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Reisen in der SchweizGrössenwahnsinnige «Weltreise durch die Schweiz»

Die Schweiz sei so schön wie die ganze Welt zusammen, will ein Bildband zeigen. Das ist irgendwie witzig und peinlich zugleich.

Fast wie die Dolomiten in Italien? Die Gastlosen im Grenzgebiet der Kantone Freiburg, Bern und Waadt.
Fast wie die Dolomiten in Italien? Die Gastlosen im Grenzgebiet der Kantone Freiburg, Bern und Waadt.
Foto: Switzerland Tourism, Swiss-image.ch / Martin Mägli

Es ist das Thema dieser Sommerferien, schliesslich steht das Jahr im Zeichen von Corona: Reisen in der Schweiz. Dazu hat Journalist Artur Kilian Vogel nun ein Buch aus dem Boden gestampft – «Eine Weltreise durch die Schweiz» heisst es. Der ehemalige «Bund»-Chefredaktor ist selbst ein Weltenbummler, er war einst Nahostkorrespondent beim «Tages-Anzeiger», arbeitete als Entwicklungshelfer in Westafrika und schreibt Reisereportagen.

Magie gibts um die Ecke

Das Buch ist ein Bildband, der sechzig Orte in der Schweiz vorstellt, die mit Reisezielen auf der ganzen Welt verglichen werden – eine Weltreise durch die Schweiz eben. «Sieh, das Gute liegt so nah» lautet der in seiner Eindringlichkeit etwas pathetische Untertitel des Buches. Es ist ein Goethe-Zitat und eine Zusammenfassung des Vorworts: Für die magischen Orte dieser Welt muss man nicht weit reisen, man findet sie auch in der Schweiz.

Das ist irgendwie witzig und verspielt. Wer kennt das nicht, sich im Gummiboot von Thun nach Bern die Aare hinuntertreiben zu lassen und zu denken: «Genau wie Kanada!» An die bewaldeten Juraketten zu blicken und zu befinden: «Genau wie Peru!» Oder durch die karge Moorlandschaft rund um einen beliebigen Dorfbach nördlich der Alpen zu stapfen und zu meinen: «Genau wie Sibirien!» – selbst wenn man noch nie in Kanada, Peru oder Sibirien war.

Grössenwahn und Komplexe

Gleichzeitig ist das Konzept des Buches auch Ausdruck einer etwas anstrengenden Mischung aus Komplexen und Grössenwahnsinn: Es reicht nicht zu zeigen, dass es auch in der Schweiz ein paar schöne Flecken Erde gibt – nein, man muss betonen, dass das Land so schön ist wie die ganze Welt zusammen. Und wenn dann das Shoppingcenter Shoppi Tivoli in der Aargauer Agglogemeinde Spreitenbach mit der Millionenmetropole Dubai verglichen wird, weiss man nicht, ob man das jetzt lustig oder peinlich finden soll.

In Spreitenbach kann man shoppen, in Dubai auch. Damit hat es sich aber schon mit den Ähnlichkeiten.
In Spreitenbach kann man shoppen, in Dubai auch. Damit hat es sich aber schon mit den Ähnlichkeiten.
Foto: zvg

Die Bilder machen durchaus Lust, sich in den Zug zu setzen und durch die Schweiz zu fahren – ja, für schöne Ausflugsziele und eindrückliche Naturerlebnisse muss man nicht weit reisen: Die Gastlosen, eine Felsformation an den Kantonsgrenzen Berns, Freiburgs und der Waadt sind atemberaubend, das Foto des Bachalpsees lockt in die Höhe, und die Sankt Galler Stiftsbibliothek erinnert tatsächlich an Prager Prunk.

Erinnert an Prag: Die Stiftsbibliothek in Sankt Gallen.
Erinnert an Prag: Die Stiftsbibliothek in Sankt Gallen.
Foto: Switzerland Tourism / swiss-image.ch/André Meier

In manchen Fällen versprechen die spektakulären Fotos der Tourismusbüros aber wohl etwas gar viel: Die Bilder sind perfekt ausgeleuchtet, die Bildausschnitte mit Bedacht gewählt. Gut möglich, dass man sich also nur dann in Canberra wähnt, wenn man im richtigen Winkel an das Bahnhofsgebäude in La Chaux-de-Fonds blickt, und das Baikalsee-Gefühl rasch schwindet, wenn man den Kopf vom hübschen Badehaus in Chez-le-Bart am Neuenburgersee abwendet.

Ob man sich auch noch in Canberra wähnt, wenn man den Blick nach links oder rechts schweifen lässt? Das Bahnhofsgebäude in La-Chaux-de-Fonds.
Ob man sich auch noch in Canberra wähnt, wenn man den Blick nach links oder rechts schweifen lässt? Das Bahnhofsgebäude in La-Chaux-de-Fonds.
Foto: Joachim Kohler, Bremen (Wikimedia Commons)
Wie am Baikalsee – zumindest, wenn das Badehaus am Neuenburgersee von Eis bedeckt ist.
Wie am Baikalsee – zumindest, wenn das Badehaus am Neuenburgersee von Eis bedeckt ist.
Switzerland Tourism/ swiss-image.ch/Martin Mägli
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Und so schön die Schweiz sein mag – die Sehnsucht nach Fremde und die Lust des Entdeckens kann sie halt nur bedingt befriedigen, auch wenn der Bildband das vorzugaukeln versucht. Denn auf den Fotos sieht man nicht, dass in jedem Bahnhof die gleichen Valora-Kioske die gleichen Caffè-Latte-Becher verkaufen, auf jedem Wanderweg die gleichen gelben Schilder prangen und die Familien in der Bahn Tschau Sepp und Uno spielen. Schlecht ist das natürlich nicht. Aber besonders aufregend eben auch nicht.

Artur Kilian Vogel: «Eine Weltreise durch die Schweiz», 136 Seiten, Wörterseh