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Schweizer Weg an die WMHandballer müssen in weniger als zwei Tagen vom Sofa an die WM

Nur 44 Stunden liegen zwischen offizieller Zusage und erstem Spiel: Wie die Schweizer Handballer unter Corona-Bedingungen ihre unverhoffte WM-Teilnahme auf die Reihe bringen.

Nationaltrainer Michael Suter (hier im Dezember in Tenero im Testspiel gegen Italien) fühlt sich trotz allem bereit für die WM.
Nationaltrainer Michael Suter (hier im Dezember in Tenero im Testspiel gegen Italien) fühlt sich trotz allem bereit für die WM.
Foto: Alessandro Crinari (Keystone)

So sitzen sie diesen Mittwoch jeder für sich alleine im Zimmer und warten auf das Urteil. Einen Tag vorher hatte sich bestenfalls angedeutet, dass es für die Schweizer Handballer derart weit kommen könnte. Doch dann ging alles ziemlich schnell.

Am Dienstag am Abend traf die Kunde ein, dass sich Tschechien wegen zu vieler Corona-Fälle von der Handball-WM zurückzieht und dass die USA ein ziemlicher Wackelkandidat sei. Für die Schweiz, die Ersatznation Nummer 2, rückte die erste WM seit 1995 plötzlich realistisch nahe. Um 22 Uhr war die offizielle Gewissheit da, gegen 23.30 Uhr erhielten die Spieler das Aufgebot und den ungefähren Plan für die kommenden Tage.

Dieser sah für die WM-Delegation vorerst einmal das vor: Am Mittwochmorgen nach Schaffhausen zur BBC-Arena fahren und sich dort auf Corona prüfen lassen. Anschliessend verzog man sich aufs Zimmer, um die Ergebnisse der PCR-Tests abzuwarten. Die Resultate werden erst Mittwochnacht erwartet. Wer positiv ist, bleibt zu Hause.

Unterbrochen wird die Isolation durch eine Teamsitzung, die gemäss Nationaltrainer Michael Suter «mit Abstand zueinander» stattfindet, und durch ein Training, einzeln oder in kleinsten Gruppen. Ein gemeinsames Training im herkömmlichen Sinn gibt es nicht.

Gleich das Schüsselspiel gegen Österreich

Zugleich liefen die nicht unkomplizierten Vorbereitungen auf den unverhofften Abstecher. Am Donnerstag um 8 Uhr fliegt die Chartermaschine nach Kairo ab. Dann wirds allmählich eng, denn einige weitere Hürden stehen bevor: Corona-Test noch im Flughafen, im Bus zum Hotel (das man nur für Trainings und Spiele verlassen darf), essen, kurz ins Zimmer und um 18 Uhr zum Startspiel gegen Österreich antreten. Zwischen Landung und Match liegen gerade mal sechs Stunden.

Wollen die Schweizer in die Hauptrunde vorstossen, müssen sie in ihrer Vierergruppe mindestens einen Gegner hinter sich lassen. Zwei davon sind hochkarätig: Frankreich als Rekord-Weltmeister und Norwegen als Turnierfavorit. Die besten Chancen bestehen gegen die Österreicher. Das Problem nur ist, dass ausgerechnet sie die ersten Gegner sind.

Suter wird das Beste aus der Lage machen und seine Mannschaft wenigstens halbwegs auf dieses vorentscheidende Spiel vorbereiten. «Schlaf wird überbewertet», sagte er sich und studierte noch in der Nacht auf Mittwoch die letzten beiden Testspiele der Österreicher.

«Eine WM ist ein Erlebnis», betont Suter, der erst nach 1995, als die Schweiz auf Island Platz 7 belegte, Nationalspieler wurde. «Durch diese Vorgeschichte wird sie jetzt noch spezieller. Wir wollen das nutzen, um mit extrem viel Spirit zu spielen.» Sie hätten «nichts zu verlieren», meint Rückraumschütze Roman Sidorowicz. Schon mit der WM-Teilnahme haben die Schweizer im Prinzip schon alles gewonnen. Ein Vergleich mit Dänemarks Fussballern, die 1992 als Ersatz zur EM antraten und später den Titel holten, ist wohl eher gewagt.

«Wir sind darauf vorbereitet», hatte Suter noch vor den Absagen Tschechiens und der USA zur Jokerrolle gesagt. Letzten Samstag beendeten die Schweizer ihr Trainingslager in Siggenthal. Bei der Verabschiedung sei abgemacht worden, persönliche Kontakte bis am Mittwochnachmittag zu beschränken, um das Ansteckungsrisiko zu minimieren. «Man spürte schon da eine gewisse Aufregung, auch bei den Spielern», blickt Suter zurück. Im Hinterkopf war die WM irgendwie immer präsent.

Kurzfristig das Leben neu sortieren

Als sie dann Realität wurde, begann, wie Abwehrspezialist Michal Svajlen erwähnt, «die Nacht- und Nebelaktion» mit Packen, Umorganisieren, etwas Schlaf und am Morgen der Fahrt nach Schaffhausen. Svajlen, der im Sommer zurücktritt, steht der Schweiz für Notfälle zur Verfügung. Das hier ist einer, zumal Lucas Meister, ein starker Verteidiger, verletzt fehlt. Svajlen hatte nicht mit dem Nationalteam, sondern seit Anfang Jahr in seinem Club, Pfadi Winterthur, trainiert. Für keinen anderen im Team ist der Sprung nach Ägypten grösser. Wegen der WM kann er zwei anstehende Arbeiten im Studium nicht rechtzeitig beenden.

Ohnehin musste jeder sein Leben für die nächsten gut zwei Wochen kurzfristig neu sortieren. Wie Sidorowicz jemanden zu finden, der mit seinem Hund spazieren geht, könnte noch zu den kleineren Problemen gehören.

Andy Schmid, der überragende Spielmacher, unterbrach sein «Homeschooling». Dafür kann er sich nun, mit 37 Jahren, auf die lang ersehnte erste WM freuen. Schmid und Alen Milosevic, die aus Deutschland anreisten, waren am Nachmittag die letzten, die in Schaffhausen eintrafen.

6 Kommentare
    Werner Angst

    Was für einen Irrsinn - vom Flugzeug direkt in die Halle. Dabei sein ist alles, wenn auch nur als "Kanonenfutter". Wie kann man nur in diesen Zeiten ... alle Achtung hingegen für die deutschen Nationalspieler, welche den WM-Unsinn nicht mitmachen wollten.