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Von der Provinz in den WM-Final

Kroatien erreicht das Endspiel. Nationaltrainer Zlatko Dalic wird zum ungewöhnlichen Helden eines kleinen Landes.

Seine Karriere verlief wahrlich nicht immer geradeaus: Kroatiens Trainer Zlatko Dalic. (12. Juli 2018)
Seine Karriere verlief wahrlich nicht immer geradeaus: Kroatiens Trainer Zlatko Dalic. (12. Juli 2018)
Abedin Taherkenareh, Keystone

Zur Pressekonferenz nach dem WM-Finaleinzug erschien Kroatiens Nationaltrainer Zlatko Dalic im Trikot mit der Rückennummer 18 des Stürmers Ante Rebic von Eintracht Frankfurt. Und das war jetzt schon das zweite Leibchen, das er am Abend verschliss. Die Fernsehinterviews gab er im Shirt mit der Rückennummer 9 von Andrej Kramaric (TSG 1899 Hoffenheim).

Das Tor zum Endspiel: Kroatiens zweiter Treffer gegen England. (Video: SRF)

Das waren keine Hinweise auf eine grössere Affinität zu den Bundesligaprofis in den Reihen der Kroaten; Dalic hatte nur nach den Trikots gegriffen, die in Reichweite waren, nachdem es in der kroatischen Kabine drüber und drunter gegangen war. Das weisse Oberhemd, das Dalic zuvor am Spielfeldrand getragen hatte, als er Kroatiens Team im Halbfinale von Moskau gegen England kommandierte, war ruiniert, nachdem die Kroaten sich auf ihr Rendezvous mit Frankreich im Finale mit Alkoholika eingestimmt hatten. Und das müffelt, wie man weiss.

Bei der WM feiert Kroatien ausgiebig

Andererseits: Hätte es eine Wahl gegeben? Für Kroatien, seit Beginn der Neunzigerjahre unabhängig, folgt in wenigen Stunden das erste WM-Finale überhaupt. «Wir schreiben gerade Geschichte, für Kroatiens Fussball, für Kroatien als Land insgesamt», raunte Dalic. Ein wenig Nachhilfe in Geschichte brauchte er allerdings schon: «Ich weiss nicht, ob es jemals ein kleineres Land bis ins Finale geschafft hat», rätselte der Coach.

Nun, ein kleineres Land hat sogar zwei Mal den Pokal geholt: Die 3,2 Millionen-Einwohner-Nation Uruguay wurde 1930 und 1950 Weltmeister, Kroatien hat 4,2 Millionen Staatsbürger. Was selbstredend die Verdienste nicht schmälert. Nur mal kurz zum Vergleich: Der Deutsche Fussball-Bund (DFB) hat rund sieben Millionen Mitglieder und 157 000 Mannschaften. Kroatiens Verband zählt 130 000 aktive Fussballer. Demnächst spiele Kroatien in der neu erfundenen Nations League gegen England, aber man habe kein geeignetes Stadion, sagte – oder klagte – Dalic: «Das ist die Infrastruktur, die wir haben.»

Dass er der Autor der kroatischen Erfolgsgeschichte werden würde, hätte sich Dalic vor einem Jahr kaum träumen lassen. Er hatte eine vergleichsweise bescheidene Karriere als Profi hinter sich (sein einziger Club im nichtkroatischen Ausland: Velez Mostar, (Bosnien), als er anfing, als Trainer zu arbeiten. Zunächst bei NK Varazdin, HNK Rijeka sowie – nach einem kurzen Engagement bei Dinamo Tirana – bei Slaven Belupo.

Kroatiens Verband grub ihn 2017 quasi in der Wüste aus: Dalic ging nach Saudiarabien und dann in die Vereinigten Arabischen Emirate, wo er Al Ain fürs Finale 2016 der asiatischen Champions League qualifizieren konnte. Er war dann ohne feste Anstellung, als die WM-Qualifikation seines Heimatlandes dermassen in Gefahr war, dass sein Vorgänger Ante Cacic geschasst wurde. Dalic gelang es, Kroatien in die Relegation zu hieven, in der man sich gegen Griechenland durchsetzte. Und nun? Finale am Sonntagabend – Resultat eines sagenhaften Turniers.

Zurückkommen, das kann Kroatien

Gereift in dieser zehrenden Knockout-Runde, die laut Dalic, 51, alles über die kroatische Mannschaft vermittelt habe. «Wir lagen in allen drei Spielen mit 0:1 hinten, aber wir haben in allen drei Spielen Charakter gezeigt», sagte er mit Blick aufs Achtelfinale gegen Dänemark, das Viertelfinale gegen Gastgeber Russland und das Halbfinale gegen England, das durch Kieran Trippier früh in Führung gegangen war: «Wir sind eine Nation voller Menschen, die nie aufgeben.» In jedem dieser Spiele liess er die 59 Perlen des Rosenkranzes, den er immer in der Hosentasche mit sich führt, sachte durch die feingliedrigen Finger gleiten.

Er kann aber auch harte Hand walten lassen. Während der WM schickte er einen Stürmer und einen Betreuer nach Hause – zum Wohle eines Teams, an das er noch mehr glaubt als an seinen Gott. «Wir waren in allen Segmenten des Spiels besser», sagte Dalic, als er in Moskau so platt und direkt wie möglich gebeten wurde zu erklären, warum Kroatien gegen England gewonnen habe. Luka Modric und Ivan Rakitic sollten im Mittelfeld immer wieder früh attackieren, um die Spieleröffnung der Engländer zu torpedieren - der Plan ging auf. «Wir haben unseren Stolz, unser Herz, unsere Spieler», sagte Dalic nach dem 2:1, das durch Tore von Ivan Perisic und Mario Mandzukic in einer zehrenden Verlängerung zustande kam.

Nun also die Partie gegen Frankreich, das Rendezvous, die Neuauflage des WM-Halbfinales von 1998, das die Goldene Generation der Sukers, Bobans und Prosineckis damals nach einem überraschenden Viertelfinalsieg gegen Deutschland mit 1:2 gegen den späteren Weltmeister verlor. Natürlich könne er sich erinnern: Er war damals noch Profi bei Hajduk Split und konnte nur die Vorrunde als Fan im Stadion verfolgen; dann musste er ins Trainingslager.

«Jeder in Kroatien erinnert sich an das Spiel, an die beiden Tore von (Frankreichs Verteidiger Lilian) Thuram, die in den letzen 20 Jahren immer Gesprächsthema waren. Ich weiss noch, dass wir Sukers Führungstor feierten, aber kaum sassen wir wieder, fiel der Ausgleich.» Eine Revanche sei das Spiel gegen Les Bleus nicht. «Dies ist Sport», sagt Dalic: «Aber vielleicht gibt uns der liebe Gott die Chance, das Resultat gerade zu bügeln.»

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