«Man sieht, wie die ganze Wut auf die Spieler übertragen wird»

Ivan Ergic spielte an der WM 2006 für Serbien. Er weiss, was jetzt auf den Spielern lastet, die am Freitag gegen die Schweiz spielen.

Zweikampfhärte fürs Vaterland: Serbiens Kolarov (11) und Kostic stemmen sich gegen Costa Ricas Gamboa. Foto: David Gray (Reuters)

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Sie waren 2006 bei Serbiens erster Teilnahme an einer ­Weltmeisterschaft dabei. Welche Hoffnungen und Erwartungen lasten bei solch einem Anlass auf der Mannschaft?
Ich habe das Ganze damals praktisch als «Alien» miterlebt, fast mit dem Blick eines Aussenstehenden. Weil ich in ­Australien aufgewachsen bin und die Qualifikation nicht mit Serbien gespielt hatte. Ich habe das Ganze kritisch ­betrachtet, mit Interesse für die sozialen und psychologischen Elemente. Wenn du dabei bist, siehst du die ganzen ­Mechanismen.

Welche?
Die Erwartungshaltung der Fans ist ­riesig. Wir als Fussballer haben die Rolle, den erniedrigenden Alltag grosser Teile der Bevölkerung zu kompensieren. Die Menschen in Serbien wollen wieder etwas Würde verspüren. Ich kann ­diesen Mechanismus sehr gut verstehen. Aber der Druck auf die Spieler ist einfach zu gross. Und wenn die Erwartungen nicht erfüllt werden, dann wird es brutal. Dann wirst du ganz schnell vom grossen Helden zu einem, der sich verstecken muss.

Gilt das in Serbien nur für die Fussballer?
Dasselbe sieht man auch bei Novak ­Djokovic. Kaum spielt er im Davis-Cup für Serbien nicht überragend, wird ihm vorgeworfen, er sei ein Egoist, der nur an seine eigene Karriere denke. Und er selbst scheint so fest beweisen zu wollen, dass das nicht stimmt, dass er sich immer wieder verletzt, wenn er für Serbien antritt.

Woher kommt dieser Druck auf die eigenen Sportler?
Ich habe immer versucht zu verstehen, wie es sein kann, dass das Selbstwert­gefühl einer Nation von einem Spiel ­abhängt. Anstatt dass du dich über die politische Elite ärgerst, ärgerst du dich über irgendwelche Sportler, die meist aus derselben sozialen Schicht kommen wie du. Man sieht, wie die ganze Wut über reale Probleme und die Sorge um eine bessere Zukunft auf die Spieler übertragen werden.

Und was passiert dann?
Dann werden Fussballer plötzlich zu Verrätern. Wie kannst du ein Verräter sein, bloss weil du ein Spiel verlierst? Das kann ich nicht verstehen. Wenn du dich schon mit anderen Nationen ­messen willst, dann solltest du das doch im wirtschaftlichen und wissenschaftlichen Bereich tun. Und nicht damit, ob Djokovic mehr Grand Slams gewonnen hat als Roger Federer.

Wieso hat der Sport in Serbien eine derart grosse Bedeutung?
In jeder Nation hat der Sport die Funktion von Ablenkung. Das ist zum Teil ­Eskapismus, andererseits kann es darum gehen, das Selbstwertgefühl zu steigern. Das funktioniert auf der ­ganzen Welt gleich. Aber in Serbien ist es ausgeprägter. Das ist verständlich, wenn der Nationalismus das Einzige ist, was dir noch geblieben ist.

Der Sport als Ersatz für wirtschaftlichen Aufschwung?
Wenn du frustriert bist, dann musst du das irgendwo kompensieren. Eine Möglichkeit ist Patriotismus. Und wenn jemand Novak Djokovic sieht, kann er sich mit ihm identifizieren und denken: «Das ist einer von uns!» Ich verstehe das, aber es ist politisch perfid. Deswegen hat der Sport bei uns einen grossen Stellenwert. Die Politiker wissen das.

Um so wichtiger also für sie, dass Serbien wieder an einer WM ist?
Auf jeden Fall. Man sieht, wie der Ablenkungsmechanismus funktioniert. Da wird Sport zum billigen Futter für die Massen, die sich im realen Leben erniedrigt und entwürdigt fühlen. Da steckt mein persönliches Problem mit dem Sport: dass er so instrumentalisiert werden kann.

Aber die Emotionen der Menschen sind doch echt?
Das finde ich faszinierend. All die Werte, die die Fussballfans hochhalten, sind auch für mich echte Werte: Loyalität, Hingabe, Leidenschaft. Aber soll man das alles wirklich bloss im Sport suchen? Oder vielleicht doch besser in der ­Politik, damit sich dein Land entwickelt und damit deine Kinder eine bessere ­Zukunft haben können? Aber all diese Bedürfnisse der Menschen werden in einen Bereich gelenkt, der die politischen Führer nicht bedroht.

Fussball und Politik scheinen in Serbien sowieso eng verzahnt zu sein. Hooligans gelten als Speerspitze der Nationalisten.
Ja, es gibt Beweise, dass es direkte Verbindungen zwischen den organisierten Fans und der Politik gibt. Das hat alles in den 1990ern angefangen, als Hooligans als paramilitärische Einheiten in den Krieg gezogen sind. Aber ich glaube auch, dass das Ganze manchmal etwas übertrieben dargestellt wird. Die Fan­gruppierungen fühlen sich auch gerne wichtig.

Der Ruf der Kurven in der serbischen Liga ist aber schlecht. Zugleich sind die Zuschauerzahlen in Serbien sehr tief.
Es gibt einen harten Kern, bei denen man praktisch von professionellen Fans sprechen kann. Die werden von ihren Clubs unterstützt. Manchmal werden sie eingesetzt, um politische Botschaften zu platzieren, weil sie sehr gut organisiert sind. Es gibt auch Hooligans, die gleichzeitig organisierte Kriminelle sind. Ich will das nicht überbewerten. Aber unter diesen Umständen ist es doch klar, dass sich viele andere Fans zurückziehen und sich fragen, was sie im Stadion noch zu suchen haben.

Staatspräsident Aleksandar Vucic hat kürzlich erklärt, er arbeite daran, die Gewalt in Fussballstadien zu bekämpfen.
Eine serbische TV-Journalistin hat eine Dokumentation über die Verbindung von Fans und organisierter Kriminalität gedreht. Sie recherchiert viel im kriminellen Milieu, aber sie ist nie so sehr bedroht und angefeindet worden wie bei ihrer Recherche unter den Fans. Das sagt sehr viel aus über die Fanszenen auf dem Balkan. Vucic gibt sich gerne als Mann der harten Hand. Aber in dieser Dokumentation hat er erklärt, ihm fehle die politische Energie, um im Fussball aufzuräumen.

Was eigentlich einer Bankrott­erklärung gleichkommt.
Vucic kommt ja auch aus der Szene. Er schmückt sich sogar damit und erzählt gerne, dass auch er einmal Hooligan von Roter Stern Belgrad war. Ich denke, er will sich bei den Fans einschmeicheln. Ausserdem beweist er so seinen Patriotismus, und er unterstreicht seine ­Machoausstrahlung. Aber klar sagt es auch vieles aus, wenn wir einen Präsidenten haben, der sich als allmächtig darstellt und gleichzeitig zugibt, dass er nicht genug Macht hat, den Fussball sauberer zu machen.

Dennoch schaffen viele Profis den Sprung in grosse europäische Ligen. Nur Brasilien, Frankreich und ­Argentinien exportieren mehr Spieler ins Ausland als Serbien.
Das gilt nicht nur für Fussballer. Wir haben so gute, talentierte Spieler. Genauso ist es in der Wissenschaft und der Kultur. Der Braindrain, die Flucht von Talenten, ist eines der grössten Probleme Serbiens. Auch im Sport werden sich morgen die Leute wieder mit Namen von Spielern brüsten, die ins Ausland gehen mussten, um sich entwickeln zu können. Und so geht es Hunderttausenden von jungen, gut ausgebildeten Serben.

Wie steht es denn um die serbische Meisterschaft?
Ich verfolge sie nicht mehr so eng. Aber ich kenne jemanden von der Spielergewerkschaft. Und ich glaube, die Liga ist etwas sauberer geworden, was das Verschieben von Spielen betrifft. Natürlich: Wird Roter Stern Meister, dann schreien die Partizan-Fans, dass Spiele gekauft worden seien. Und umgekehrt. Aber die serbische Liga ist überhaupt nicht repräsentativ für die Qualität und die Stimmung in der Nationalmannschaft.

Weil kaum ein Spieler des Nationalteams noch in Serbien spielt?
Ja. Die Spieler, die bei ausländischen Clubs unter Vertrag stehen, bringen schon eine ganz andere Mentalität mit. Deswegen feiert die Nationalmannschaft auch immer wieder Erfolge.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 19.06.2018, 22:48 Uhr

Ivan Ergic

Der Fussball-Denker

Ivan Ergic blickte schon als Fussballer über den Rand des Feldes hinaus. Geboren wurde er 1981 im heutigen Kroatien. Mit 10 flüchtete er mit seinen Eltern vor dem Krieg nach Serbien, mit 14 ging die Familie nach Australien. Über einen Vertrag mit Juventus Turin landete er als 19-Jähriger in Basel. 2004 stand er öffentlich zu seinen Depressionen. 2006 spielte er für Serbien-Montenegro an der WM. In Basel ist er nicht nur wegen vier Meistertiteln und vier Cupsiegen beliebt, sondern auch, weil er sich mit der Stadt identifiziert, Dialekt spricht – und als kritischer Geist auftritt. Ergic sagt, Karl Marx habe ihm geholfen, die Gesetze des Profifussballs zu verstehen. Nach seinem Karrierenende 2011 veröffentlichte er einen Gedichtband auf Serbisch und schrieb für die Belgrader Zeitung «Politika» und die Basler «TagesWoche». Ivan Ergic lebt in Basel und Belgrad.

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