«Haben Sie den Eindruck, dass ich ängstlich bin?»

SNB-Chef Thomas Jordan spricht in der SRF-Sendung «Eco» über seinen Job – und wehrt sich gegen Rudolf Strahms Kritik.

«Ich bin natürlich vorsichtig»: Thomas Jordan, Präsident der Schweizerischen Notenbank im ECO-Interview. (Bild: Screenshot SRF)

«Ich bin natürlich vorsichtig»: Thomas Jordan, Präsident der Schweizerischen Notenbank im ECO-Interview. (Bild: Screenshot SRF)

Ernst Meier@tagesanzeiger

«Thomas Jordan ist ein ängstlicher Mensch und scheut Reformen», sagte der bekannte Ökonom Rudolf Strahm im Interview mit dem «Tages-Anzeiger» vom 10. Januar 2018. Der langjährige Preisüberwacher ging mit der Arbeit des Präsidenten der Schweizerischen Nationalbank (SNB) hart ins Gericht. Strahm stört sich daran, dass die Zentralbank mit ihren Millionengewinnen die Eigenmittel zusätzlich stärkt. Das sei nicht nötig. Stattdessen befürwortet er, dass die Gelder in einen Fonds ausgelagert werden, welchen die SNB verwaltet.

«Sind Sie ein ängstlicher Mensch, Herr Jordan?», fragt SRF-Moderator Reto Lipp in der aktuellen Sendung «Eco-Talk» seinen Studiogast. «Haben Sie den Eindruck, dass ich ängstlich bin?», gibt der Notenbank-Chef zurück und nimmt Stellung zum Vorwurf.

Es sei ein grosser Unterschied zwischen ängstlich und vorsichtig, sagt Jordan und fährt fort: «Ich glaube, wir sind vorsichtig bei der Zentralbank. Ich persönlich bin es auch.» Er überlege immer, was er mache. «Wir haben keine Angst. Wir haben sehr viele Entscheide getroffen, mit grossen Auswirkungen. Ich persönlich habe auch keine Angst, aber ich bin natürlich vorsichtig.» Jordan betont, dass die SNB abwägen müsse. «Wir können nicht irgendetwas machen, sondern müssen uns den Konsequenzen aller unserer Entscheide bewusst sein und auch dementsprechend entscheiden», schliesst der SNB-Chef das Thema.

Franken bleibt stark

Für den starken Schweizer Franken sieht Jordan noch keine Entwarnung. Seit Sommer 2017 sei die deutliche Überbewertung etwas zurückgekommen. «Aber der Franken bleibt noch hoch bewertet.» Die SNB peile Preisstabilität an und richte ihre Geldpolitik so aus, dass dieses Ziel mittelfristig möglichst gut erreicht werde. «Die Inflation in der Schweiz ist immer noch sehr tief, deutlich unter zwei Prozent, sogar unter einem Prozent», so Jordan. «Es gibt überhaupt keinen Grund zur Eile.»

Die SNB bekämpft mit Negativzinsen und Devisenmarktinterventionen eine Aufwertung des Schweizer Frankens. Thomas Jordan und seine beiden Kollegen in der SNB-Direktion haben wiederholt betont, dass sie an dieser Politik festhalten wollen.

Beim Abbau der durch die Devisenmarkteingriffe stark aufgeblähten Bilanz sieht Jordan die SNB nicht unter Druck. «Wir haben überhaupt keinen Zwang, hier rasch voranzugehen», sagt er. «Wir müssen hier vorsichtig vorgehen und genau die Auswirkungen einer Reduktion der Bilanz auf die monetären Bedingungen abschätzen können.»

Auf den Vorwurf angesprochen, «die SNB agiere wie ein Hedgefonds», meint er: «Die Nationalbank ist die Zentralbank der Schweiz, und wir sind kein Hedgefonds.» Die Grösse der Bilanz sei das Resultat der Krisenbewältigung in der Schweiz. Ohne diese Interventionen würden völlig andere Bedingungen in der Schweiz herrschen. «Wir mussten auf diese Frankenstärke reagieren, und das hat dazu geführt, dass wir jetzt eben eine grosse Bilanz haben.» Es ergebe nun mal Sinn, die vielen Euros und Dollars vernünftig anzulegen – einen Teil in Aktien, einen Teil in Staatsobligationen und einen Teil in Unternehmensanleihen. Das sei notwendig, «um das Rendite-Risiko-Verhältnis auf ein vernünftiges Mass zu bringen», erklärt Jordan.

Bitcoin: Phänomen der Spekulation

Der SNB-Präsident warnt erneut vor den Risiken der aktuell boomenden Kryptowährungen. «Ich glaube, diese Bitcoins oder diese Kryptowährungen sind ein Phänomen der Spekulation», erklärte Thomas Jordan. Für die Aufsichtsbehörden stelle sich die Frage, wie sie damit umgehen sollen. «Bitcoin und andere Kryptowährungen haben einige Eigenschaften wie andere Anlageinstrumente. Da muss man sich überlegen, wie man das entsprechend macht», so Jordan. Der Bundesrat hat vergangene Woche angekündigt, dass er bis zum Jahresende die rechtlichen Rahmenbedingungen für die Blockchain-Technologie, auf der virtuelle Währungen basieren, ausloten will. Auch Staaten wie Deutschland und Frankreich planen die Regulierung von Bitcoin.

Video – Der SNB-Präsident über Bitcoin

Ob sich Bitcoin oder eine andere Kryptowährung durchsetzen wird, dürfte stark davon abhängig sein, wie die Regulierung «gegenüber diesen Kryptowährungen reagieren wird»: Thomas Jordan im Video-Interview. (Video: Tamedia mit Material der SDA)

SNB-Chef Jordan sagt, dass bei der Umsetzung der Too-big-to-Fail-Gesetzgebung grosse Fortschritte gemacht worden seien. Es gebe aber noch Arbeit. «Wir sind fast durch», sagt er. «Bei Kapitalliquidität sind die Banken sehr weit fortgeschritten. Was jetzt noch fehlt, sind eigentlich die Notfallpläne.» Vorschriften wie höhere Kapitalanforderungen sollen systemrelevante Banken krisenfester machen und verhindern, dass sie notfalls vom Staat gerettet werden müssen. Thomas Jordan zufolge ist das Finanzsystem inzwischen viel stabiler als zu Zeiten der Finanzkrise 2007: «Und das spricht alles dafür, dass eine Krise, wenn sie kommt, besser bewältigbar ist.»

Tages-Anzeiger

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