Die Fehleinschätzung von Löw

Das frühe Ausscheiden Deutschlands ist überraschend. Und doch kommt die frühe Heimreise von der WM nicht völlig unerwartet.

Das Aus für das Team von Jogi Löw: Südkorea erzielt den zweiten Treffer in der Nachspielzeit. (Video: SRF)
Fabian Ruch

Der Titelverteidiger-Fluch hat auch Deutschland ereilt. Seit 2002 hat nur ein Weltmeister die Vorrunde überstanden, das war Brasilien 2006. Auch die Deutschen wirkten in Russland satt und uninspiriert. Die Aushängeschilder jener Generation, die 2010 an der WM begeisterte und vor vier Jahren gar den Titel gewann, sind schwerfällig geworden, manche vielleicht auch ein wenig überheblich. Akteure wie Mesut Özil, Thomas Müller, Jerome Boateng und Mats Hummels vermochten das Team zuletzt weder zu stabilisieren noch zu führen.

Das frühe Ausscheiden Deutschlands ist überraschend – und doch kommt es nicht völlig unerwartet. Einige Probleme begleiteten die Auswahl bereits durch die Vorbereitungszeit, schlechte Leistungen und Testspielresultate, aber auch Anzeichen von mieser Stimmung. Zudem befeuerten die türkischstämmigen Özil und Ilkay Gündogan die zunehmend negative Berichterstattung in Deutschland unmittelbar vor der WM mit ihrem fragwürdigen Auftritt an der Seite des umstrittenen türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan.

Seltsame Entscheidungen

Die Warnschüsse wurden nicht ernst genug genommen. Bundestrainer Joachim Löw verbreitete ein lässiges Wir-schaffen-das-schon-Gefühl, und er erstaunte mit seltsamen Entscheidungen. So berief er Leroy Sané nicht ins WM-Kader, dabei wäre der Premier-League-Aufsteiger von Manchester City mit seiner Schnelligkeit, Dribbelstärke und manchmal anarchistischen Spielweise eine wertvolle Hilfe gegen die drei äusserst defensiv orientierten Vorrundengegner gewesen.

Und so stellt sich die Frage, ob Löw trotz kürzlich erfolgter Vertragsverlängerung bis 2022 noch der richtige Trainer ist, um den dringend notwendigen personellen Umbau im Team zu moderieren. Nach 12 Jahren in der Verantwortung hat es sich Löw gemütlich eingerichtet, frische Impulse verlieh der 58-Jährige seiner Belegschaft schon länger nicht mehr. Nun ist er jener Trainer, der die Demütigung des ersten Scheiterns von Deutschland in einer WM-Vorrunde verantworten muss.

Die Deutschen werden diese Blamage mit Gründlichkeit analysieren. Eine weitere Staatskrise muss jedoch nicht gleich ausgerufen werden. Es rücken bestens ausgebildete Spieler nach. Sie ins Nationalteam zu integrieren, ist eine reizvolle Aufgabe. Wohl für einen neuen, unbelasteten Coach.

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