Die Fussball-Schweiz bangt

«Wo führt das hin, wenn jede Geste interpretiert wird?», fragt SFV-Präsident Peter Gilliéron. Heute wird der Fifa-Entscheid zur Doppeladler-Geste erwartet.

«Die Fifa wird aufpassen müssen, wie sie den Fall anschaut und den Entscheid begründet»: SFV-Präsident Gilliéron zum Fifa-Disziplinarverfahren. Video: SDA/Tamedia
Thomas Schifferle@tagesanzeiger

Als Xherdan Shaqiri am Freitagabend abdrehte und jubelte, dachte sich Peter Gilliéron auf seinem Logensitz: «Hey, wir haben 2:1 gewonnen!» Das war sein erster Gedanke, sein zweiter und dritter. «Und dann der vierte, ja ...»

Was sich der Präsident des Schweizerischen Fussballverbandes (SFV) in diesem Moment dachte, sagt er nicht, aber man kann es sich leicht denken: Musste das sein? Musste nach Granit Xhaka auch Shaqiri noch auf die Idee kommen, vor serbischen Zuschauern den Doppeladler zu machen? War das nötig? Was passiert jetzt wieder?

Die Fifa hat reagiert. Am späten Samstagabend teilte sie dem SFV mit, dass sie ein Verfahren gegen die beiden Torschützen eröffnet. «Wegen ihres Torjubels», ­erklärt sie und verlangt vom SFV innert 24 Stunden eine Stellungnahme. Am Sonntagabend legt sie nach und teilt mit, dass sie aus dem gleichen Grund auch gegen den Jubel-Imitator Stephan Lichtsteiner tätig wird. Gilliéron erwartet zumindest bei Xhaka und Shaqiri ein Urteil heute Montag.

Der Strafenkatalog der Fifa

Claudio Sulser, Anwalt und Delegierter des Nationalteams, ist fürs Dossier verantwortlich. Er kennt die Fifa bestens. Sieben Jahre lang arbeitete er für sie als Vorsitzender erst der Ethik- und dann der Disziplinarkommission. Sulser stellt sich auf den Standpunkt: Die Spieler hätten spontan reagiert, «ohne nachzudenken, ohne bösen Willen».

Die Frage ist nun, wie die Fifa diesen Doppeladler wertet: als politische Botschaft, als Provokation der gegnerischen Zuschauer? Und wenn sie das macht, wendet sie dann Artikel 54 ihres Disziplinarreglementes an? Da steht: «Wer während einer Partie die Zuschauer provoziert, wird mit mindestens zwei Spielsperren und einer Geldstrafe von mindestens 5000 Franken belegt.»

Gilliéron sitzt am Sonntagmittag mit Journalisten in einer Runde zusammen. Auch er ist Anwalt, er sagt: «Das ist die Krux: Wo führt das hin, wenn jede Geste interpretiert wird? Die Fifa wird darum aufpassen müssen, wie sie den Fall anschaut und den Entscheid begründet.»

Video: Dabei war Shaqiris Tor doch eigentlich gigantisch

Mit dem 2:1 versetzte der Nati-Spieler die Schweiz in Ekstase.

Er wird gefragt: Und wenn es doch eine Sperre gäbe? Wäre das ein Hammerschlag? «Das wäre tatsächlich so.» Eine Schweiz gerade ohne Xhaka und Shaqiri in der Verfassung von Kaliningrad – ohne den Motor im Mittelfeld, ohne den Wirbler, der zurück auf höchstem Niveau war? Es braucht Fantasie, sich das aus sportlicher Sicht vorzustellen, aus Sicht von Coach Vladimir Petkovic.

Nicht ohne Bedeutung wird sein, wie die Fifa das Verhalten serbischer ­Zuschauer wertet. «Töte den Siptari!», soll gerufen worden sein, Siptari ist ein abwertender Begriff für Albaner. Aus dem SFV heisst es zudem, gegen Shaqiri habe es eindeutige Gesten gegeben, die nur eines bedeuten: Kopf ab!

Serbiens Trainer Mladen Krstajic mochte sich nach dem Match nicht zu Xhaka und Shaqiri äussern. Das war wohltuend. Dafür legte er einen Tag später im nationalen Fernsehen nach. Da forderte er: Schiedsrichter Felix Brych solle in Den Haag der Prozess gemacht werden. In Den Haag war der Sitz des Kriegsverbrecher-Tribunals. Die Fifa ist gegen ihn aktiv geworden. Gilliéron kennt diese Ausfälligkeit von Krstajic. Er mag sie nicht weiter kommentieren.

Vom SFV wurde im Vorfeld alles ­getan, das von politischer Symbolik aufgeladene Spiel öffentlich nicht zu thematisieren. Gilliéron sagt, sie hätten bewusst «zurückhaltend kommuniziert», weil das Spiel im Vordergrund gestanden habe. Nicht einmal intern hätten sie darüber geredet: «Die Mannschaft war ruhig. Wir wollten einfach Ruhe bewahren.»

War das nicht naiv? Die Spieler hätten die Problematik «intus», jeder kenne seine Geschichte, sagt Gilliéron: «Aber nachvollziehen kann man sie nur, wenn man sie selbst erlebt hat.» Da geht es um Granit Xhakas Vater, der aus politischen Gründen über drei Jahre im Gefängnis sass, um Valon Behramis Vater, der wegen seiner Ethnie die Arbeit verlor und mit der Familie in die Schweiz flüchtete.

Die Spieler selbst sagten sich immer: «Das ist für uns kein Thema. Es geht um Fussball.» So berichtet das Yann Sommer. Die Jubelgesten Xhakas und Shaqiris sind für den Goalie «aus den Emotionen heraus passiert». Unerwarteter ist das Statement von Stephan Lichtsteiner. Er machte selbst den Doppeladler und verteidigte hinterher die Kollegen. «Das gehört zu ihrer Kultur», sagt er.

Gilliérons Erinnerung

Mag nun sein, dass das Verfahren der Fifa insbesondere Xhaka und Shaqiri zum Nachdenken bringt, dass sie einsehen, mit ­solchen Gesten künftig besser sparsam umzugehen. Shaqiri war nach dem Spiel jedenfalls gut beraten, zu ­sagen: ­«Darüber will ich nicht reden. Wir sind nicht in der Politik. Ich bin ein Mensch des Sports.»

Xhaka dagegen macht in seiner Emotionalität den Eindruck, schwerer einzufangen und kontrollierbar zu sein. Auf Instagram schrieb er am Freitag gleich nach dem Match unter anderem: «We did it bro @shaqirixherdan.» Wir haben es gemacht, Bruder. Die Tore machten sie. Und den Doppeladler. Andere Einträge, offenbar auch voller Emotionalität, soll Xhaka wieder gelöscht haben.

Präsident Gilliéron versucht nun, das Gute an der Sache zu erkennen. Und es gelingt ihm auch. Das Verhalten Lichtsteiners, «das ist sehr solidarisch», sagt er, und überhaupt: «Die Gruppe ist schon sehr solidarisch. Das alles macht sie noch solidarischer. Sie ist kompakt, sie ist supergut.»

Bevor er geht, ruft er noch eines in die Runde: «Wir dürfen nie vergessen: Wir haben vier Punkte!» Es ist seine ­Erinnerung daran, warum die Schweiz eigentlich in Russland ist.

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