Wird die Schweiz nun zur «Zeitinsel»?

In einer EU-Umfrage ist eine klare Mehrheit gegen die Zeitumstellung. Laufen die Uhren in der Schweiz bald anders? Genau dies wollte Christoph Blocher bereits 1982.

Weil in Europa die Sommerzeit 1980 flächendeckend eingeführt wurde, war die Schweiz bis im März 1981 eine Zeitinsel.

Weil in Europa die Sommerzeit 1980 flächendeckend eingeführt wurde, war die Schweiz bis im März 1981 eine Zeitinsel.

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Wieso wird jetzt wieder über die Sommerzeit diskutiert?
Eine vor kurzem gemachte EU-Umfrage zur Sommerzeit stiess auf gewaltiges Interesse, Millionen nahmen daran teil. Seit gestern Abend sind die Resultate bekannt. Die grosse Mehrheit der Teilnehmer hat sich für eine Abschaffung der Zeitumstellung im Frühling und Herbst ausgesprochen: Mehr als 80 Prozent der Teilnehmer plädierten für ein Ende des Hin und Her.

Wieso wurde die Sommerzeit eigentlich eingeführt?
Die Sommerzeit wurde eingeführt, um Energie zu sparen: Am Abend ist es dank ihr länger hell, was künstliches Licht unnötig macht. Und am Morgen kann man länger bei Tageslicht statt Dunkelheit zur Arbeit gehen. Zahlreiche Untersuchungen haben aber ergeben, dass durch die Umstellung der Energieverbrauch nicht sinkt. An den langen Abenden wird zwar weniger Licht benötigt, dafür aber muss in der Übergangszeit (März, April und Oktober) morgens mehr geheizt werden. Ausserdem steigt der Energiebedarf durch vermehrte Freizeitaktivitäten am Abend. In den USA wuchs nach Einführung der Sommerzeit 2006 der Stromverbrauch gar um etwa ein bis vier Prozent. Ursachen waren der grössere Heizbedarf am Morgen und der Einsatz von Klimaanlagen an warmen Sommerabenden.

Seit wann gibt es die Sommerzeit?
Seit 1996 stellen die Menschen in allen EU-Ländern einheitlich die Uhren am letzten Sonntag im März eine Stunde vor und am letzten Oktobersonntag wieder eine Stunde zurück. Bereits 1977 hatten viele europäische Länder die Zeitumstellung als energiepolitische Reaktion auf die Ölkrise von 1973 wieder eingeführt. Auch in der Schweiz wurde 1977 ein Gesetz zur Einführung der Sommerzeit verabschiedet. Doch in einem Referendum 1978 sprach sich eine deutliche Mehrheit des Volks gegen die Sommerzeit aus. Weil auch Deutschland und Österreich die Sommerzeit 1980 einführten, war die Schweiz bis im März 1981 eine Zeitinsel – bis der Bundesrat doch die Sommerzeit einführte. 1982 startete der damals junge Christoph Blocher eine neuerliche Initiative zur Abschaffung der Sommerzeit, weil der Volkswille «mit Füssen getreten wurde». Die Initiative scheiterte allerdings.

Wird die Sommerzeit nun tatsächlich abgeschafft?
Eine Sprecherin der EU-Kommission erklärte am Dienstagabend, man wolle zunächst intern über die Ergebnisse informieren, dann werde die Kommission über die nächsten Schritte diskutieren. Zu diskutieren geben dürfte auch die Tatsache, dass von den 4,6 Millionen Teilnehmern der Umfrage mehr als drei Millionen aus Deutschland sind. Sollte die Kommission zu dem Schluss kommen, die Zeitumstellung abzuschaffen, wird sie einen entsprechenden Gesetzesvorschlag vorlegen. Dem müssten Europaparlament und EU-Staaten allerdings noch zustimmen. Die EU-Staaten dürften anschliessend alleine entscheiden, ob sie dauerhaft ganzjährig die Sommer- oder die Winterzeit haben wollen.

Was würde eine europaweite Abschaffung für die Schweiz bedeuten?
Falls die EU die Zeitumstellung abschafft, kommt die Schweiz in Zugzwang, will sie nicht wieder eine «Zeitinsel» mitten in Europa werden. Eine solche hätte im Geschäftsverkehr, Transportwesen, Tourismus und in der Kommunikation Nachteile. Die BZ zitiert einen Basler Fahrdienstleiter von damals: «Besonders hat sich die Schweizer Zeitinsel bei den Nachtzügen von Amsterdam nach Rom bemerkbar gemacht. Sie mussten hier eine Stunde warten und waren dann in Chiasso wieder eine Stunde zu spät. Das haben die Kunden nicht verstanden.»

1976 führte Frankreich die Sommerzeit zum Energiesparen ein während die Schweiz noch Normalzeit hatte. Am Bahnhof Genf stand dieses Schild.

Was sind die generellen Nachteile der Zeitumstellung?
Der Mini-Jetlag durch die Zeitumstellung führt bei manchen zu Befindlichkeitsstörungen, sie fühlen sich müde und schlapp. Hiervon sind auch Kinder betroffen, die eine Stunde früher in die Schule müssen. Menschen mit Schlafstörungen oder organischen Erkrankungen haben grössere Schwierigkeiten. Eine Umfrage in Deutschland ergab, dass ein Viertel der Befragten schon einmal Beschwerden im Zuge der Zeitumstellung gehabt hat. Demnach leiden die meisten Menschen an Einschlafproblemen und Schlafstörungen – 63 Prozent der Frauen und 53 Prozent der Männer. Knapp ein Drittel hatte nach eigenen Angaben Konzentrationsprobleme, 26 Prozent fühlten sich gar gereizt. Jeder Fünfte ist nach der Zeitumstellung schon einmal zu spät zur Arbeit gekommen – die Notwendigkeit, gewisse Uhren zweimal im Jahr manuell umstellen zu müssen, gilt als weiterer Nachteil. Auch IT-Systeme müssen für die Umstellung ausgerüstet sein oder gewartet werden. Und aus der Landwirtschaft weiss man, dass Milchkühe ein bis zwei Wochen benötigen, um sich auf die neuen Melkzeiten einzustellen – bis dahin geben sie weniger Milch.

Wie verbreitet ist die Zeitumstellung?
Grob gesagt, ist die Zeitumstellung eine Angelegenheit der westlichen Welt, was auch damit zu tun hat, dass diese sich in der gemässigten Klimazone befindet. Am Äquator zum Beispiel schwankt der Sonnenaufgang um lediglich 20 Minuten gegenüber der Tagundnachtgleiche. Auch an den Erdpolen ist das Umstellen der Uhr um eine Stunde sinnlos. Trotzdem kannten die meisten Staaten auf der Welt die Zeitumstellung einst, haben sie inzwischen aber wieder abgeschafft:

Zu welcher dauerhaften Zeit-Regelung würde eine Abschaffung der Umstellung führen?
Die meisten Teilnehmer der EU-Umfrage wollten eine dauerhafte Sommerzeit. Bloss: Die sogenannte Normalzeit ist die Winterzeit. Auch als sich die Schweiz Ende 70er-Jahre gegen die Zeitumstellung wehrte, wehrte man sich gegen die Sommerzeit. Vorteil der Sommerzeit: Sie bringt abends eine Stunde mehr Helligkeit, was heutzutage, wo die Leute mehr Zeit im Freien und bei Freizeitbeschäftigungen verbringen, als positiv und stimmungsaufhellend empfunden wird. Vorteil der Winterzeit: Menschen, die früh schlafen gehen, schätzen die frühe Dunkelheit. Allerdings würde es bei dauerhafter Winterzeit im Sommer bereits um 4.30 Uhr hell – auch nicht jedermanns Sache.

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(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 29.08.2018, 14:35 Uhr

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