Fussball, Pride und Oper: Eine Stadt ist aus dem Häuschen

Übers Wochenende war Zürich eine einzige Freiluftbühne: Es wurde gezittert, demonstriert und gelauscht.

Was wäre die Welt ohne die Erfindung des Fernsehgeräts? Das Public Viewing auf dem Idaplatz – hier vor der Bar Calvados – zog Hunderte in den Bann. Fotos: Urs Jaudas

Was wäre die Welt ohne die Erfindung des Fernsehgeräts? Das Public Viewing auf dem Idaplatz – hier vor der Bar Calvados – zog Hunderte in den Bann. Fotos: Urs Jaudas

Liliane Minor@MinorLili
Thomas Wyss@tagesanzeiger

Es war ein Wochenende, wie es Zürich nicht oft sieht. Gleich drei Grossanlässe lockten die Menschenmassen an: die Pride am Samstagnachmittag, die «Oper für alle» am Samstagabend – und dann, gestern Sonntagabend, sozusagen als Kulmination des Wochenendes: das WM-Spiel zwischen der Schweizer Nationalmannschaft und Turnierfavorit Brasilien. Zehntausende bevölkerten die Strassen, es war ein buntes, fröhliches Treiben, die Stadt war aus dem Häuschen – buchstäblich wie sinnbildlich.

Einer der Höhepunkte der Pride Zürich war der Umzug durch die Innenstadt.

Es war aber auch ein widersprüchliches Wochenende. Da feierten sich in einer kunterbunten Parade am Samstag Schwule, Lesben und Bi, Transmenschen und Intersexuelle – sie trugen ihre Botschaft der gesellschaftlichen Vielfalt und ihre Forderung nach der Ehe für alle in die Öffentlichkeit. Gleichzeitig schlug mit der WM ein Sportereignis die Menschen in ihren Bann, das in Russland stattfindet – einem Land, wo Homo- und Transsexuelle Repression und Strafe befürchten müssen.

«Wir marschieren für die Menschenrechte»: Die Pride in Zürich. (16. Juni 2018) (Video: Tamedia)

Und zwischen diesen Extremen – zumindest zeitlich betrachtet – lauschte ein altersmässig durchmischtes Grosspublikum von 14'000 Personen andächtig den schönen Künsten auf dem Sechseläutenplatz. «Oper für alle» war angesagt – quasi das Public Viewing des Zürcher Opernhauses.

Ein gefühltes kleines Erdbeben

Das richtige, also fussballmässige Public Viewing fand dann andernorts statt (man durfte den Platz ja nicht schon so kurz nach der Abstimmung überbeanspruchen). Zum Beispiel in den vielen WM-Bars, die zwischen der City und dem Stadtrand um Publikum buhlen.

Oder aber auf dem Idaplatz, wo sich nach 19 Uhr beim Kiosk, vor der Bar Calvados und vor der Berta Bar insgesamt ein paar Hundert Fussballlustige vor den (diesmal zum Glück synchron laufenden) Fernsehgeräten versammelten, um zu fachsimpeln, die noch immer ernüchterten Deutschen zu trösten oder sich einfach mal einzutrinken.

Vielfarbig war es auch hier draussen in Wiedikon, wobei das Rot dominierte, die Schweizer Fans klar in Überzahl waren. Auffallend: der hohe Frauenanteil – und die gelöste Atmosphäre und Plauderlaune, die dafür sorgte, dass man SRF-Kommentator Sascha Ruefer, der ja nicht eben zu den Leisesten seines Fachs gehört, kaum je verstand.

Emotion pur

Das war aber gar nicht nötig, es hatte schliesslich genügend Kommentatoren vor Ort; aus den einen sprach die pure Emotion («D Schwiiz isch klar besser»), aus andern der FCZ-Fan («Und so ne Pfii­ffe spillt bi Arsenal?»). Als Coutinho mit einem Traumtor das 1:0 für die Südamerikaner erzielte, erklangen anerkennende «Oohs», als Krieger Behrami Superstar Neymar zum vierten Mal den Ball abnahm, gabs Szenenapplaus, und als Zuber schliesslich bald nach der Pause der Ausgleich für die Schweiz gelang, spürte man auf dem Idaplatz ein (zumindest gefühltes) kleines Erdbeben.

Begonnen hatte das Festwochenende am Samstagnachmittag mit dem Pride-Umzug. Tausende «Männer, Frauen und alles dazwischen» (so Florian Vock von der Organisation Pink Cross) zogen durch die Innenstadt, viele in kunterbunten Kostümen, mit der Regenbogenfahne um die Schultern, mit Glitzer im Haar und Farbe im Gesicht. Es war ein rauschendes Fest mit politischer Botschaft: der Ehe für alle.

14'000 Besucher lauschten auf dem Sechseläutenplatz den Klängen von Franz Lehár.

Am Abend auf dem Sechseläutenplatz ging es dann auch um die Ehe, aber nur auf der Grossleinwand – und in ganz anderem Kontext. Das Opernhaus übertrug «Das Land des Lächelns» von Franz Lehár live, eine Operette, deren Hauptpersonen sich unglücklich verlieben und verheiraten. Die «Oper für alle» ist den Zürchern offenkundig zur lieb gewonnenen Tradition geworden. Schon drei Stunden vor Vorstellungsbeginn bezogen die Ersten die besten Plätze; um acht war dann kaum ein Quadratzentimeter Quarzit mehr frei.

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