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Plan für schärferen KlimaschutzGrüne wollen CO2 nach Norwegen verfrachten

Eine Reduktion der Emissionen auf netto null reicht den Grünen nicht mehr. Sie fordern neu, dass die Schweiz bis 2040 klimapositiv wird.

Bastien Girod ist Chef der Umweltkommission des Nationalrats.
Bastien Girod ist Chef der Umweltkommission des Nationalrats.
Foto: Ennio Leanza (Keystone)

Klimaneutral war gestern, jetzt läuten die Grünen die nächste Runde beim Klimaschutz ein. «Wir fordern, dass die Schweiz ab 2040 klimapositiv wird», sagt Nationalrat Bastien Girod. Das heisst: Bis in 20 Jahren sollen mehr Treibhausgas-Emissionen aus der Atmosphäre entnommen als ausgestossen werden. So sieht es der neue Klimaplan der Grünen vor, den die Partei demnächst präsentieren will.

Der Bundesrat hat sich vor einem Jahr zum Ziel durchgerungen, dass die Schweiz bis 2050 zumindest klimaneutral wird. Girod, dem Chef der nationalrätlichen Umweltkommission, ist das zu langsam. «Beim Klimaschutz reicht es nicht, wenn die Schweiz nur neutral ist. Sie muss international eine Vorreiterrolle übernehmen und ihre historische Schuld an der Klimaerwärmung abbauen.»

Um dies zu erreichen, wollen die Grünen auf bekannte Mittel setzen: den Energieverbrauch und CO2-Ausstoss noch mehr senken, die Energieeffizienz weiter erhöhen und die erneuerbaren Energien stärker ausbauen. Dazu kommt ein neues Element: Jetzt fordern die Grünen auch technische und natürliche Senken, um die CO2-Emissionen zu reduzieren. Dabei handelt es sich um Speicher, welche CO2 aus der Atmosphäre aufnehmen und über einen gewissen Zeitraum aufbewahren.

Ikea, Microsoft und Swisscom als Vorbilder

Girod kann sich etwa vorstellen, dass hierzulande zum Beispiel bei Kehrichtverbrennungsanlagen CO2 abgeschieden wird. Dieses soll dann mit Pipelines nach Norwegen transportiert, auf Schiffe verladen und anschliessend in den Meeresboden gepumpt werden. Norwegen will 2024 damit beginnen, Treibhausgase unter der Nordsee in porösem Gestein zu entsorgen. Und warum macht man das nicht in der Schweiz? «Bei uns fehlen geeignete geologische Formationen, um das CO2 sicher, langfristig und wirtschaftlich zu speichern», sagt Girod.

Trotzdem beinhaltet der Klimaplan der Grünen auch Massnahmen im Inland. Gemäss Girod gibt es genug Ansätze, um CO2 aus der Atmosphäre zu entfernen und zu speichern. «Die Technologien müssen wir jetzt weiterentwickeln.» So könnte die Landwirtschaft dafür sorgen, dass mehr CO2 in den Böden gespeichert wird. Dazu müsste mehr Humus aufgebaut und Pflanzenkohle eingearbeitet werden. Einen Beitrag könnten auch Aufforstungen leisten. Die Grünen denken zudem daran, die Moorflächen zu erweitern – indem der Schutz ausgebaut oder ehemalige Flächen renaturiert werden.

«Ich bin überzeugt, dass der Begriff klimapositiv auch nach Corona eine positive Wirkung haben wird.»

Bastien Girod, Nationalrat

Mit ihrem Klimaplan eifern die Grünen Unternehmen wie Ikea oder Microsoft nach, die noch ambitionierter sind. Ikea strebt bereits bis 2030 eine klimapositive Wertschöpfungskette an und will dafür 200 Millionen Euro investieren. Microsoft hat das gleiche Ziel. Zudem will das Unternehmen alles CO2, das es seit der Gründung 1975 direkt oder durch Stromverbrauch ausgestossen hat, bis 2050 aus der Atmosphäre zurückholen.

Schweizer Firmen ziehen in dieselbe Richtung. Der Müesli-Produzent Bio Familia aus Sachseln OW hat sich das Ziel gesetzt, klimapositiv zu werden. Und die Swisscom sagt, sie sei es schon jetzt. «Für Firmen ist es ein Imagegewinn», sagt Girod. Im 21. Jahrhundert verlange der Kunde Produkte, die gut für die Umwelt seien. «Aufgabe der Politik ist es, der Wirtschaft die nötigen Rahmenbedingungen zu schaffen.»

Neue Abgaben und Gebühren drohen

Wie die Grünen ihren Klimaplan finanzieren wollen, ist nicht ganz klar. «Wir befinden uns auf einem fahrenden Zug, viele Umsetzungsfragen werden wir unterwegs lösen müssen», sagt Girod. Er denkt an CO2-Abgaben, Entsorgungsgebühren, aber auch Investitionen durch den Staat. Für die Übergangszeit könnte der im CO2-Gesetz vorgesehene Klimafonds Mittel bereitstellen.

Die Grünen wollen mit ihrem Plan das CO2-Gesetz nicht torpedieren, das vom Parlament bald zu Ende beraten wird und wohl durch eine Volksabstimmung muss. «Das CO2-Gesetz geht in die richtige Richtung», sagt Girod. Damit sei es aber nicht getan. «Wir müssen jetzt beginnen, die nächsten Schritte zu planen.»

Und dass die Grünen ausgerechnet jetzt mit einem Klimaplan vorpreschen, dürfte auch der Corona-Krise geschuldet sein, die den Klimawandel als Topthema abgelöst hat. Dabei stellt sich die Frage, ob es aktuell überhaupt opportun ist, aufgrund der vielen Corona-positiv-Fälle davon zu sprechen, dass die Schweiz klimapositiv werden müsse. Girod sieht darin kein Problem: «Ich bin überzeugt, dass der Begriff klimapositiv auch nach Corona eine positive Wirkung haben wird.»