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Kolumne Markus SommGott sieht alles

Die Sklaverei war grauenhaft, keine Frage. In der gegenwärtigen Diskussion geht aber gerne vergessen, dass es zwei westliche Nationen waren, die das Unrecht beseitigten: Grossbritannien und die USA.

Was die Sklaverei im alten Süden anbelangt, gibt es nichts zu beschönigen: Druckgrafik einer Sklavinnen-Auspeitschung von Thomas Nast (1840-1902).
Was die Sklaverei im alten Süden anbelangt, gibt es nichts zu beschönigen: Druckgrafik einer Sklavinnen-Auspeitschung von Thomas Nast (1840-1902).
Bild: Thomas Nast (Photo 12, Universal Images Group via Getty)

Es war vielleicht die erfolgreichste NGO aller Zeiten: Im Mai 1787 trafen sich zwölf Männer in einer Druckerei in London und gründeten die Society for the Abolition of the Slave Trade, die Gesellschaft zur Abschaffung des Sklavenhandels, mit dem Ziel, wie der Name sagte, eine der grauenhaftesten Institutionen der Menschheit zu beseitigen. Neun dieser Männer waren Quäker, also Mitglieder einer evangelikalen Sekte, die in England mehr verfolgt als geduldet wurde, drei gehörten der anglikanischen, der offiziellen, Kirche an. Vermutlich hatte man diese drei für die Sache angeworben, damit man Zugang zum Parlament erhielt. Denn Quäker, verhasste Aussenseiter, konnten sich nicht ins Parlament wählen lassen, solange sie die Church of England nicht anerkannten. Wer sich den Mächtigen nicht fügt, den trifft der Spott: «Quaker» hiessen die Quäker, weil ihre Gegner sie so nannten, um sich über sie lustig zu machen. «Quake» bedeutet auf Englisch «zittern», und die Quäker legten Wert darauf, so unterstellten ihre Kritiker, vor Gott zu erzittern. So geht die Legende.

Wie dem auch sei, fest steht: Bald erzitterte das British Empire, als aus dieser winzigen Bewegung von Leuten, die die Sklaverei aus christlichen Gründen ablehnten, eine Massenbewegung heranwuchs, die so stark wurde, dass das Parlament 1807 den Sklavenhandel im Britischen Reich untersagte und der Royal Navy, der grössten Flotte der Epoche, den Auftrag erteilte, auf sämtlichen Weltmeeren Sklavenschiffe zu jagen und aufzubringen.

Zudem sollte die Regierung seiner Majestät auch alle anderen Länder dazu zwingen, den Sklavenhandel einzustellen. Es war ein historischer Schritt. Nachdem man den Handel untersagt hatte, war es nur eine Frage der Zeit, bis auch die Sklaverei abgeschafft wurde. 1838 befreite Grossbritannien alle Sklaven in seinen Kolonien, mit Ausnahme Indiens, wo es fünf Jahre später so weit kam. Da die USA nicht mehr zum Britischen Reich gehörten, blieb die Sklaverei dort bestehen. Doch Quäker gab es noch viel zahlreicher in Amerika – wie die Sklavenhalter im Süden des Landes bald erfahren mussten.

Wer behauptet, die Menschen setzten sich in der Politik nur für ihre materiellen Interessen ein, wird von den Quäkern eines Besseren belehrt.

Wenn wir bedenken, wie mächtig jene waren, die am Sklavenhandel verdient hatten Aristokraten, Bankiers, Reeder, Könige –, dann können wir ermessen, welch grandiose Leistung diese zwölf Männer zustande gebracht hatten. Innert zwanzig Jahren besiegten sie das britische Establishment – mit religiösen und moralischen Argumenten. Wer behauptet, die Menschen setzten sich in der Politik nur für ihre materiellen Interessen ein, wird von den Quäkern eines Besseren belehrt. Es ist ein vulgärmarxistischer Mythos. Wir Menschen wollen auch gute Menschen sein – nicht bloss reiche. Gott sieht alles.

Das ist das eine das andere hat mehr mit der Gegenwart zu tun. Seit ein weisser Polizist den schwarzen George Floyd getötet hat, ist da und dort von der «Ursünde Amerikas» die Rede, die darin bestehen soll, dass hier Menschen, vorwiegend Afrikaner, als Sklaven gehalten wurden. Darauf, heisst es, seien viele Schwierigkeiten, die Afroamerikaner heute plagen, zurückzuführen. Diese Annahme wirkt so überzeugend, dass sich manche weissen Amerikaner inzwischen ihrer eigenen Geschichte schämen. Was die Sklaverei im alten Süden anbelangt, gibt es nichts zu beschönigen. Es war schreiendes Unrecht. Aber sind dafür die weissen Amerikaner von heute verantwortlich? Und waren unsere Vorfahren, ob in Europa oder Asien oder anderswo, besser?

Menschen wurden seit zehntausend Jahren versklavt, und zwar ganz gleich, welche Hautfarbe sie besassen.

Tatsächlich war die Sklaverei bis ins 19. Jahrhundert weltweit verbreitet, nicht bloss in Amerika, sondern in Afrika, Russland, China oder im Osmanischen Reich. Es ist eine grauenhafte Institution, aber eine universale: Menschen wurden seit zehntausend Jahren versklavt, und zwar ganz gleich, welche Hautfarbe sie besassen. Das Wort «Sklave» kommt nicht von ungefähr von «Slawe. In der Neuzeit wurden mehr weisse Europäer von muslimischen Piraten versklavt, als man zur gleichen Zeit schwarze Afrikaner nach Nordamerika verschleppte. Als die Briten die Sklaverei in Indien aufhoben, lebten hier acht bis neun Millionen Sklaven, und zwar nicht wegen, sondern trotz der Briten. Christliche Klöster besassen Sklaven genauso wie buddhistische Klöster.

Wenn den Westen etwas einzigartig machte, dann nicht die Sklaverei, sondern die Tatsache, dass es nur hier zwei Länder gab, die die Sklaverei selbst und für alle andern beseitigten: Grossbritannien und die USA. Die Amerikaner führten gar einen Bürgerkrieg dafür. Rund 760000 starben, 410000 auf der Seite der siegreichen Union.