Gefallener Engel im Wolfspelz

Pelzige Kinder, ausgestopfte Fuchsköpfe und Muscheln mit Perücken: Das französische Künstlerpaar Cécile Hesse und Gaël Romier gewährt in zwei Ausstellungen in Bern und Biel Einblicke in seinen exotischen Bilderkosmos.

Fallendes Kind: Lou ähnelt im Pelzmantel einem wilden Tier.

Fallendes Kind: Lou ähnelt im Pelzmantel einem wilden Tier.

(Bild: zvg)

Helen Lagger@FuxHelen

«Es ist ein August, den es im Kalender nicht gibt», heisst es im Text, der die Fotografieausstellung des französischen Künstlerpaares Cécile Hesse und Gaël Romier ergänzt. Der Monat August, den die Künstler ausloten, ist eine fiktive Zeitperiode voller Sehnsüchte und Absonderlichkeiten. Auf den überstilisierten Hochglanzfotografien in der Berner Galerie TH13 stösst man auf kitschige, von Perücken umschlossene Souvenirmuscheln, die wie nach innen gekehrte Gesichter wirken, auf gebrauchte Fernsehbedienungen, die einen futuristischen Turm zu Babel bilden, oder auf schöne Frauenbeine, an deren Füssen Muscheln statt Schuhe baumeln. Es ist ein märchenhafter Kosmos, in dem eine den Träumen verwandte Logik herrscht.

Kennen gelernt haben sich der 38-jährige Gaël Romier und die 35-jährige Cécile Hesse an der renommierten «Ecole d’arts appliqués» in Vevey. Seit 1998 arbeiten sie gemeinsam. Zeitgleich mit der Ausstellung «Août» in der Galerie TH13 bestreiten sie die Schau «Les Chiens Nus» im Bieler Photoforum Pasquart.

Erotischer Reigen

In der Bieler Ausstellung inszenieren sie ihre Fotografien auf grossen Paravants, die eine Art Bühnenraum bilden. Sonderbare Objekte ergänzen die Bilder, in denen die Künstler oft selbst in Erscheinung treten. Erzählt wird ein erotischer Reigen zwischen Mann und Frau, Unschuld und Grausamkeit, Frivolität und Abgrund. Zusammengetragene alte Pelze, viel nackte Haut und Schuhe mit hohen Absätzen sorgen für eine erotisch aufgeladene Stimmung. Mal bedeckt ein ausgestopfter Fuchskopf die Scham der Frau, mal bilden übereinandergestapelte Porzellanteller das sinnliche Kleid der Protagonistin.

Kind im Pelz

Ausgangslage für ihre Fotoprojekte sind stets Texte, die das Künstlerpaar gemeinsam schreibt und die in ihrer opulenten Bildhaftigkeit an die Gedichte des Franzosen Charles Baudelaire (1821– 1867) erinnern. «Die Engel tragen Pelz», schreiben sie etwa verheissungsvoll. Der «Engel» ist ein in einen Pelzmantel gehülltes Kind, das kopfüber aus dem Bild zu fallen droht. Das Model heisst Lou – ein Wortspiel mit dem französischen Wort für Wolf, «Loup». Und tatsächlich: Der Mantel wirkt auf dem Bild wie ein Fell, eine zweite Haut, die das scheinbar vom Himmel stürzende Kind umgibt. Purzelt das sich an der Schwelle zur Pubertät befindende Wolfskind vielleicht aus dem für immer verlorenen Paradies der Kindheit?

Ausstellungen: bis 14.4. in der Galerie TH13, Theaterplatz 13, Bern, und bis 1.4. im Photoforum Pasquart, Biel.

Berner Zeitung

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