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Ernährung bei EntzündungenGemüse essen gegen Schmerzen?

Mit dem Alter kommt es im Körper vermehrt zu chronischen Entzündungen. Eine Umstellung der Ernährung könnte helfen. Die wichtigsten Tipps.

Gewisse Vitamine und Mineralstoffe machen freie Radikale im Körper unschädlich: Eine Frau kauft Gemüse in einem Supermarkt.
Gewisse Vitamine und Mineralstoffe machen freie Radikale im Körper unschädlich: Eine Frau kauft Gemüse in einem Supermarkt.
Foto: Getty Images

Rot. Geschwollen. Warm. Schmerzhaft. Diese Zeichen sind typisch für eine akute Entzündung. Sie tritt auf, wenn wir uns verletzt oder mit einem Krankheitserreger infiziert haben.

So unangenehm sich eine Entzündung anfühlen mag, so lebenswichtig ist diese Reaktion des Körpers: Blutgefässe werden weit gestellt und Botenstoffe ausgeschüttet, damit Abwehrzellen schnell vor Ort gelangen. Sie zerstören allfällige Erreger und beseitigen beschädigtes Gewebe. Damit wird die Voraussetzung für Reparaturvorgänge geschaffen. Ist der Heilungsprozess abgeschlossen, verschwindet die Entzündung wieder.

Natürlicher Alterungsprozess

Doch manchmal klingen Entzündungen nicht wieder ab. Sie werden chronisch und können den Körper schädigen. Beispiele dafür sind Asthma, die Lungenkrankheit COPD oder Autoimmunerkrankungen wie multiple Sklerose oder rheumatoide Arthritis. Bei Letzteren kämpft das Immunsystem gegen eine Gefahr, die gar keine ist. Es stuft körpereigene Zellen fälschlicherweise als bedrohlich ein und reagiert mit einer chronischen Entzündung, die je nach Erkrankung unterschiedliche Beschwerden hervorruft. «Bei der rheumatoiden Arthritis zum Beispiel zeigt sich die Krankheit durch schmerzende, geschwollene Gelenke», sagt der Rheumatologe Giorgio Tamborrini aus Basel.

«Je nachdem, was wir essen, können entzündliche Vorgänge im Körper gehemmt oder befeuert werden.»

Sybille Binder, Ernährungsberaterin

Entzündungsvorgänge können aber auch unbemerkt ablaufen. Solche sogenannten stillen Entzündungen gehören zum natürlichen Alterungsprozess. So haben Immunologen herausgefunden, dass das Immunsystem im Laufe der Zeit immer mehr entzündungsfördernde Botenstoffe freisetzt. Wie es genau zu diesem Vorgang kommt, der in der Fachsprache «Inflamm-Aging» (Entzündungsaltern) genannt wird, ist noch nicht restlos geklärt. Klar ist jedoch, dass das «Inflamm-Aging» die Bildung freier Radikale fördert, das sind aggressive Sauerstoffverbindungen, die Zellen und Gewebe schädigen. Deshalb erstaunt es nicht, dass viele Altersleiden wie Arteriosklerose, Alzheimer, Diabetes sowie Krebs mit solchen niederschwelligen Entzündungen in Verbindung gebracht werden.

Begünstigt wird das Entzündungsaltern durch unseren Lebensstil, sprich durch Stress, Bewegungsmangel und Übergewicht. So produziert das Fettgewebe, besonders am Bauch, bei stark Übergewichtigen vermehrt entzündungsfördernde Botenstoffe. Auch die Zusammensetzung der Nährstoffe, die wir zu uns nehmen, spielt nach heutigen Erkenntnissen eine Rolle. «Je nachdem, was wir essen, können entzündliche Vorgänge im Körper gehemmt oder befeuert werden», sagt die diplomierte Ernährungsberaterin Sybille Binder vom Institut für integrative Naturheilkunde in Zürich.

Gute Ergänzung zur Therapie

Welche Ernährung diese Entzündungen hemmt oder fördert, ist noch nicht umfassend untersucht. Aber es gibt Hinweise, dass eine pflanzenreiche und kalorienreduzierte Kost antientzündlich wirkt (lesen Sie, wie Petra Müller dank einer Ernährungsumstellung gut mir ihrer rheumatoiden Arthritis lebt). So zeigte eine Übersichtsarbeit des deutschen Instituts für Ernährungsforschung aus dem Jahr 2016, die 29 Studien umfasst, dass niederschwellige Entzündungen, die durch Fettleibigkeit verursacht werden, mit einer pflanzenbetonten Ernährung reduziert werden können. Gemessen wurde dies anhand verschiedener Entzündungsmarker. Das sind Stoffe im Blut, die auf chronische Entzündungen hinweisen. Des Weiteren profitierten Patienten, die an entzündlichen Krankheiten wie rheumatoider Arthritis oder Morbus Bechterew leiden, in verschiedenen Studien von einer ausgewogenen Ernährungsweise mit viel Obst und Gemüse.

Der Rheumatologe Giorgio Tamborrini ist überzeugt, dass eine angepasste Ernährung bei chronischen Entzündungen helfen kann. Er beruft sich dabei nicht nur auf die Studienlage, sondern auch auf die Erfahrungen seiner Rheuma-Patienten. Trotzdem seien viele Ärzte nach wie vor skeptisch bei diesem Thema, sagt Giorgio Tamborrini. «Eine Ernährungsumstellung kann zwar Medikamente nicht ersetzen, sie ist jedoch eine gute Ergänzung zur Therapie.» Im besten Falle könne man damit die Entzündung und den Schmerz vermindern, das Fortschreiten der Erkrankung verlangsamen und die Dosis der Medikamente reduzieren.

«Die Einnahme von arachidonsäurehaltigen Nahrungsmitteln sollte reduziert werden.»

Giorgio Tamborrini, Rheumatologe

Ausgehend vom aktuellen Forschungsstand, hat der Rheumatologe zusammen mit anderen Schweizer Experten einen Leitfaden verfasst, der aufzeigt, wie eine Ernährung bei rheumatisch-entzündlichen Erkrankungen aussehen kann. Sie ist vergleichbar mit der traditionellen mediterranen Ernährung, die wissenschaftlich gut untersucht ist. So soll sie einen schützenden Effekt auf das Herz und die Gefässe haben. «Es handelt sich dabei um eine pflanzenreiche Kost mit viel Ölen und Fisch statt Fleisch», erklärt Tamborrini.

Vorsicht vor Eiern und Salami

Generell sieht eine entzündungshemmende Ernährung so aus, dass Nährstoffe, die Entzündungen befeuern, möglichst reduziert werden, wohingegen Nährstoffe, die Entzündungen hemmen, möglichst grosszügig konsumiert werden.

Als entzündungsfördernd gilt vor allem die sogenannte Arachidonsäure, eine Omega-6-Fettsäure. Sie ist ein direkter Vorläufer von Entzündungsstoffen und kommt in tierischen Lebensmitteln vor wie zum Beispiel in fettem Fleisch, Wurst, Aufschnitt, Speck, Eiern, vollfetten Milchprodukten, Butter und Rahm.

Alkohol wird mit chronischen Entzündungen – besonders der Leber – in Verbindung gebracht.

«Die Einnahme von arachidonsäurehaltigen Nahrungsmitteln sollte von Patienten mit entzündlichen rheumatischen Erkrankungen auf ein Minimum reduziert werden», sagt der Rheumatologe Giorgio Tamborrini. Auch die Gesellschaft für Ernährung (SGE) empfiehlt in ihrem Merkblatt über Ernährung bei rheumatischen Erkrankungen, den Fleischkonsum zu reduzieren, Eier mit Mass zu konsumieren und fettreduzierte Milchprodukte zu bevorzugen. Da bei einer entzündungshemmenden Ernährung der Konsum tierischer Eiweisslieferanten eingeschränkt wird, seien dafür pflanzliche Quellen umso wichtiger, schreibt die SGE. Pflanzliche Proteinquellen sind Getreide- und Sojaprodukte, Hülsenfrüchte und Nüsse.

Die Ernährungsberaterin und Vitalstofftherapeutin Sybille Binder rät zudem, Genussmittel wie Alkohol und Zucker nur in geringem Mass zu konsumieren. Denn Alkohol wird mit chronischen Entzündungen – besonders der Leber – in Verbindung gebracht. Ebenso ein hoher Blutzuckerspiegel.

Gesunde Fische

Als entzündungshemmend gelten die mehrfach ungesättigten Omega-3-Fettsäuren (lesen Sie, welche Fette gut und welche schlecht sind für den Körper). Sie hemmen die Bildung der entzündungsfördernden Stoffe aus der Arachidonsäure. Um die Zufuhr an mehrfach ungesättigten Omega-3-Fettsäuren zu erhöhen, empfiehlt die Schweizerische Gesellschaft für Ernährung, regelmässig fettreiche Fische (etwa Thunfisch, Lachs, Hering, Makrele) zu konsumieren und Omega-3-reiche Pflanzenöle (wie Raps-, Baumnuss-, Leinöl) zu bevorzugen. Giorgio Tamborrini empfiehlt aus Umweltschutzgründen beim Kauf von Fisch auf die Herkunft zu achten und Bioprodukte zu bevorzugen.

Von der Einnahme teurer Fischölkapseln rät Giorgio Tamborrini eher ab. Auch die deutsche Stiftung Warentest ist skeptisch: Der Nutzen solcher Kapseln sei nicht ausreichend belegt, «weder fürs Herz noch für andere gesundheitliche Aspekte», schreibt die Stiftung in ihrem Magazin vom Juni 2020. «Einen Grund, solche Mittel zu nehmen, gibt es nicht.»

«Ich rate dazu, Gewürze und Kräuter regelmässig in der Küche einzusetzen. Etwa Kurkuma, Ingwer oder Chili.»

Sybille Binder, Diplomierte Ernährungsberaterin

Empfohlen wird zudem die reichliche Zufuhr von Antioxidantien, die freie Radikale im Körper unschädlich machen. Zu den Antioxidantien zählen Vitamine wie Vitamin C, E und Betacarotin sowie Mineralstoffe wie Eisen, Kupfer, Zink und Selen. Sie sind in vielen Früchten und in Gemüse enthalten. «Eine entzündungshemmende Ernährung besteht aus einer abwechslungsreichen Ernährung, mit viel Gemüse und Obst, ergänzt mit fettreichem Fisch und nur kleinen Mengen nicht rotem Fleisch und Eiern», fasst Giorgio Tamborrini zusammen.

Für die Ernährungsberaterin Sybille Binder, die in ihrem Institut Naturheilkunde und Schulmedizin zusammenführt, kann auch das Weglassen von Weizenprodukten zu einer antientzündlichen Diät gehören. «Stoffe im Weizen wie Gluten oder Lektin können bei manchen Menschen Entzündungsprozesse verstärken.» Zudem sollen laut ihr Nachtschattengewächse wie Auberginen, Peperoni oder Tomaten von Menschen mit chronischen Entzündungen eher gemieden werden. Und zwar aufgrund der reichlich enthaltenen Lektine, eines Stoffes, welcher der Pflanze als Frassschutz dient. «Da die meisten Lektine jedoch nicht hitzestabil sind, hilft es, das Gemüse zu kochen. Und bei Getreide sollte man den Teig lange gehen lassen.» Wissenschaftlich ist der Einfluss der Lektine auf Entzündungen bislang allerdings noch wenig erforscht.

Gewürze und Kräuter hingegen rät Sybille Binder regelmässig in der Küche einzusetzen. So gelten zum Beispiel Kurkuma, Ingwer, Chili, Schnittlauch, Basilikum oder Petersilie als natürliche Entzündungshemmer. Vor allem über Kurkuma wurde in den letzten Jahren viel geforscht. Der darin enthaltene sekundäre Stoff Curcumin, der dem Gewürz seine gelbe Farbe verleiht, wirkte in einzelnen Studien ähnlich wirksam wie gängige Entzündungshemmer (zum Beispiel Ibuprofen). Zudem konnten in Experimenten mit Curcumin verschiedene Entzündungsmarker im Blut gesenkt werden.

Auch Giorgio Tamborrini hat gute Erfahrungen mit Kurkuma gemacht, er verschreibt es vielen seiner Rheuma-Patienten in Granulatform. Ernährungsberaterin Sybille Binder empfiehlt allen Menschen, grosszügig mit Kurkuma zu würzen, sie selbst setzt es vor allem frisch ein und verfeinert damit Fleisch, Gemüse, Suppen und Smoothies. Auch in Getränken findet Kurkuma Verwendung, ein beliebtes Rezept aus der ayurvedischen Küche ist zum Beispiel der Kurkuma Latte, eine warme Milch mit Kurkuma, einem Teelöffel Öl und etwas Pfeffer. «Zusammen mit Ingwer schmeckt Kurkuma aber auch als Teeaufguss hervorragend.»

Dieser Artikel stammt aus der «Schweizer Familie».

1 Kommentar
    Maria Sah

    Ausserdem:

    - auf pflanzliche Fette mit hohem Anteil an Omega-6 verzichten

    - Kohlenhydrate und insbesondere Zucker stark reduzieren

    - Blattgemüse statt Wurzelgemüse