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Neue Corona-MassnahmenChaos in Taskforce: Mitglieder widersprechen sich

Die Taskforce empfiehlt in einem neu publizierten Papier die Schliessung von Restaurants und Museen. Doch in der Expertengruppe sehen das nicht alle gleich.

Man plädiere dafür, dass sich «die Schweiz schon heute vorbereitet für Schliessungen» und dass diese «eine Option bleiben»: Martin Ackermann, der Präsident der Covid-19-Science-Taskforce.
Man plädiere dafür, dass sich «die Schweiz schon heute vorbereitet für Schliessungen» und dass diese «eine Option bleiben»: Martin Ackermann, der Präsident der Covid-19-Science-Taskforce.
Keystone

In der Taskforce herrscht Verwirrung. Die Leitung der Expertengruppe hat am Wochenende eine Lagebeurteilung veröffentlicht. Doch am Samstag zeigte sich, dass die wichtigsten Inhalte dieses neuen Papiers nicht vom gesamten Gremium mitgetragen werden. Mehrere Mitglieder äusserten sich erstaunt über zentrale Punkte des Papiers.

Dabei geht es um neue einschneidende Massnahmen zur Eindämmung der Pandemie. Gemäss dem Papier empfiehlt die Taskforce die sofortige Schliessung von Bars, Restaurants, Sporthallen, Museen sowie ein Verbot für Konzerte. Zudem sollten gemäss den neusten Empfehlungen private Zusammenkünfte auf maximal zwei Haushalte beschränkt werden. Im Taskforce-Papier steht, dass diese zusätzlichen Massnahmen, «falls sofort schweizweit umgesetzt», wirksam dabei helfen würden, die gesetzten Ziele zur Reduktion der Fallzahlen zu erreichen. Der Inhalt wurde am Samstag von allen grossen Onlinemedien wiedergegeben.

Missverständnisse unter den Taskforce-Mitgliedern

Angesprochen auf die im Papier erwähnten Empfehlungen, erklärten mehrere Taskforce-Mitglieder aber, sie seien anders formuliert, als man dies im Gremium zuvor besprochen habe. Vereinbart gewesen sei, dass die Taskforce die neuen Massnahmen nur für den Fall empfehle, wenn das Zwischenziel eine Halbierung der Fallzahlen in ein bis zwei Wochen nicht erreicht werde. Klar wurde im Gespräch mit Mitgliedern der Taskforce zudem, dass die Meinungen über die Empfehlungen unter den Wissenschaftlern weit auseinandergehen: Die einen drängen auf möglichst weitgehende und harte Massnahmen, andere möchten Schliessungen so lange wie irgendwie möglich hinauszögern.

Ausszüge aus dem neusten Papier der Corona-Taskforce: Einleitung
Ausszüge aus dem neusten Papier der Corona-Taskforce: Vorgeschlagene Massnahmen

Für eine Erklärung, welche Empfehlungen fortan gelten sollen, verwiesen die angefragten Taskforce-Mitglieder auf den Präsidenten des Gremiums, Martin Ackermann.

Der Chef will beiden Lagern gerecht werden

Konfrontiert mit den unterschiedlichen Auffassungen innerhalb der Taskforce, lieferte Ackermann am Samstagabend eine Interpretation des Papiers, die offenbar möglichst beiden Lagern gerecht werden soll: Man plädiere dafür, dass sich «die Schweiz schon heute vorbereitet für Schliessungen» und dass diese «eine Option bleiben», teilt Ackermann mit. Die neuen Empfehlungen basieren laut dem Taskforce-Präsidenten auf der Erkenntnis, dass der aktuelle R-Wert von 0,91 nicht ausreiche. Das Dilemma der Wissenschaftler: Derzeit ist nicht klar, ob die bestehenden Massnahmen für eine weitere Senkung des R-Werts genügen.

In der Bundesverwaltung indes ist im Moment die Schliessung von Restaurants, Bars, Museen und anderen öffentlichen Institutionen nicht vorgesehen, wie Katrin Holenstein, Sprecherin des Bundesamts für Gesundheit, bestätigt: «Wir wurden über das Papier der Taskforce vor der Publikation informiert. Der Bundesrat hat nach seiner letzten Sitzung am Mittwoch festgehalten, dass im Moment keine weiteren Massnahmen geplant sind.»

Die Schweiz gerät in Zugzwang

Der Druck auf die Regierung, schärfere Massnahmen zu verordnen, wird allerdings immer grösser. Am Samstag beschloss Österreichs Bundeskanzler Sebastian Kurz Massnahmen, die noch sehr viel weiter gehen als die neusten Empfehlungen der Schweizer Taskforce. Kurz verordnet den Österreichern ab nächsten Dienstag bis zum 6. Dezember einen harten Lockdown. Dabei gilt eine Ausgangssperre rund um die Uhr. Die Menschen dürfen nur noch wenn unbedingt nötig das Haus verlassen, zum Beispiel für Einkäufe. Nach den Restaurants müssen in Österreich nun auch alle Geschäfte schliessen, soweit sie nicht für den täglichen Bedarf notwendig sind.

Kanzler Kurz redete der Bevölkerung ins Gewissen: «Meine eindringliche Bitte für die nächsten Wochen ist: Treffen Sie niemanden! Jeder soziale Kontakt ist einer zu viel. Verbringen Sie Ihre Freizeit ausschliesslich mit den Menschen, mit denen Sie auch in einem Haushalt gemeinsam leben.»

165 Kommentare
    W.Grab

    Ich verstehe absolut nicht, dass die Taskforce und BR / Behörden nicht von der unzulänglichen Verbots-, Befehls- und Schliessungsstrategie wegen Corona (einem Virus, den wir noch zu wenig verstehen, aber wissen, dass er eine gefährliche Pandemie auslösen kann) nicht schon lange auf eine überzeugende allgemeine Epidemie-Strategie umgestiegen ist die da heisst:

    Wir verstehen zwar „Corona“ nur ansatzweise aber wir wissen:

    Ansammlungen (>3Personen um Umkreis 2m) Abstand mind 2m, Hygiene, Maske, wenn Abstand zu gering, Schutzmassnahmen beachten

    sind einfach zu verstehen, sind wirksame Massnahmen, die sicher helfen zur Reduktion von Infektionen.

    Diese kaum einschneidenden Verhaltensweisen verhindern weitergehende Massnahmen wie Verbote und Schliessungen und müssen von allen jederzeit eingehalten werden.

    Damit weiss jeder BewohnerIn, dass er/sie nicht auf Verbote und Weisungen warten und sofort richtig reagieren muss.

    Die Reaktion:“ ist ja nicht verboten, sonst würde ich mich schon dran halten“.

    Das BAG kann dann nur noch eindringlich auf diese Verhaltensweisen hinweisen.