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«Star Trek»-Legende im Interview«Wir galten als Spione und Saboteure»

George Takei war Lieutenant Sulu. Im Gespräch verrät er, was er dem Erfinder von «Star Trek» verdankt, weshalb er William Shatner verachtet und warum er als Kind in Internierungslagern sass.

Steuermänner der Enterprise: Lieutenant Sulu (George Takei, links) lotste das Raumschiff in «Star Trek» gemeinsam mit Chekov (Walter Koenig) durchs All.
Steuermänner der Enterprise: Lieutenant Sulu (George Takei, links) lotste das Raumschiff in «Star Trek» gemeinsam mit Chekov (Walter Koenig) durchs All.
Foto: Imago/Cinema Publishers Collection

Mr. Takei, dass Ihr Name über Strahlkraft verfügt, kann man schon daran erkennen, dass ein Asteroid nach Ihnen benannt ist. Wie kam es dazu?

Keine Ahnung. Aber offenbar gibt es Astronomen und Astrophysiker, die «Star Trek«-Fans sind. Diese Ehrung kam wirklich aus heiterem Himmel.

In den frühen «Star Trek»-Folgen, in denen Sie als Hikaru Sulu auftraten, geht es um Toleranz, Diversität, Wissenschafts- und Zukunftsgläubigkeit. Wie sehr haben Sie sich von diesen Idealen leiten lassen?

Sagen wir es so: Gene Roddenberry, der «Star Trek»-Erfinder, war – nach meinem Vater – die zweite zentrale Guideline meines Lebens. Er wurde mein Mentor.

«Das Raumschiff Enterprise war eine Metapher für das Raumschiff Erde,
auf dem alle Ethnien zusammenarbeiten sollten.»

Weshalb?

Damals, in den Sechzigern, konnte man im Fernsehen nichts zur Bürgerrechtsbewegung, zu Vietnam oder zum Kalten Krieg sagen. Die TV-Macher waren vorsichtig, die Werber mehr an Quoten als an Inhalten interessiert. Roddenberry wollte diese Themen jedoch ansprechen, und er schaffte das mittels Metaphern. Das Raumschiff Enterprise war seine Hauptmetapher für das Raumschiff Erde, auf dem alle Ethnien zusammenarbeiten sollten: Wir hatten mit Nichelle Nichols als Uhura die erste schwarze Frau in einer Führungsfunktion, und wir hatten mit Walter Koenig als Chekov ein Crewmitglied mit russischem Akzent. Letzteres konnte man als Zeichen lesen, dass sogar der Kalte Krieg überwunden werden könnte.

Sie selbst komplettierten diese Crew als japanischstämmiger Amerikaner. Nun erzählen Sie in Ihrem Comic «They Called Us Enemy« eine andere Geschichte: Sie wurden als Kind mit Ihrer Familie und Tausenden anderer Japanischstämmiger während des Zweiten Weltkriegs in amerikanische Internierungslager gesperrt. Weshalb?

Der einzige Grund: Weil wir ähnlich aussahen wie jene Menschen, die 1941 Pearl Harbor bombardiert hatten. Es war Rassismus pur – und ein Verstoss gegen alles, was in der amerikanischen Verfassung und den Grundrechten steht. Leider kennen viele diese Geschichte nicht mehr. Es ist deshalb meine Lebensmission geworden, von dieser Tragödie zu erzählen.

Wie nehmen dies japanischstämmige Amerikaner auf?

Vor ein paar Jahren habe ich ein Broadway-Musical zum selben Thema gemacht. Nach der Show kamen junge Besucher backstage zu mir und gestanden, dass ihre Eltern oder Grosseltern ebenfalls in diesen Lagern gewesen seien. Als ich dann zurückfragte, in welchem der zehn Lager sie gewesen seien, verstummten sie. Man hatte es ihnen schlicht nicht gesagt.

Warum nicht?

Weil die, die in den Lagern waren, sich schämten. Und weil sie ihre Nachkommen nicht mit ihrem Schmerz belasten wollten. Scham sollten eigentlich die Täter empfinden, aber für die Opfer ist das Erlebte viel belastender.

«Was wir haben, ist nicht nur eine Demokratie, es ist eine partizipative Demokratie. Wir sind aufgefordert, mitzuwirken.»

Ihr Vater vermochte dieses Schweigen zu brechen, wie man Ihrem Comic entnehmen kann.

Zum Glück. Wir hatten allerdings viele hitzige Diskussionen. Ich fragte: Warum hast du dich nicht gewehrt? Warum hast du uns nicht besser beschützt? Aber er hat das auf sich genommen. Und dann habe ich von ihm alles über das amerikanische Rechtssystem und über Staatsformen gelernt.

Über Staatsformen?

Was wir haben, ist ja nicht nur eine Demokratie, es ist eine partizipative Demokratie. Wir sind aufgefordert, mitzuwirken. Das ist die schwierigste Staatsform, die man sich denken kann, weil wir uns selbst regieren müssen.

Was wäre denn die einfachste Form?

Diktatur. Da muss man nichts wollen. Man wird regiert, Punkt.

Sie haben vorhin den Rassismus angesprochen, der zur Inhaftierung von Tausenden japanischstämmiger Menschen führte. Wäre so etwas heute wieder möglich?

Damals galten wir als potenzielle Spione und Saboteure. Dabei gab es bereits 1940 den Munsen-Report, der nachwies, dass die japanisch-amerikanische Bevölkerung eine der patriotischsten Minoritäten der USA ist. Aber dieser Report wurde unterdrückt, und Roosevelt – ansonsten ein guter Präsident – beging den riesigen Fehler, dass er uns internieren liess. Heute gelten Latinos, die über die Südgrenze kommen wollen, als Drogenhändler, Vergewaltiger und Mörder, alle Muslime sind potenzielle Terroristen. Dafür gibt es keine Beweise. Es ist wie ein Echo auf das, was ich selbst erlebt habe.

Wie wurden Sie zum politischen Aktivisten?

Dank meinem Vater. Er nahm mich eines Sonntags mit zur Kampagnenzentrale eines demokratischen Präsidentschaftskandidaten. Dieses Engagement, das die Leute dort an den Tag legten, begeisterte mich
als Teenager.

Den Vulkaniergruss beherrscht er immer noch: George Takei bei der Präsentation seines Comics 2019 in Los Angeles.
Den Vulkaniergruss beherrscht er immer noch: George Takei bei der Präsentation seines Comics 2019 in Los Angeles.
Foto: Getty Images

Heute sind Sie immer noch Aktivist und setzen sich für die briefliche Abstimmungsmöglichkeit bei der nächsten Präsidentschaftswahl ein. Warum?

Zum einen, weil die Wahllokale für die ländliche Bevölkerung teils kaum erreichbar sind. Zum andern, weil es für uns Senioren wegen des Coronavirus zu gefährlich sein könnte. Aber die Republikaner wollen diese Wahlmöglichkeit um jeden Preis verhindern, weil sie wissen, dass es ein Vorteil für die Demokraten wäre.

Warum?

Die Demokraten sind traditionell eine Volkspartei, aber das Volk muss arbeiten. Wer wählen will, muss in den USA freinehmen und wird dann nicht bezahlt. Da verzichten viele. Da ich selber viel reise, habe ich zum Glück eine Sondergenehmigung bekommen.

Gehen Sie noch an «Star Trek»-Conventions?

Klar. Warum fragen Sie?

Keine besten Freunde: Leonard Nimoy (Spock, links) und William Shatner (Kirk) in der Serie «Star Trek».
Keine besten Freunde: Leonard Nimoy (Spock, links) und William Shatner (Kirk) in der Serie «Star Trek».
Foto: Mary Evans/imago images

Es heisst, Sie seien auf William Shatner, der Captain Kirk spielte,
nicht sonderlich gut zu sprechen.

Auf Shatner ist niemand von den «Star Trek«-Darstellern gut zu sprechen.

Weshalb?

Ein Beispiel: Es gab da diesen Drehtag in den Sechzigern, als ein TV-Magazin vorbeikam, um eine Fotostrecke über Leonard Nimoy zu machen, wie er sich im Make-up-Raum in Spock verwandelte. Es war fünf Uhr morgens. Als Shatner eine Dreiviertelstunde später dazustiess, machte er gleich rechtsumkehrt und kam mit einem Assistenten zurück, der den Fotografen wegschickte. Dann kamen ein paar Anzugträger und gingen abwechselnd in Shatners und Nimoys Ankleideraum. Uns anderen wurde gesagt: Macht mal Kaffeepause, das könnte dauern. Dann hiess es: Warum geht ihr nicht zum frühen Lunch? Als wir zurückkamen, war die «Friedenskonferenz» immer noch im Gang und ein halber Drehtag im Eimer. Wie sich herausstellte, geschah das alles nur deshalb, weil in Shatners Vertrag stand, dass er Fotografen am Set genehmigen oder ablehnen durfte. Davon machte er Gebrauch.

Haben Sie eine Erklärung dafür?

Nun, Shatner wirkte stets unsicher. Und er mochte es überhaupt nicht, dass Nimoy zehnmal mehr Fanpost bekam. Mit dieser Engstirnigkeit ging er uns allen auf die Nerven.

«Ich engagierte mich für alle möglichen Bewegungen – nur nicht für die Schwulenbewegung.»

Ein anderer berühmter Schauspieler – Arnold Schwarzenegger – hat Sie
vor ein paar Jahren ebenfalls erzürnt. Was war der Grund?

2005 hatte das kalifornische Parlament beschlossen, die Ehe für alle zu legitimieren. Ich hatte damals mein Coming-out noch nicht gegeben, da man als Homosexueller keine Arbeit beim Film und beim Fernsehen fand. Hollywood war zutiefst schwulenfeindlich.

Aber Sie waren doch Aktivist?

Das ist ja das Paradox: Ich engagierte mich für alle möglichen Bewegungen – nur nicht für die Schwulenbewegung. Aber dann legte Schwarzenegger sein Veto gegen das Ehegesetz ein; er hatte Angst bekommen vor dem rechten Flügel seiner Partei. Sein Entscheid sorgte weitum für Unverständnis. Und ich sagte mir: Jetzt reichts! Ich gab dann als reiferes Semester mein Coming-out, und seit jenem Tag engagierte ich mich auch für die Human Rights Campaign, eine der grössten LGBT-Organisationen der USA.