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Hamsterkäufe in ApothekenChef von Galenica tritt Hysterie um Coronavirus entgegen

Die grösste Apothekengruppe der Schweiz wird momentan von Hamsterkäufern überrannt. Galenica-Chef Jean-Claude Clémençon versucht zu beruhigen.

Galenica-Chef Jean-Claude Clémençon vertraut auf die Lieferfähigkeit des Logistikzentrums in Niederbipp. (Archivbild)
Galenica-Chef Jean-Claude Clémençon vertraut auf die Lieferfähigkeit des Logistikzentrums in Niederbipp. (Archivbild)
Foto: Christian Pfander

Desinfektionsmittel und Schutzmasken sind in den Apotheken seit Tagen fast ständig ausverkauft und in den Onlineshops nicht verfügbar. Auch bei Grippe- und Schmerzmitteln sowie bei Präparaten zur Stärkung des Immunsystems kommt es zu Hamsterkäufen. Das Coronavirus sorgt bei Galenica, der grössten Schweizer Apothekenbetreiberin und Pharmahändlerin, für einen Ausnahmezustand.

Für Konzernchef Jean-Claude Clémençon ist die Situation ernst, aber Hysterie und Panik tritt er entgegen. So führte er am Dienstag die Jahresmedienkonferenz normal durch. In der Mitteilung zum Konzernergebnis 2019 findet sich kein Wort zum Coronavirus, auch nicht bei den Prognosen für 2020.

Einzig ein Fläschchen mit Händedesinfektionsmittel stand auf jedem Tisch für die Journalisten und Analysten – quasi als Beweis der Lieferfähigkeit. Zum Coronavirus äusserte sich die Galenica-Führung erst auf Anfrage nach über einer Stunde Bilanzpräsentation.

Nachschub unterwegs

Die Hauptbotschaften lauten: Längerfristige, akute Lieferengpässe zeichneten sich bislang nicht ab. Nachschub sei unterwegs. Von Importbeschränkungen wie den von Deutschland gestoppten Lastwagen mit Schutzmasken sei man nicht betroffen. Auch hätten die Schweizer Pflichtlager für Medikamente bis jetzt nicht angezapft werden müssen. Und Galenica mache mit den Ängsten vor dem Coronavirus kein Bombengeschäft.

So räumte Finanzchef Felix Burkhard zwar ein, dass die Umsätze in den Apotheken und auch im Grosshandel in den letzten Tagen massiv zugenommen haben. Privatpersonen, Unternehmen, Ärzte und Spitäler würden wohl Reserven aufbauen und Lager aufstocken.

Das bringe Galenica kurzfristig rekordverdächtige Mehrverkäufe. Doch diese dürften kompensiert werden, wenn die aufgestockten Lager wieder abgebaut würden. Und das Unternehmen verzeichne auch nicht überall Mehrverkäufe. In einigen Apotheken sei die Nachfrage wegen des Ausbleibens von Touristen deutlich tiefer, etwa am Flughafen Zürich, in Zermatt oder Interlaken.

Netto kein grosser Effekt

Für das ganze Jahr 2020 sei insgesamt kein grosser Effekt des Coronavirus auf das Ergebnis zu erwarten, sagte Burkhard. Galenica stellt einen um 1 bis 3 Prozent höheren Umsatz in Aussicht. Der Betriebsgewinn soll um 3 bis 6 Prozent steigen. Das wären geringere Zunahmen als im letzten Jahr.

Einige Vorbehalte macht die Galenica-Führung aber doch. Wie sich die Produktionsunterbrüche in China bei den Grundstoffen für die Pharmaindustrie weltweit und bei Medikamenten längerfristig auswirken, lasse sich noch nicht beurteilen. Und bei den eigenen Apotheken sowie in der Logistik sei entscheidend, dass nicht so viele Angestellte erkrankten, dass der Betrieb beeinträchtigt würde. Bislang habe es noch keinen einzigen solchen Fall gegeben.

Konzernchef Clémençon lehnte es im Gespräch mit dieser Zeitung ab, den Apothekerinnen und Apothekern vorzuschreiben, eine Schutzmaske zu tragen. «Das wäre ein falsches Signal.» Schliesslich empfiehlt auch das Bundesamt für Gesundheit gesunden Personen kein Tragen von Schutzmasken im öffentlichen Raum.

Dass Schutzmasken und Desinfektionsmittel so schnell zur Mangelware werden, gibt aber auch Clémençon zu denken. Er schlägt vor, deren Verkauf in solchen Fällen künftig früher zu beschränken. Oder eine Rezeptpflicht dafür einzuführen.

Privatkunden können vorläufig bei verschiedenen Anbietern offenbar maximal fünf Schutzmasken kaufen. Die Versorgung von Ärzten und Spitälern ist laut den Behörden hingegen mit vorgeschriebenen Kontingenten sichergestellt.