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«Black Is King» Beyoncé und der Simba-Jesus

Kein anderes Kulturprodukt verschmilzt so hochreaktiv die Debatten der Zeit zur Supershow wie Beyoncés neuer Musikfilm «Black Is King». Aber wie verhält er sich zu den antirassistischen Protesten?

Durchchoreografiert, durchgestylt: Das neue Album von Beyoncé ist ein Kunstwerk.
Durchchoreografiert, durchgestylt: Das neue Album von Beyoncé ist ein Kunstwerk.
Quelle: Screenshot aus «Black is King», Youtube

Beyoncés neuer Musikfilm «Black Is King» ist eine Mischung aus Bibelfilm, «König der Löwen» und Black-Lives-Matter-Musikvideo. Ein kleiner schwarzer Jesus, der entweder Simba oder eines von Beyoncés Kindern ist, durchstreift Johannesburg, Ghana, London und Belgien. Nennen wir ihn der Einfachheit halber Simba-Jesus, denn die Ikonografie wechselt - manche Szenen sind direkt aus der Bibel entnommen, andere aus dem «König der Löwen». So riesig ist der Unterschied bei Tageslicht betrachtet ja auch nicht, schliesslich basiert der neue Film auf dem Soundtrack, den Beyoncé im vergangenen Jahr für die Neuverfilmung von Disneys «König der Löwen» aufnahm.

Um Simba-Jesus hüpfen oder stehen zumeist gleichfarbig gekleidete Menschen, die extravagante Choreografien darbieten. In der Wüste, am Strand, in Herrenhäusern, in Pools. Sie sind, da es ein Film zur Feier des Schwarzseins ist, alle schwarz. Bis auf zwei oder drei weisse Butler. Die sind weiss und untertänig und putzen Jesus und Beyoncé die Zähne.

Es gibt keine Weissen, ausser als Diener

Sie putzen Beyoncé nicht deswegen die Zähne, weil Beyoncé sich nicht selbst die Zähne putzen kann, sondern um zu demonstrieren, dass die Herrschaft der als schwarz gelesenen Menschen angebrochen ist. In der Welt von «Black Is King» gibt es keine Weissen, ausser als Diener. Aber nicht nur die weissen, sondern auch die anderen Schwarzen scheinen im Film nur Diener der Königsfamilie zu sein. Dafür gibt es viele Götter und Beyoncé als allgegenwärtige Jungfrau Maria, als Königin, als Ikone. In den Nebenrollen: ihre Kinder und ihr Mann, Jay-Z, als König.

Sie wohnen in einer herrschaftlichen Villa und bekommen Besuch von anderen wichtigen schwarzen Künstlern: Pharrell Williams, Naomi Campbell, Lupita Nyong'o, Kelly Rowland. Alle zusammen feiern sie eine riesige Party. Was sie feiern? Schwarze Diversität, genauer: «die Bandbreite und Schönheit von Schwarzer Abstammung».

Der Film beginnt mit Beyoncé, die Simba-Jesus am Strand entlangführt. Über ihnen hängt ein gigantischer Mond, «Black Is The Colour Of My True Love's Skin», sagt Beyoncé in Abwandlung der vor allem in der Fassung von Nina Simone berühmten wunderschönen Ballade «Black Is The Colour of My True Love's Hair». Im Mond tauchen Gestalten auf. «Die grossen Könige waren lange vor uns hier», erklärt Beyoncé, dann gibt es ein Feuerwerk. Simba muss hinaus in die Welt.

«Egal, wie schwer es wird, du hast mein Blut in dir», sagte Beyoncé tröstend zu Simba-Jesus. Nun klingt es, sagen wir mal, etwas seltsam, wenn Leute sagen, alles gut, du hast mein Blut in dir. Wenn ein Weisser exakt denselben Film gemacht hätte, würde man ihm vermutlich Afrikakitsch vorwerfen. Ist «Black Is King» ein Propagandafilm? Wenn ja, warum und gibt es auch «gute» Propagandafilme? Wenn nein, warum nicht? Da kommt die Popkultur ins Spiel, insbesondere die Ästhetik von Musikvideos. Einer Gattung, die Beyoncé schon 2016 mit «Lemonade» mit Meisterschaft ausführte. Für Propaganda hat die glanzvolle Oberfläche des Filmes zu viele Glitzereffekte, die sich nicht zu einem klaren Weltbild zusammenführen lassen.

Der visuelle Maximalismus produziert symbolischen Überschuss

Denn Beyoncé produziert mit ihrem visuellen Maximalismus einen gigantischen symbolischen Überschuss. Der bringt, wenn die Show handwerklich so perfekt ist wie hier, die ideale Ware hervor: Jede Choreografie ist perfekt, jedes Kostüm sitzt. In einer Szene spielen in Weiss und Schwarz gekleidete Menschen als Figuren auf einem grossen Schachfeld gegeneinander. Natürlich benutzt Jay-Z die schwarzen Figuren. Der Glanz der Haute Couture saugt jedermanns Sehnsucht auf. Jeder kann mit einem Disney+-Abo teilhaben, wenn die Königin des Pop ihr jüngstes Empowerment-Feuerwerk abbrennt. So exklusiv der identitätspolitische Gestus, so inklusiv die Vermarktung, an der ein Alte-weisse-Männer-Konzern wie Disney prächtig verdient.

Dieselbe visuelle Überwältigung und akustische Brillanz sprengt aber eben auch jeden kollektivistischen Rahmen. Da mag Beyoncé noch so intensiv die Ahnen beschwören und ihre schwarzen Brüder und Schwestern umarmen, im Kern ist die assoziative Erzählung von «Black Is King» so amerikanisch wie der Pursuit of Happiness. Individualismus ist das Schlagwort, das an dieser Stelle üblicherweise fällt. Meist wird dann mit den Augen gerollt: Jaja, schon klar, die alte Lüge des Kapitalismus. Aber das stimmt so nicht.

Denn die Könige des schwarzen Beyoncé-Universums sind bei allem zur Schau gestellten Luxus, bei aller fröhlichen Aneignung afrikanischer Kultur keine mit Yoruba- oder Zulu-Lametta behängten Identitätspappkameraden. Keine Konsumindividualisten. Sondern moderne Menschen, die immer wieder auf sich selbst zurück geworfen werden, beispielsweise, wenn Simba-Jesus in die Baracke eines Bandenkings kommt und gefragt wird, wer er ist.

Die aus der Modewelt entliehene Schönheit, die Beyoncé in Perfektion produziert, entzieht sich als Feier der Sinnlichkeit ideologischen Vereinnahmungen mindestens so sehr, wie sie zu bestimmten Idealvorstellungen (des weiblichen Körpers, der Kindheit etc.) verführen kann. Es ist in «Black Is King» immer der einzelne Mensch, der als sein eigenes Gesamtkunstwerk glänzt. Erst vor diesem Hintergrund ergibt Beyoncés Medley aus glamourös in Szene gesetzten Sinnsprüchen mit handverlesenen erhabenen Gesichtern Sinn.

Schwestern und Brüder sind keine Herde, in der man aufgehen kann

«You can't wear a crown with your head down», sagt sie. Es sind Jahrhunderte des Rassismus, die als Trauma den Einzelnen an der Entfaltung hindern. Beyoncés übermuttergrosse Feier der Schönheit aus tiefem Selbstvertrauen soll heilende Bilder gegen das Leid setzen. Aber am Ende muss sich doch jeder in seinem Leben behaupten, die Urahnen, Schwestern und Brüder, sie sind keine Herde, in der man aufgehen kann. Denn «Du bist dein König» heisst auch: «Du, als einzigartige Jedefrau, trägst die Verantwortung eines Königs. Für dich, für deine Mitmenschen.» Beyoncé universalisiert den «König» zum Symbol der Wiedererlangung einer tragfähigen Identität.

Es gibt derzeit kaum ein Kulturprodukt, dass so hochreaktiv die wichtigsten sozialen Tendenzen und Debatten unserer Zeit zur Supershow verschmilzt. Affirmation und Kritik werden in der Hitze dieser Popfusion eins. Das kann begeistern oder beängstigen. Aber allein schon, wie es Beyoncé gelingt, ein weltberühmtes Disneymärchen, Muttergottes-Ikonografie, afrikanische Kultur und Natur und absolut stilsichere Popmusik zu einem 90-minütigen Film zu vereinen, beweist erneut ihren Status als wichtigste Persönlichkeit des Pop.

Ist «Black Is King» auch das Album zur antirassistischen Protestbewegung dieser Tage? Nicht wirklich, dafür ist es nicht handfest genug. Wer von Beyoncé musikalischen Aktivismus oder einen luziden tagespolitischen Kommentar erwartet hat, wird eher enttäuscht sein. Aber es gibt genug Musik, die das leistet, das jüngste Album von Sault zum Beispiel. Beyoncé ist als Königin, wie Elisabeth II., für was anderes zuständig: Für den Glanz als einendes Prinzip.