Gesichter der Schwerarbeit

Der Porträtfotograf Marco Grob und das Duo David Hiepler und Fritz Brunier gewähren in der Ausstellung «Industrious» im Kunstmuseum Bern einen einmaligen Einblick in die Schwerindustrie. Auftraggeber des Fotoprojektes war der Baustoffkonzern Holcim.

Son Tran Van I: Das grossformatige Porträt eines vietnamesischen Arbeiters von Marco Grob besticht mit Präzision und übersteigertem Realismus.

Son Tran Van I: Das grossformatige Porträt eines vietnamesischen Arbeiters von Marco Grob besticht mit Präzision und übersteigertem Realismus.

(Bild: zvg)

Helen Lagger@FuxHelen

Es sind Gesichter, die wirken wie Landschaften. Doch statt dass hier Bäche und Berge die Szenerie bestimmen, sind es präzise herausgearbeitete Bartstoppeln, Falten und Schweissperlen, die von individuellen und existenziellen Erfahrungen der Porträtierten berichten. Der 1965 in Olten geborene, in New York lebende Porträtfotograf Marco Grob, der schon Berühmtheiten wie Barack Obama oder Lady Gaga fotografierte, hat für einmal Schwerstarbeiter vor seine Kamera geholt.

Seine Modelle hat er in den Steinbrüchen, Zement- und Betonwerken des weltweit tätigen Baustoffkonzerns Holcim aufgespürt. Anlässlich seines hundertjährigen Bestehens ermöglichte das Schweizer Unternehmen Marco Grob sowie dem Berliner Duo David Hiepler und Fritz Brunier freien Zugang zu Mitarbeitern und Produktionsstätten auf fünf Kontinenten. Entstanden sind Dokumente, die einen Einblick in die Schwerindustrie und in diverse Lebenswirklichkeiten gewähren. In ihrer Präzision und Grossformatigkeit denkt man bei den Aufnahmen von Marco Grob unweigerlich an die Porträts des hyperrealistischen Malers Chuck Close. Grob arbeitete mit einer Auflösung von 60 Millionen Pixel und erreichte damit eine gestochene Schärfe, die ihn selbst überraschte.

Ohne Regie-Anweisungen

Unabhängig davon, ob er Stars oder Unbekannte fotografiert, geht es Grob ums Freilegen und Enthüllen vom Menschsein. Man sieht den Porträtieren an, ob sie geraucht, getrunken, gelitten oder Glück erlebt haben, ohne dass dieser Realismus sie je ihrer Würde beraubt. Beeindruckt sei er gewesen von der harten Arbeit, die von diesen Menschen geleistet würde, aber auch von dem überall auf der Welt gleich hohen Standard der Arbeitsbedingungen. Viele seiner Modelle seien geehrt gewesen, von ihm fotografiert zu werden. Kommunikation brauche er bei seiner Arbeit kaum. «Ich gebe keine Anweisungen und dränge niemanden in eine Rolle», sagte der Fotograf an der gestrigen Pressekonferenz.

Viel erlebt hat auch das Duo Hiepler und Brunier, das den Fokus auf die meist menschenleere Architektur von Produktionsstätten richtete. Zu kämpfen hatten die Fotografen mit dem heiss-feuchten Klima Indonesiens, der beissenden Kälte Russlands und einmal sogar mit einem Erdbeben. Doch trotz dieser Hürden ist es den Künstlern gelungen, die Poesie in der Industrie aufzuspüren. «Wir haben eine grosse Faszination für Jungenzeugs», scherzen sie. Die riesigen Maschinen und die Fabrikhallen – das muss für die beiden gewesen sein wie damals, als man als Kind Bauführer im Sandkasten spielte. Nur dass hier alles viel, viel grösser war.

Berner Zeitung

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