Zum Hauptinhalt springen

Der Traum platzt nach dem Training

Admir Mehmedi musste auf die WM verzichten. Nun erlebt er das Schweizer Aus aus der Ferne mit – zuerst schwitzend mit dem VfL Wolfsburg, dann leidend vor dem Fernseher in der Garderobe.

«Die Konstellation schien so günstig», sagt Admir Mehmedi. Foto: Keystone
«Die Konstellation schien so günstig», sagt Admir Mehmedi. Foto: Keystone

Der Physiotherapeut hat keine schlechte Nachricht. Er ist der Mann mit einem besonderen Auftrag: Admir Mehmedi will von ihm auf dem Laufenden gehalten werden, was sich im fernen St. Petersburg tut. Um 17.15 Uhr endet das Training des VfL Wolfsburg, Mehmedi eilt in die Kabine, 0:0 steht es bei Schweden - Schweiz, die 62. Minute läuft.

Und dann fängt für den 27-jährigen Schweizer die Leidenszeit an.

Das 0:1 fällt. Mehmedi schaut konsterniert auf den Bildschirm, er wird nervös. Er läuft durch die Garderobe und bleibt bei einem anderen Fernseher stehen. Immer noch 0:1, das WM-Aus rückt näher. Die Schweden treten so auf, wie er das geahnt hat: unerschrocken, unangenehm. Die Minuten verrinnen. Bis nichts mehr zu machen ist. Der Schlusspfiff. Alles vorbei. Mehmedi sagt: «Das ist eine brutale Enttäuschung.» Und: «Als Spieler fühlst du eine extreme Leere nach einer solchen Niederlage.»

«Konstellation schien günstig»

Er hat sich selber dabei ertappt, wie er vom grossen Wurf geträumt hat. Vom Vorstoss in den Viertelfinal, von einem weiteren Exploit. Vor vier Jahren sei die Schweiz im Achtelfinal gegen Argentinien noch Aussenseiter gewesen, gegen die Schweden hingegen eher der Favorit. «Haben nicht viele Leute in der Schweiz geglaubt, das könnte ein Turnier ohne Grenzen werden für uns?», fragt er. «Die Konstellation schien so günstig.» Und was ist das, was nun passiert ist? «Ein herber Rückschlag.»

Wäre alles normal gelaufen, hätte dieser Dienstag für Mehmedi in St. Petersburg begonnen und nicht in Wolfsburg. Aber was ist in diesem Jahr schon normal für ihn? Im Winter wechselt er von Leverkusen in die Autostadt, er hofft, sich beim VfL mit viel Spielzeit für die WM in Schwung zu bringen. Aber Mitte Februar erleidet er einen Bänderriss im Mittelfuss, einen Monat später muss er sich operieren lassen.

Das schwierige Eingeständnis

Mehmedi denkt sofort an das grosse Ereignis im Sommer mit der Nationalmannschaft. Reicht die Zeit? Oder bringt ihn die Verletzung um die WM? Zum Comeback in der Bundesliga reicht es nicht mehr, stattdessen bangt er zuerst mit dem VfL in der Barrage um den Liga­erhalt. Und er spürt danach, dass es für ihn auch im Juni keine Rückkehr auf den Platz geben wird. «Ich musste mir eingestehen, dass ich in dieser Verfassung der Schweiz nicht helfen kann», sagt er, «es war ein Entscheid der Vernunft.»

Der Offensivspieler verdaut den Rückschlag zunächst gut. Aber die Emotionen kommen in ihm hoch, als er die Bilder vom Abflug des Teams nach Russland sieht. In der Qualifikation gehörte er zum Stamm, und der 58-fache Nationalspieler war schon an einer WM wie an einer EM Torschütze. Nun ist er vorübergehend nicht mehr Teil dieser Gruppe. Und das schmerzt. «Es befiel mich eine Ohnmacht», sagt er, «es war, als würde mir etwas weggenommen, das mir so vertraut, so wichtig ist.»

Mehmedi braucht Abstand, fliegt mit seiner Familie in die Badeferien und später mit Amir Abrashi nach Las Vegas. Als die Schweiz in ihrem Startspiel gegen Brasilien ein 1:1 erreicht, erfährt er davon erst nach der Landung in den USA. Das 2:1 gegen Serbien verfolgt er in seinem Hotelzimmer. Beim 2:2 gegen Costa Rica weilt er in Mazedonien. Es ist der Abend, an dem die Achtelfinal-Qualifikation gesichert wird. Ihn überrascht das Erreichen des Zwischenziels nicht, im Gegenteil: «Damit habe ich schon gerechnet.»

In Wolfsburg steigt er am 1. Juli mit dem VfL in die Vorbereitung. Natürlich denkt er manchmal, dass es sein grosser Traum war, seine zweite WM zu erleben. Aber er lässt es nicht zu, dass die Situation ihn zu sehr belastet: «Es macht doch keinen Sinn, sich ständig mit etwas zu beschäftigen, das ich nicht mehr ändern kann. Es würde mir nicht gut tun.»

Er denkt: «Das ist die Chance»

Mehmedi schreibt seinen Schweizer Teamkollegen Komplimente per SMS und wünscht ihnen viel Glück für den Match gegen Schweden. Als es auf 16 Uhr zugeht, macht sich ein Kribbeln bemerkbar. Mehmedi hat darauf verzichtet, Trainer Bruno Labbadia zu fragen, ob er ihn für diese eine Einheit dispensieren könnte. Es sei besser, abgelenkt zu sein, sagt er. Und überhaupt: Er hat ein gutes Gefühl: «Wir packen das. Ich erwarte zwar eine zähe Geschichte, rechne aber mit einem 2:1 für uns. Ich habe das Gefühl: Das ist der Moment, um den Schritt zu machen, das ist die grosse Chance.»

Dann schwitzt er in Wolfsburg, rennt den Hügel hoch, den Felix Magath einst auf dem Gelände bauen liess. Der Physiotherapeut signalisiert: keine Tore, alles noch in Ordnung. Bis Mehmedi nach seinem Arbeitstag beim VfL in die Kabine kommt – und der Traum platzt.

Dieser Artikel wurde automatisch aus unserem alten Redaktionssystem auf unsere neue Website importiert. Falls Sie auf Darstellungsfehler stossen, bitten wir um Verständnis und einen Hinweis: community-feedback@tamedia.ch