikogebiet

Der Bericht kommt auch zum Schluss, dass die Maskentragpflicht im öffentlichen Verkehr und die Quarantäne für Einreisende aus Risikogebieten kaum einen Einfluss auf die Covid-19-Fallzahlen haben. Der Anstieg gehe hauptsächlich auf Veranstaltungen mit einer hohen Anzahl teilnehmender Personen zurück. Dazu zählten Diskotheken, Bars, Schul- und Kindergartenveranstaltungen.

Die Kompetenz, in diesen Bereichen Massnahmen zu ergreifen, obliegt den Kantonen. Diese kontrollieren auch stichprobenweise, ob sich etwa Rückkehrer aus Risikogebieten an die zehntägige Quarantänepflicht halten. Eine solche gilt ab Samstag auch für Rückkehrer aus dem spanischen Festland, wie das Eidgenössische Innendepartement (EDI) am Mittwoch bekanntgab. Ausgenommen sind die Balearen und die Kanaren.

Kanton Zürich geht in die Offensive

Eigene Wege bei der Durchsetzung der vorgeschriebenen Quarantäne bei Rückkehrern aus Risikogebieten geht der Kanton Zürich. Er erhält am Flughafen Zürich von den Fluggesellschaften die Kontaktdaten aller Passagiere, die aus Risikoländern einreisen. Diese Zusammenarbeit mit den Fluggesellschaften ist ein «eigentlicher Durchbruch», wie Regierungsrat Mario Fehr (SP) am Mittwoch sagte.

Beim Bund ist man weniger begeistert. Es gebe beim BAG Fragen in Bezug auf die Legalität, die noch geklärt werden müssten, sagte Mathys dazu. Die Konferenz der Gesundheitsdirektoren (GDK) hatte vor wenigen Tagen eine Empfehlung herausgegeben, dass die Kantone Massnahmen treffen sollten, wenn sich die Lage regional verschärfe.

Ende der Pressekonferenz

Die Pressekonferenz ist beendet. Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit und bis zum nächsten Mal.

Fehlt in dieser Sommerpause eine Art ordnende Hand?

Mathys: «Ich denke, es ist vor allem ein Sommerloch in Bezug auf die Medien. Es ist ein gutes Thema, um ihre Seiten zu füllen. Ja, es hat Fragen gegeben zur Koordination, Zusammenarbeit und Sichtbarkeit. Ich sehe bis auf den Fehler, den wir gemacht haben und der zu einem riesigen Bashing geführt hatte, was ich mässig verstehe, keinen Grund, einen Keil zwischen uns und die Kantone zu treiben. Die Kantone sind jetzt in der Verantwortung. Vielleicht sind dies die Limiten des Föderalismus. Aber diesen der Einheitlichkeit willen in Frage zu stellen, das wage ich nicht. Umgekehrt ist es aber auch möglich, dass die Kantone viel spezifischer auf lokale Gegebenheiten reagieren können und diese Möglichkeiten haben sie auch genutzt.

Ich glaube, es gibt keinen Grund zu denken, dass sich in den letzten Tagen in Bezug auf das Krisenmanagement irgendetwas verändert hätte. Wir bewegen uns an einer kritischen Grenze, wir haben viel gelockert, viel wieder ermöglicht. Die Lust, uns weiter einzuschränken, ist bescheiden geworden. Und solange nicht wieder eine unmittelbare Bedrohung da ist, wird sich wahrscheinlich daran auch nichts verändern. Das ist die grosse Herausforderung für uns und die Kantone, aber auch die Medien, indem sie darauf aufmerksam machen, dass die Pandemie noch nicht vorbei ist.»

Beschaffung von Passagierdaten durch den Kanton Zürich

Mathys: «Der Kanton Zürich nutzt hier seinen Standort mit dem Flughafen. Wir haben aber grosse Fragen bezüglich der Legalität und müssen das mit dem Kanton Zürich noch anschauen. Problematisch wäre, wenn wir, also der Bund, die Daten dadurch nicht oder später erhalten würden.»

Hier gehts zum Flughafen-Ticker: Der Zürcher Regierungsrat Mario Fehr erklärt, dass sich der Kanton nun die Daten der Reisenden selbst besorgt.

Ist es üblich, dass das BAG Impfstoff-Studien finanziert?

Mike Schüpbach: «Das Epidemiengesetz sieht vor, dass Finanzhilfen an private und öffentliche Organisationen geleistet werden können. Allfällige Interessenten müssten dafür erst ein Gesuch stellen, also die Forscher, die die Studien durchführen. Das könnte dann geprüft werden. Der Anwendungsbereich dieser Bestimmung ist relativ breit, aber ohne ein konkretes Gesuch gibt es kein Geld.»

Was sollen Schwangere jetzt tun, wenn sie nicht im Home Office arbeiten können?

Masserey: «Die Hygiene- und Distanzregeln einhalten, eine Maske tragen, wenn die Distanz nicht eingehalten werden kann. Bei der Arbeit ist es der Arbeitgeber, der dafür zu sorgen hat, dass der Abstand eingehalten und Risikokontakte vermieden werden. Wenn das nicht möglich ist, sollen sie im Home Office arbeiten.»

Wettlauf um Impfstoff?

Mathys: «Der Wettlauf ist mit Sicherheit da, weil nicht genug Impfstoff von Beginn weg zur Verfügung stehen wird. Natürlich geht es darum, in einer Pole-Position zu sein. Die Schweiz als reiches Land kann sich in diesem Rennen gut positionieren. Ob es zu einer fairen weltweiten Verteilung des Impfstoffes kommen wird, das wage ich zu bezweifeln.»

Wie können die Daten zu den Ansteckungsorten verbessert werden?

Kim: «Wir sind mit allen Kantonen im Gespräch und alle sind willens, ihre Hausaufgaben zu machen, sodass ein Export aus ihren Daten heraus funktioniert. Also ja, es werden alle Kantone mitmachen.»

Masserey: «Der Arzt füllt das Formular dann aus, wenn er das positive Resultat erhält, in Abwesenheit des Infizierten. Hier können die Daten der Contact Tracer helfen, um ein besseres Bild zu bekommen, wo die Ansteckung erfolgte. Wenn aber die Person selber nicht weiss, wo sie sich angesteckt hat, ist es manchmal auch nicht herauszufinden. Wenn eine Person einen positiven Test erhält und sich zuvor in verschiedenen Situationen mit ihr unbekannten Personen aufgehalten hat, findet man vielleicht nie heraus, wo genau sie sich angesteckt hat.»

Mathys ergänzt: «Es liegt in der Natur der Sache, dass wir nie 80 oder 90 Prozent aller Ansteckungsorte herausfinden werden. Es liegen sicher 48 Stunden zwischen dem Test und dem Resultat. Mit der Inkubationszeit und bis sich jemand entscheidet, den Test zu machen, können mehrere Tage vergehen nach der Ansteckung. Da trifft man sehr viele Personen, bei der Arbeit, in den ÖV, Freunde, die Familie. Nun wird es schwierig, herauszufinden, wo genau die Ansteckung stattgefunden hat. Wir werden deshalb nie auf 80 Prozent kommen.»

Wird noch mit weiteren Impfstoffherstellern verhandelt?

Mathys: «Wir haben immer klar gemacht, dass wir mehrgleisig fahren. Details zur Verteilung werden wir geben, wenn wir einen Impfstoff haben.»

Gefahr für Schwangere?

Mathys: «Wie bei vielem in Bezug auf Corona zeigen jetzt neue Erkenntnisse und Daten, dass ein leicht erhöhtes Risiko vorliegt. Diese Daten hatten wir vorher nicht.»

Virginie Masserey ergänzt: «Es ist sehr schwierig zu sagen, wie gefährlich es wirklich ist. Das Risiko für Schwangere liegt je nach Studie zwischen 1,5 und 5 Mal höher, dass die Krankheit einen schweren Verlauf nimmt. Das gilt für die Schwangere selber. Wir können aber auch nicht ausschliessen, dass es für die Gesundheit des Fötus nicht auch gewisse Risiken gibt. Das Virus kann auch die Plazenta infizieren, das kann zu einer schlechteren Ernährung des Fötus führen. Wenn ein Neugeborenes schon mit einer Infektion geboren wird, kann das auch gefährlich sein. Ganz genau kennen wir die Risiken aber noch nicht.»

Welche Kriterien sollen für die einheitlichen Daten künftig gelten?

Kim: «Der Grund des Tests wird künftig immer angegeben und wann der Abstrich gemacht wurde. Wann haben die Symptome begonnen? Besteht Kontakt zu einem bekannten Fall, kann man die Infektionskette weiterverfolgen? Das sind Dinge, die künftig bei jeder Infektion notiert werden sollen. Wir werden dabei sowohl auf die Daten der Ärzte als auch aus dem Contact Tracing zurückgreifen.»

Umgehen von Quarantäne

Mathys: «Es gibt diverse Möglichkeiten, die Quarantäne zu umgehen. Im Flugzeug muss aber das Herkunftsland angegeben werden. Da müssten Sie Urkundenfälschung begehen.»

Lohnfortzahlung nach Rückkehr aus Spanien vor Samstag?

Schöll: «Den Anspruch aus Erwerbsersatz haben Sie nur, wenn die Quarantäne von einer Behörde oder von einem Arzt angeordnet wird.»

Welche Rolle spielt der Bundesstab Bevölkerungsschutz derzeit?

Mathys: «Der Bundesstab ist in den letzten Wochen nicht zusammengetreten, er hat Ferien gemacht. Er wird dies aber wieder tun, er hat eine koordinierende Rolle. Wie Bund und Kantone gut zusammenarbeiten und die Massnahmen koordinieren können, das wird weiter diskutiert werden.

Eine elektronische, allumfassende Lagedarstellung hätten wir auch gerne, aber es gibt noch Hürden. Wir haben in der Krise auch einiges an Flickwerk betreiben müssen, weil wir verschiedene Plattformen entwickeln mussten. Je integrierter solche Lösungen sind, desto besser können sie angewendet werden, doch das ist im Moment Zukunftsmusik.»

Wird es jetzt einen Run auf Flüge geben?

Mathys: «Ausschliessen können wir das nicht. Wir wissen nicht, wie viele Schweizer derzeit in Spanien sind. Bei den Flügen könnte es aber natürlich eng werden in dieser Zeit.»

Sollten Spanienreisende jetzt zurückkehren?

Mathys: «Nein, die Familien müssen nicht zurückkommen. Es gibt mit der Aufnahme auf die Liste die Empfehlung, von Reisen nach Spanien abzusehen. Wer aber jetzt schon da ist, muss nicht zurückkommen.»

Weshalb konzentriert man sich auf diesen einen Impfstoff?

Mathys: «Bis die Verträge unterschrieben sind möchte ich zu den Gründen und zum Inhalt von den Verhandlungen keine Stellung nehmen. Es geht auch um eine gewisse Versorgungssicherheit.»

Stimmen denn die Zahlen aus Genf?

Mathys: «Sie stammen vom Contact Tracing des Kantons. Sie haben den Überblick, es gibt keinen Grund, an diesen Zahlen zu zweifeln.»

BAG äussert sich zur Pannenserie

Mathys: «Ich möchte hinten anfangen. Wir werden in Bezug auf das Qualitätsmanagement Verbesserungen vornehmen. Die Zahlen wurden auf Anfrage eines Medienunternehmens erstellt. Es handelte sich um eine Datenbankabfrage, bei der eine Zuordnung falsch gelaufen ist. Es handelte sich um einen menschlichen Fehler. Das kann vorkommen. Niemand hier drin hat noch nie einen Fehler gemacht.

Vor dem Hintergrund, dass Genf gerade am Freitag darüber berichtet hat, dass 40 Prozent der Ansteckungen dort auf Clubbesuche zurückzuführen sind, war da wohl auch eine Beeinflussung vorhanden, deshalb haben wir das nicht auf Anhieb gemerkt.

Ich habe die Zahlen freigegeben, der Fehler ist aber auch uns aufgefallen. Es handelte sich nicht um einen derart offensichtlichen Fehler, wie es teilweise dargestellt wird. Wir werden versuchen, die Prozesse so anzupassen, dass das nicht mehr passiert.»

Setzt die Schweiz beim Impfstoff nur auf eine nationale Lösung?

Mathys: «Wir sind in weiteren Gesprächen, die Lösung muss nicht national sein.»

sho